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Langbeinige Models und sparsame Modelle

Auf der Automobilmesse IAA buhlen die Hersteller mit Nachhaltigkeitsversprechen um Kunden

  • Von Hans-Gerd Öfinger, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 3 Min.
Auf der IAA setzen die deutschen Autohersteller auf Optimismus und Nachhaltigkeit - zumindest dem äußeren Anschein nach.

Vor dem Hintergrund der anhaltenden europaweiten Überproduktionskrise in der Branche und drohender Werkschließungen in mehreren Ländern setzt die deutsche Automobilindustrie auf die Festigung ihrer starken Marktposition und eine Ausweitung der Produktionskapazitäten. »Wir haben die Talsohle erreicht und hoffen, dass es langsam wieder aufwärts geht«, erklärte Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), bei einer Podiumsdiskussion am Rande der 65. Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt am Main. Angesichts schrumpfender Märkte und tiefer Einbrüche etwa in Italien, Frankreich und Spanien werde es aber dauern, bis die europäische Pkw-Produktion das Niveau von vor dem Krisenjahr 2009 erreiche. Mit einem Marktanteil von rund 50 Prozent in Europa und 21,5 Prozent in China stehe die deutsche Autoindustrie vergleichsweise gut da. »Wir sind noch nicht durch«, warnte aber Bosch-Aufsichtsratschef Franz Fehrenbach: »2012 waren wir zu optimistisch.«

Bei der Veranstaltung, zu der die IG Metall Industrielle, Betriebsräte und Fachpublikum geladen hatte, bekannten sich der scheidende Gewerkschaftschef Berthold Huber, Daimler-Betriebsrat Erich Klemm sowie Industrielle wie Fehrenbach und VW-Chef Martin Winterkorn zu einer fortgesetzten »Sozialpartnerschaft« in der führenden Indus- triebranche der Republik. »Beide Seiten sind dazu angehalten, nicht Niedergang, sondern Optimismus auszustrahlen«, so Huber. Während Wissmann die »kluge Tarifpolitik« der IG Metall lobte, brachte Huber das gewerkschaftliche Unbehangen über ein anhaltend hohes Ausmaß von Leiharbeit und Werkverträgen in der Autobranche auf den Punkt: »Wer nur aus Kostengründen outsourced, dem sagen wir schon jetzt den Krieg an.« Die Arbeitnehmer erwarteten »ein Signal, dass es in der Republik einigermaßen gerecht zugeht.«

Unumstritten auf dem Podium war indes die Zustimmung zur jüngsten Intervention der Bundesregierung in Brüssel, die zur Aussetzung ambitionierter EU-weiter CO2-Grenzwerte für neue Pkw mit Hilfe von Mehrfachanrechnungen (Supercredits) geführt hatte (»nd« berichtete). »Sonst wäre das zu Lasten deutscher Premiumhersteller gegangen«, so Klemm. »Das war kein Anschlag auf die Ökologie«, beteuerte Wissmann. Es gehe um eine »Balance zwischen Ökonomie und Ökologie«.

Dass sich viele Aussteller Ökologie und Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben haben, knüpft an die Jahre 2009 und 2011 an. So stellen große deutsche Konzerne neben ihren Karossen und den als Blickfang dienenden lächelnden langbeinigen Models auch demonstrativ Fahrräder aus. Spritsparende Autos sollen »Umweltverträglichkeit« und das Bemühen um »Nachhaltigkeit« signalisieren.

Umweltverbände sehen das kritischer. So spricht Jens Hilgenberg, Autoexperte beim Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), von einer »Automesse der Schönrechner« und bezweifelt etwa den angegebenen Verbrauch von 3,0 Liter pro 100 Kilometer für eine süddeutsche Nobelkarosse. Dieser Wert halte einem Praxistest nicht stand. So würden die Pkw auf einem Prüfstand ohne Luftwiderstand mit überhöhtem Reifendruck, teuren Leichtlaufölen und ohne Klimaanlage, Scheibenwischer, Heckscheibenheizung oder Navigator »getestet«. Dazu kämen Beschleunigungen im Schneckentempo und eine für deutsche Begriffe extrem niedrige Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h.

Offensichtlich hätten die deutschen Konzerne auf EU-Ebene durch ihre Lobbyarbeit nicht nur strengere Grenzwerte für den Spritverbrauch verhindert, sondern auch die Einführung eines neuen, realistischen Testzyklus. Die Regierung müsse alle legalen und illegalen Tricks zum Schönrechnen der Verbrauchsangaben unverzüglich unterbinden, so Hilgenberg gegenüber »nd«. Tatsächliche Spritersparnis neuer Motoren werde zudem durch höhere Motorleistungen, Höchstgeschwindigkeiten und zunehmendes Leergewicht fabrikneuer Pkw zunichte gemacht: »Viele Neuwagen sind sparsamer, aber auch schwerer als vor wenigen Jahren.«

Bei der von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Donnerstag offiziell eröffneten »automobilsten Show der Welt« präsentieren ca. 1100 Pkw-Hersteller und -Zulieferer aus 35 Ländern auf 232 000 Quadratmetern noch bis Ende kommender Woche ihre Produkte.

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