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Geschichte auf dem Tisch

Zinnfiguren und Spielgelände werden per Maßband und Würfel zur Erlebnishistorik

Zusammen mit seinem Partner Jan Groß hat der 30-jährige Sozialpädagoge Niko Kuske aus Bielefeld die schwere Krise, von der im Jahr 400 u. Z. die römische Provinz Germania Inferior am Westufer des Rheins erschüttert wurde, zum Ausgangspunkt für das Spiel »Triumphus et Tragoedia« genommen: liebevoll bemalte Figuren in einem Landschaftsmodell. Vom großen Spaß am Tabletopspiel (siehe Infokasten) lässt sich nd-Autor René Gralla im Interview anstecken. Ihm kommt es vor, als träfen sich da auf dem Spieltableau Modelleisenbahnbau mit Schach und Backgammon.

nd: Sie sind ein erwachsener Mann und spielen mit bemalten Figuren. Sind Sie und Ihre Freunde im Herzen kleine Jungs geblieben?
Kuske: Natürlich sind die Figuren sehr schön, aber das ist nur ein hübscher Bonus. Im Vordergrund steht, dass wir eine Epoche nacherschaffen, bloß eben im verkleinerten Maßstab, und uns zugleich handwerklich ausprobieren. Man kann das eine Art Erlebnishistorik nennen.

Erlebnishistorik? Klingt hoch gegriffen.
Trifft die Sache aber ziemlich gut. Alle Leute, die sich wie wir mit historischen Tabletopspielen (Spiele auf der Tischplatte - d.R.) beschäftigen, geben sich insofern viel Mühe, recherchieren vorher intensiv, bevor sie ein neues Projekt beginnen.

Für Ihr Spielszenario »Triumphus et Tragoedia« sind Sie gut 1600 Jahre zurück gegangen, als die römische Rheingrenze unter dem Ansturm der Germanen wankte.
Das war eine äußerst wechselhafte, aber gerade dadurch auch spannende Epoche, das Ende der Spätantike und der Anfang des Frühmittelalters. Die Grenzen zwischen den Kulturen begannen zu verschwimmen, Römer und Germanen näherten sich auch äußerlich in Kleidung und Bewaffnung an.

Was Sie an jeder einzelnen Ihrer Miniaturen durch filigrane Bemalung herausgearbeitet haben, obwohl die Zinnfiguren gerade mal 28 Millimeter messen. Wie haben Sie das so exakt hingekriegt?
Sie brauchen einen feinen Pinsel und müssen einige Tricks kennen. Beispiel Schattenwirkung: Acrylfarben, mit denen wir arbeiten, einfach stärker verflüssigen, dann sammeln die sich in den Vertiefungen der Figuren und erzeugen die gewünschten Effekte.

Die Figuren stehen auf einem nachgebauten Geländeabschnitt. Sind Sie ein verkappter Modelleisenbahner - bloß ohne Loks und Wagen und Schienen?
Klar, die Wurzeln lassen sich schwer verleugnen. Wobei es einen grundsätzlichen Unterschied gibt: Bei der Modelleisenbahn ist der Aufbau statisch, nachdem er erst einmal fertig ist. In unseren Tabletopszenarien gestalten wir Landschaften modular, so dass wir sie für ein neues Spiel auch in eine andere Zeit an einem anderen Ort transformieren können.

Wie lange haben Sie an den gut 70 Zinnfiguren und dem sonstigen Drumherum gewerkelt?
Fünf Figuren schaffe ich in ungefähr vier Stunden. Das Spielgelände lässt sich in einigen wenigen Tagen kreieren, wenn man Übung hat und weiß, was man will. Allerdings hat die römische Villa einige Zeit verbraucht, mein Projektpartner Jan Groß hat zwischen 20 und 30 Stunden daran gesessen.

Und wie funktioniert das nun spielerisch, wenn die beiden Miniarmeen aufeinander treffen?
Jedem Figurentypus wird eine spezifische Reichweite zugewiesen. In unserem Szenario rückt die Infanterie pro Spielzug sechs Zoll vor und die Kavallerie acht. (15,24 bzw. 20,32 Zentimeter - d.R.).

Sie messen das akribisch. Und wie ermitteln Sie, welche gegnerischen Figuren während Attacke und Verteidigung ausgeschaltet werden?
Durch Würfel, mit denen die vielen Unwägbarkeiten eines Gefechts simuliert werden. Wir haben uns dabei an Regelhandbüchern orientiert, die für verschiedene Epochen auf dem Markt sind.

Indem Sie Figureneinheiten verschieben, aber das eventuelle Resultat auswürfeln, scheint Ihr Spiel einige Elemente von Schach und Backgammon zu kombinieren...,
... allerdings muss man einräumen, dass die beste Strategie scheitert, wenn das Würfelglück versagt.

Ist das dann aber am Ende nicht etwas schade?
Nein. Beim Tabletopspiel geht es weniger darum, wer gewonnen oder verloren hat. Im Vordergrund steht das Erlebnis, eine bestimmte Epoche wiederzubeleben und sich mit seinen Freunden auch über unerwartete Situationen zu freuen. Durch den eingebauten Zufallsfaktor gibt man etwas Kontrolle ab und muss dann die Sache nicht so verbissen sehen.

Werden Kriege eigentlich so nicht auch etwas verharmlost und kommt beim Spiel nicht auch eine gehörige Portion Aggression hoch?
Das halte ich für ausgeschlossen. Die Menschen, die ich über dieses Hobby kennengelernt habe, sind die friedlichsten, die ich bisher getroffen habe. Und ein Bekannter machte folgende Erfahrung: Er betreute verhaltensauffällige Kinder und bot dabei auch Tabletopspiele an. Er war immer wieder beeindruckt davon, wie ruhig diese Kinder wurden, sobald sie Figuren anmalten, Landschaftsmodelle bauten und darauf agierten.

Und was ist für Sie persönlich das Schönste an diesem Spiel?
Die lange Reise, eine Epoche aussuchen, die Figuren zusammenstellen und bemalen, eine Landschaft schaffen und ein Regelwerk erarbeiten. Und wenn anschließend die eigene Idee zur Wirklichkeit wird - indem andere Leute das spielen, was man vorbereitet und sich ausgedacht hat.

Tabletopspielen: Kinder-, Jugend- und Familientreff »Käseglocke«, Leonorenstraße 65, 12247 Berlin (am S-Bahnhof Lankwitz), jeden Donnerstag 16 - 19 Uhr (Kinder und Jugendliche) und 20 - 23 Uhr (Erwachsene); weitere Infos: www.kaeseglocke.de

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