Die passive Revolution

Botho Strauß hat eine bezwingende Anleitung zur Verweigerung geschrieben: »Lichter des Toren«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Das Zentrum heutiger Öffentlichkeit gehört dem ausgeglühten Urteil; der Begeisterungs-Resistente gibt den Ton an; der Rationale hat absolute Meinungshoheit - der Idiot aber steht am Rande und hört weg.

Es gibt überall eine solch heftige Vernichtung der Ernsthaftigkeit, in Showprozessen, die keine Opfer kennen, sondern nur Mitwirkende (wie Botho Strauß einmal schrieb); nur was heruntergemacht wird, hat Aufstiegschancen; hartgesottene Klugheit hält alles positiv Vermeldete oder Erzählte a priori für Betrug - der Idiot aber steht am Rande und sieht weg.

In der allgewaltigen ironischen Attitüde heutzutage vollenden sich weltgeschichtliche Lernprozesse der Bitterkeit, sie haben die Spuren der Tauschkälte und der Dementierung von Idealen in unsere erfahrungskranken Bewusstseine eingeprägt. Dem Idioten aber, am Rande, vergeht Hören und Sehen keinesfalls, er rettet Beides nur, wie ein geheiligt Ausgeblendeter, ins »Dagegen« - da rundum »die Kaltschnauzen« der Geschäftigkeit agieren, »sie frieren nicht, wenn uns schon die Lippe vereist.«

Botho Strauß hat sein jüngstes Buch »Lichter der Toren - Der Idiot und seine Zeit« genannt. Der Idiot ist dieser Nebenstehende, Außenbleibende, Einfältige, ist dieser Unfähige für Gleichschritt und Konsens, er ist untalentiert, als »ein Masseteilchen der Kommunikation zu existieren«. Er ist der souveräne »Gemeinschaftsstümper«, ist lebens- und weltfremd in allen Bezügen zur funktionierenden Welt. Der Idiot in diesen elegischen Miszellen und (ja!) elitären Assoziationen, der Tor dieser essayistischen Splitter und poetischen Reflexionen ist natürlich ein krass übertreibendes literarisch-theoretisches Prinzip; aber nur, was die Realität übersteigt, derangiert sie so sehr, dass der »Möglichkeitssinn« (Musil) aufleuchten kann. Strauß macht mit seinen Beschwörungen jeglicher Verweigerung, mit seinem Affront gegen die Kompatibilität, mit der Emphase, in der sich fürs Ich verschwendet, genau jene existenzielle Differenz einsehbar, die das moderne Dasein prägt.

Denn wie leben wir? Im Großen und Ganzen mit dem Gefühl der zwei Identitäten, die am Ende nur eine halbe ergeben. Als Arbeitswesen verwerten und verwalten wir - als Freizeitwesen aber, hineingestellt in die Gesetze von Markt und Konsum, sind wir dann selber Verwertete und Verwaltete; der Job macht viele Menschen zu Funktionszynikern, privat jedoch beharren sie auf ihrer Sensibilität; kapitalistisch eingebunden und angestellt, bist du rund um die Uhr objektiver Mitentfessler von Katastrophen, für dich allein genommen allerdings die Harmlosigkeit selber. So sind wir, und wir wissen, wie wir sind - das ungute Gefühl und ein Schimmer Traurigkeit lassen sich also nicht ganz vermeiden. Aber dieses Unglück gestehen? Porenöffnung? Seelenentriegelung? Nein, Geschäftsinteresse geht vor: also den Riegel nur fester vorschieben! »Der Mensch lässt sich heute von innen nach außen leichter umgestalten als eine Schaufensterdekoration.«

Man mag Strauß demokratieunfreundlich nennen, geradezu aristokratisch (für ihn beginnt »die Geschichte der Vorbildlichkeit nicht erst mit einer vorbildlichen Verfassung«), aber seine hochfahrende Heiligsprechung des einsamen Nein-Sagers resultiert aus genauem Blick auf die Lage: Aus den großen Hoffnungen der Aufklärung ist ein negativer Erfahrungsüberschuss geworden, der das böse Erwachen inzwischen anempfiehlt, bevor uns eine schöne Illusion überhaupt noch mal träumerisch umfangen kann. Diese elende Bilanz, auf die sich die Zyniker witzkotzend fläzen, schafft zauberhaft spitze, wehmütige Strauß-Sätze. Zur Utopie: »Im Grunde erwarten wir nur, was wir bereits verklärten.« Über Weltbilder: »Weltanschaulicher Optimismus hat kaum einen Denker und nur einige wenige Dichter hervorgebracht. Pessimismus die meisten. Die größeren Entwürfe freilich entstanden jenseits von beiden.« Die Sprache: »Da wir im Deutschen glücklich zwischen Wörtern und Worten unterscheiden, darf man vielleicht sagen, dass wir eine Unmenge Wörter brauchen, um einige wenige Worte zu wechseln.« Über das Bewusstsein von Zeit: »Früher gab's mehr von dem, was war. Heute gibt’s zuviel von dem, was wird.«

Das Buch predigt den freiwillig Verstörten, der den Mut hat, sich der »anmaßenden Dürftigkeit« des »Schwarms« zu entziehen. Lebenskunst sozusagen als eine Art Selbsteinkrümmung, bei der man zu sich selber kommt - statt jener von Zweifeln ungetrübten Selbstbevorzugung, in der man, von außen gesteuert, außer sich gerät. »Der Widerspruch ist härter gegen die Schlauen zu richten als die Dummen.« Was die Schöpfung ins Verborgene gesetzt habe, »hütet der Idiot und schützt es vor den Übergriffen der zentraldemokratischen Heilsformel ›Transparenz‹, ›Öffentlichkeit‹, ›Aufklärung‹«.

Strauß' Pathos, mit beseelter Neugier und Sehnsucht Vergangenes, Verwehtes aufzurufen, das wir vergeigt haben - es wirkt wie der Begleitbrief zu einem seit Jahren andauernden Prozess politisch-ethischer Umorientierung. Denn sie ist ja auf dem Gebiet der politischer Praxis längst zu beobachten: die Abkehr - so vieler Menschen. Abkehr von der Art, wie sich das demokratische Gemeinwesen rekrutiert, und dem zyklischer Ausdruck dieser Art: dem Wahlgang alle paar Jahre. Abkehr von der Öde der Gewohnheit, die mit keinerlei Glaubensgut mehr verbunden ist. Diese Situation hat verschiedenste Typen der Unzufriedenheit hervorgebracht: den Protestwähler, den Parteiflüchtling, den Nichtwähler, den allgemein Verdrossenen, auch den Spaßguerillo. Vielleicht kann man das schon als passive Revolution des demokratischen Verhaltens bezeichnen kann.

Wir stehen an der Schwelle zu einem komplett frei flottierenden Wählermarkt, der das, was früher Milieu hieß, ersetzt mit neuen Vernetzungen, neuen Kontaktkreisen, nur nicht mehr so großflächig und lebenslang angelegt wie einst, sondern beliebig kombinierbar, schnell kündbar, leicht ersetzbar. So wird Politik, auf allen beteiligten Seiten, mehr und mehr zum Spiel der fixen Reflexe und einer gewissen Unbeschwertheit. Dahinein keilt Strauß, er schrieb mit diesem Buch einen Roman ohne Handlung, den Roman einer wunschgeborenen Denkungsart, schrieb einen neuen »Taugenichts«, gewachsen und gefügt aus lauter Bewusstseinsfragmenten.

Der uckermärkische Eremit sieht letztlich das gesamte gesellschaftliche System auf den Ruin zusteuern - und wer sich politisch noch immer am vermeintlich möglichen Rettungswerk beteiligt, ist dem Autor wohl nur ein Idiot ganz im herkömmlich profanen Sinne.

Alternativlos, dieser Weg in den Untergang? Um des lieben Lebens willen drängt sich doch trotzdem Kants Frage auf: »Was darf ich hoffen?« Wahre Hoffnung setzt bei Strauß die Zerrissenheit einer unverhüllt gelebten, erlittenen Existenz voraus - um überhaupt ein unstillbares Bedürfnis nach Erlösung ausbilden zu können. Also: Hinter jeder Realität steckt eine noch ganz andere Option, die aus dem Kerker des gerade Existierenden befreit werden muss. Strauß vermittelt dies mit Melancholie, Sanftmut und ohne jeden Versuch, beides in einem Zornesbad seines hohen Geistes zu härten.

Er ist ein »leiser Frager; ein frei und ungebunden flüsternder Mann.« Es gibt bei ihm keine völlige Absage an den Menschen, aber er weigert sich, »das menschliche Schicksal in den Revolutionen des Komforts sich erfüllen zu sehen«. Und lebensgeneigter kann kritische Kultur ja wohl kaum sein: »Jeder gutgewachsene Satz, den ein tiefer Pessimist niederschreibt, bejaht als solcher die Welt.«

Botho Strauß: Lichter des Toren - Der Idiot und seine Zeit. Diederichs Verlag München. 176 S., geb., 20 €.

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