Trauer im Land des Champions

Schach-WM: Der Norweger Carlsen nutzt einen Blackout des Weltmeisters Anand zum 6:3

Bei der Schach-WM in Indien steht der Norweger Magnus Carlsen kurz vor dem Titelgewinn. Der 22 Jahre alte Herausforderer gewann am Donnerstag gegen den amtierenden Champion Viswanathan Anand aus Indien auch die 9. Partie und führt jetzt im Gesamtklassement mit 6:3 Punkten.

Die Geschichte der Schachweltmeisterschaften ist voller dramatischer Momente, gestern fügte der Inder Viswanathan Anand ein neues Kapitel hinzu. In der 9. Partie gegen seinen Herausforderer Magnus Carlsen aus Norwegen setzte der Titelverteidiger alles auf eine Karte - und verlor.

In dem vorentscheidenden Spiel eröffnete Anand, der Weiß hatte, erstmals mit seinem Damenbauern. Mit zwei Punkten im Rückstand musste er neue Wege gehen und vor allem attackieren. Carlsen wählte die Nimzoindische Verteidigung, worauf sich ein spannender Kampf auf beiden Flügeln entwickelte. Während Anand seine Bauern auf der rechten Brettseite nach vorn schickte, um einen Mattangriff gegen Carlsens Königsflügel zu starten, agierte der Norweger beherzt am Damenflügel. In solchen Situationen kommt es auf jedes Tempo an, und einmal mehr war der Weltranglistenerste schneller. Er holte sich eine Dame, musste dabei jedoch immer auf Anands Angriffsversuche achten. Der Inder brachte seinen letzten Turm ins Spiel und wollte mit ihm auf die h-Linie schwenken, wo er gemeinsam mit der weißen Dame für das Ende des schwarzen Königs sorgen sollte. Es war schön ausgedacht, aber dann passierte Anand im 28. Zug wieder ein Malheur, das Kommentatoren und Zuschauer schier aus der Fassung brachte.

Auf ein Damenschach von Carlsen zog der Inder seinen Springer vor den eigenen König, was sich als entscheidender Patzer erwies (siehe Diagramm). Hätte Anand den Läufer als Schutzschild genommen, wäre sein gefährlicher Angriff weiter gegangen. Nun aber konnte Carlsen seine gerade erworbene Dame so platzieren, dass sie den tödlichen Turmzug des Weltmeisters auf die h-Linie verhinderte. Der bestürzte Anand gab die Partie sofort auf, er hätte am Ende der missglückten Operation einen ganzen Turm weniger gehabt.

Die Schachwelt und vor allem Anands Anhänger sind schockiert. Solche Fehler passieren dem »Tiger von Madras« sonst nicht. Doch während des ganzen WM-Matchs lief Anand seiner Form hinterher. Gern hätte der freundliche Inder in seiner Heimatstadt Chennai noch einmal den Titel verteidigt, doch gegen einen Carlsen war er machtlos. Die Taktik des Norwegers ging auf: Er spielte seinen Gegner müde. Anands Fehler stellten sich mit zunehmender Spielzeit fast von selbst ein.

Auch bei früheren Weltmeisterschaften passierten schon wahre Tragödien, so 1892 in Havanna dem Russen Michail Tschigorin gegen den Österreicher Wilhelm Steinitz oder 1910 in Berlin dem Österreicher Karl Schlechter gegen den Deutschen Emanuel Lasker. Auch der große Michail Botwinnik profitierte 1951 in Moskau davon, dass sein führender Landsmann David Bronstein im vorletzten WM-Spiel die Nerven verlor. Nach solchen fatalen Fehlern im entscheidenden Moment fühlen sich Schachspieler genauso wie Fußballer, die im WM-Finale einen Elfmeter verschießen. Sie sind die einsamsten Menschen auf der Erde.

Die heutige 10. WM-Partie in Chennai wird zum Schaulaufen für Carlsen. Er benötigt nur noch ein Remis zum Titelgewinn. In Norwegen wird schon die WM-Feier vorbereitet. In Indien aber herrscht Bestürzung.

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