Bitte nicht so laut

Die Schauspielerin Christine Schorn wird 70

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Wenn eine der Gestalten von Christine Schorn schmollmundig wird oder sich in ein sehr spezielles Grinsen wirft, dann weiß man nie, ob die Frau jetzt Waffe zeigt oder sich gerade entwaffnet. Mit den Jahren hat diese Künstlerin im Spiel zu wunderbarer Skurrilität gefunden, zu einer schutzpanzerhaften Weltfremdheit mitunter, die so erlitten wie erfunden ist, so tragisch umflort wie kokett umglitzert.

Sie mag auf der Bühne mürrisch nach Liebe und Güte rufen, aber sie ruft das Leben immer auch umgehend und unsentimental zur Ordnung. Ruft gar nicht so sehr, eher flüstert sie. Großer Bausch und großer Bogen haben es schwer bei ihr. Wo das Gefühl trotzdem hochkocht, wird von irgendwoher, mit Sinn für alle Blödelei der Welt, ein Deckel herbeigespielt, und drauf kommt er! Sie ist darstellend eine betont Praktische, die bis zu einem gewissen Punkt alles tapfer weglebt. In den Spiel-Augen ist aber etwas, das Filmregisseur Lothar Warneke in die Worte fasste: »Sie stand einfach da, und das tiefste Wesen eines Menschen wurde sichtbar, die unendlichen Möglichkeiten, die sich entfalten wollen, und die Tragödie ihrer Verhinderung.«

Warneke drehte mit der Schorn 1982 den DEFA-Film »Die Beunruhigung«, das Drama einer krebskranken Frau, und was er da über sie sagte, ging zurück auf den Eindruck von einer ihrer großen frühen Rollen - in einer der zauberhaftesten Inszenierungen, die es je am Deutschen Theater gegeben hat: Lorcas »Dona Rosita bleibt ledig« in den Kammerspielen, zur Szenerie hervorgeträumt damals von Siegfried Höchst und Horst Sagert. Mit Hentsch, Keller, Grube-Deister, Wachowiak - und eben der Schorn, die von Warneke im Übrigen als Zweiheitswesen von »Hexe und Heilige« gesehen wurde. Suchte man denn unbedingt nach dem Wort, das beides vereint, bliebe nur: Weib. Raffiniert scheu. Mit Bockigkeit und ungelenkem Charme experimentierend. Die Kunst des Abwartens und Abtastens mit gnadenloser Geduld betreibend. Allergisch gegen Unterwerfung - wie es nur Seelen sein können, die’s überstanden haben. Die ums wehe Gefühl wissen, sich als unnötig zu empfinden. In einer Familie, in einer Gruppe, gar auf der Welt. So entsteht eine Träumerin.

In Viktor Rosows »Unterwegs« (Regie: Hans Diether Meves und Friedo Solter) betrat die Fast-noch-Studentin Schorn, mit zwanzig, die Bühne des Deutschen Theaters Berlin. Dieter Mann als Wowa und Christine Schorn als blonde Sima. Der weite Rock, und so zupackend, dieses Mädchen, und überhaupt nicht zimperlich. He, wo ist der Weg ins Leben? Immer nur federnd geradeaus! Das war einmal.

Fünfzig Jahre, das ist viel. Es bedeutet, dass diese Schauspielerin seitdem ihr Werk betrieb unter Aufsicht all derer, die in besagtem halben Jahrhundert an diesem Deutschen Theater arbeiteten. Natürlich ist die Aufsicht keine Wärterschaft, sondern tollkühn verschworene Kameraderie, die dem Hause frech als Geist in den Wänden und in den Knochen steckt. Diese Zugehörigkeit ist der Schorn aber nie zum arroganten Groll jener geworden, die in jedem ungelenken Neubeginn, in jedem Anderswerden von Verhältnissen und Vermögen sofort Maßstabverrat und Untergang wittern. Jede Zeit hat ihre Everests und ihre Erdhügel, und der große Messner und der kleine Maulwurf finden beide ihr jeweiliges Publikum, und Höhepunkte, welche die Erinnerung so gern aufruft, weil etwas zu Ende ging - ach, ihre Beschwörung, aus der jeweiligen Zeit herausgerissen und wie ein Mythos gegen das Neue gesetzt, sind oft nur eine melancholische Form des Selbstbetrugs

Über fünfzig DT-Bühnenjahre. Da sie in der legendären »Nathan«-Inszenierung von und mit Wolfgang Heinz erst Recha war - dann Rollenwechsel, zunächst also aufgekratzt jung, dann gütig erfahren, in einem Longseller eine wunderbare Kunst-Reise durch die Zeit. Hier kann jetzt nur Jüngeres herausgegriffen werden: In Thomas Langhoffs »Geschichten aus dem Wiener Wald« spielte sie die Valerie vom Trafik-Laden. Das nahezu geile Welken dieses späten Mädchens, dessen fast rührend-emsige Triebhaftigkeit wurden durch große Sekunden der traurigen Nüchternheit gebrochen. Diese Frau glaubt an gar nichts mehr, aber sie würde gern. In Konstanze Lauterbachs »Bluthochzeit«, ebenfalls von Lorca, war die Schauspielerin die Mutter einer verlassenen Braut: irr-heitere Einsicht in den Gang eines entsinnlichten weiblichen Lebens; ein hartes, strenges Elend aus rituell gesteigerter Einkapselung. In der RAF-Studie »Zeugenstand« von Andreas Dresen gab die Schorn die Witwe eines von Terroristen ermordeten bundesdeutschen Juristen, Charlotte von Rodenberg. Fast starrer Blick, den gelähmten Arm sorglich im Schoß gebettet, die Sonnenbrille dazugelegt - die Schorn zeigte kalte Fassade, porträtierte aber eine Seele. Unvergesslich die verträumte, raffiniert ergebene Schwester des »Herrn Paul« in Tankred Dorsts gleichnamigem Stück in den Kammerspielen, in der Titelrolle Kurt Böwe. Mit ihm zusammen las sie auch den Briefwechsel zwischen Fontane und seiner Emilie. Die Schorn als Dichtergattin: ganz sanfte Zurechtweisung, fast ängstliches Insistieren auf eine eigene Wahrheit, eine Frau von hinterlistig munterer Bestimmtheit - die mit Grandezza trägt, was ihr in dieser Ehe aufgebrummt ist.

Christine Schorn, mehrfach preisgeehrt, hat in vielen Kino- und Fernsehfilmen mitgewirkt (»Der Dritte«, »Erziehung vor Verdun«, »Die Frau und der Fremde«, »Frei nach Plan«, »Novemberkind«, »Das Leben ist nichts für Feiglinge«, »Einmal Leben bitte!«). Vielfalt, ja - aber jede darstellerische Vielfalt legt nur immer wieder neu eine darstellerische Eindeutigkeit frei. Bei der Schorn? Sie wird gepiesackt - und strahlt zähe Würde aus. Noch im Niederlagenschluchzen ein schniefender Trotz. Oder ein beinahe maniriertes Nölen. Oder ein Selbstbewusstsein, das wie geborgt scheinen mag, aber Leere wird ihr nichts antun. Sie wird die Leere spüren und keine Affäre daraus machen; auch keine Schmerzensschnauze, weit hörbar. Eine gefühlsechte Anti-Heulsuse. Tanzend auf Messers Schneide, aber bitte mit beiden Beinen.

Im Fernsehen ist eines besonders in Erinnerung geblieben: Neben Götz George als an Alzheimer erkranktem Busfahrer in »Mein Vater« spielte die Schorn ergreifend eine Kneiperin, die zur letzten, scheuen Liebe dieses Mannes wird. Als er sie, in Verwirrung, blutig schlägt, weil er sie plötzlich für eine Fremde hält - da steigert Schorn, in einer einzigen Szene, ihre Abkehr von diesem Richard; eine Zerreißprobe zwischen Schwäche und Treue. Die Treue spricht aus ihr, die Schwäche schweigt - aber siegt. Und die Frau geht weg, für immer.

Gäbe es ein Buch über sie, der Titel könnte lauten: »Bitte nicht so laut«. Denn sie weiß, was sie kann, aber sie tönt nicht davon. Bei lässlichen Erwiderungen auf Preisverleihungen dankt sie niemals allen möglichen Leuten, nicht etwa, weil sie undankbar ist, nein, sie weiß einfach um den Wert ihrer urpersönlichen Arbeit, die den jeweiligen Preis verursachte. Punktum.

Am morgigen Sonntag wird die Schauspielerin, 1944 in Prag geboren, siebzig.

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