Flucht zu den Büchermenschen

Ray Bradburys »Fahrenheit 451« als Theaterfassung in Potsdam

Der 1953 veröffentlichte Roman »Fahrenheit 451« ist angesichts der Prophezeiungen vom Tod des Buches und in Zeiten zunehmender geistiger Verzwergung als Folge eines immer seichteren Fernsehprogramms aktuell geworden. Er spielt ja bekanntlich in einer Stadt, in der das Lesen zum größten Verbrechen geworden ist, weil es zum Denken anregt und so die öffentliche Ordnung gefährdet. Geistige Nahrung reduziert sich auf die Berieselung mit biedersinnigen Fernsehshows und Dokusoaps. Die Feuerwehr rückt nicht mehr zum Löschen von Bränden aus, sondern zum Verbrennen von Büchern. Auf dem Helm tragen ihre Angestellten die Zahl 451, weil diese Zahl in Fahrenheit die Temperatur anzeigt, ab der Papier zu brennen beginnt, und auf dem Ärmel einen gelben Salamander, weil der als einziges Lebewesen im Feuer überleben kann. Protagonist ist der Feuerwehrmann Guy Montag, der zunächst wie ein tumbes Herdentier den Befehlen seines Vorgesetzten Beatty folgt - bis er eines Tages auf die schöne Clarisse trifft, die ihm die Augen für die Schönheiten der Natur und den Wert des geschriebenen Wortes öffnet. Als er dann noch Mrs. Hudson erlebt, die sich lieber mit den Büchern verbrennen lässt, als sich dem Leseverbot zu beugen, beginnt er selbst zu lesen und den Kontakt mit den »Buchmenschen« auf der anderen Seite des Flusses aufzunehmen.

Unzählige Übersetzungen gibt es, François Truffaut hat einen bewegenden Film mit Oscar Werner in der Hauptrolle geschaffen, Computerspiele zum Thema wurden entwickelt und Michael Moore hat einem aufstörenden Film über die amerikanische Gegenwart den Titel »Fahrenheit 9/11« gegeben.

Die in Potsdam gespielte Theaterfassung von Ulrich Fischer bleibt über weite Strecken eng am Roman. Am Ende dreht der Held den gegen ihn gerichteten Flammenwerfer um, richtet ihn gegen seinen Peiniger Beatty und flieht zu den »Buchmenschen«. Zusammen mit der Bühnenbildnerin Alissa Kolbusch verzichtet Regisseur Niklas Ritter auf die naturalistische Nachbildung der von Bradbury gezeichneten szenischen Schauplätze. Ein Einheitsbühnenbild bietet Raum für Montags Wohnung, für Feuerwache und das Quartier der Buchmenschen. An einer hoch in den Bühnenhimmel reichenden Eisenstange seilen sich die Feuerwehrmänner vor dem Einsatz ab und an der gleichen Stange windet sich Montags Frau Mildred, wenn sie ihren Mann ins Bett locken will.

Der Regisseur sucht - wohl wissend, dass viele Vorgänge des Romans nur schwer auf die Bühne zu bringen sind - nach zeichenhaften Bildlösungen. Am Anfang entern Männer in weißen Kampfanzügen die Rückwand der Bühne und schreiben den Stücktitel auf weiße Stoffbahnen, die sie über diese Wand geworfen haben. Eben jene weißen Stoffbahnen werden hektisch von den Wänden gerissen, wenn die Bücher der Mrs. Hudson dem Feuer überantwortet werden. Um die Selbstanzündung jener Mrs. Hudson ins Bild zu zwingen, schüttet die sich einen Eimer mit feuerroter Farbe über den Kopf, und die Feuerorgie in Montags Haus wird dargestellt durch das entfesselte Verspritzen von gelber und roter Farbe.

Den Montag spielt Dennis Herrmann nicht als einen heißblütigen Rebellen, sondern als einen nachdenklichen jungen Mann. Das ist einer, der zunächst eins ist mit sich und der Welt. Fast schwärmerisch erzählt er vom Brennen der Bücher und vor dem Mädchen Clarisse verteidigt er unbeirrt die Notwendigkeit der Strafaktionen. Zur Irritation wird für ihn die Hartnäckigkeit der Mrs. Hudson, und staunend erkennt er nach dem ersten Lesen, dass sich in den Büchern gleich mehrere Menschenschicksale verbergen. In seiner Darstellung dominiert das Staunen und Nachsinnen über das emphatische Aufbegehren. Das führt zwar zu einem Zuwachs an Glaubwürdigkeit, aber zu einem Verlust an Dringlichkeit. Das Problem der Aufführung: Montags Erkenntnisse sind zu selten Ergebnisse von konkret ausgetragenen zwischenmenschlichen Konflikten. Einzig in der Szene mit Mrs. Faber (Rita Feldmeier) wird Montag vom Spielpartner zur Reaktion gezwungen. Im Gegensatz zum Roman gewinnen auch die beiden Frauen - Ehefrau Mildred (Kristina Pauls) und das Mädchen Clarisse (Patrizia Carlucci) - zu wenig an Eigenleben. Clarisse bleibt eine unbedarfte Schwärmerin und Mildred über weite Strecken das lüsterne Betthäschen, das im Vokabular der bunten Presse von ihren schauspielerischen Ambitionen redet. Aufhorchen dagegen lässt ihre Wandlung zum Schluss, wenn sie sich verzweifelt vom noch immer geliebten Ehemann losreißt. Insgesamt neben überzeugenden Momenten viel Leerlauf.

Nächste Vorstellungen in der Reithalle des Hans-Otto-Theaters: 1., 15., 23.2.

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