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Eine Ost-West-Geschichte

Erfahrungen einer Grenzgängerin: Angelika Klüssendorf erzählt von Verletzungen und schwieriger Selbstsuche

  • Sabine Neubert
  • Lesedauer: 3 Min.

Die junge Frau hat sich selbst den Namen April gegeben - nach einem Song von Deep Purple. Ob es ihr ganz bewusst ist oder nicht: Der Name passt zu ihr. April ist unausgeglichen, wetterwendisch, mal glücklich, mal tief betrübt und voller Sehnsucht, so wie ein Frühlingstag auch sein kann. Sie ist schwach und schwankend wie ein einsames Rohr im Wind, im Inneren tief verletzt und verletzlich.

Eine traurige Kindheit liegt hinter ihr, in der sie nie richtig Kind sein konnte, zuerst in einem kaputten Elternhaus mit einem trinkenden Vater und einer selbstsüchtigen Mutter, später dann in einem Kinderheim. Eine Lehre hat April abgebrochen, nun hat man ihr eine Büroarbeit zugewiesen. Auch da wird sie erst einmal scheitern.

Aprils neuer Lebensabschnitt beginnt Ende der siebziger Jahre in Leipzig in einem düsteren Untermietzimmer. Das aus der Kindheit herüber gerettete Gepäck besteht aus einem kleinen Koffer und ein paar Erinnerungen an Kinderfreundschaften. Ihre ersten Versuche, selbstständig zu leben, enden zumeist in einem Debakel, ob es um Freundschaften, Liebesgeschichten oder die Arbeit geht. Überall stößt sie an Grenzen, sie überschreitet Grenzen, zieht sich Blessuren zu. Jedem Glückserlebnis folgt ein Absturz.

Dabei ist April keineswegs kontaktarm, im Gegenteil, sie findet immer wieder neue Freunde, und das sind sehr oft interessante Typen, durch die sie mit alternativen Gruppen in Berührung kommt. Geschickt schildert die Autorin fast unmerklich die kleinen Schritte der jungen Frau hin zu einer vagen Selbstfindung. Ein neuer Arbeitskollege ermuntert sie, erste kleine Texte zu schreiben. Dann lernt sie den selbstbewussten Regisseur Hans kennen, bekommt von ihm einen Sohn, und sie versuchen zusammen so etwas wie ein Familienleben.

Die Zeit geht voran und steht doch still. Freunde stellen Ausreiseanträge. Auch April und Hans stellen eines Tages einen. Nach einer gewissen Wartezeit landen sie schließlich in Berlin-Kreuzberg - und damit wieder in der alternativen Szene, die der früheren in Leipzig in vielem nicht unähnlich ist. Aprils Selbstsuche geht weiter...

Angelika Klüssendorfs Roman mit der Schilderung zweier sozialer Milieus ist eine historische Ost-West-Geschichte, wie das Land damals zweigeteilt und durch das Psychogramm einer Grenzgängerin zusammengehalten. In sie hat sich die Autorin erstaunlich lebhaft hinein versetzt. Die Schilderung der Randmilieus entgeht allerdings nicht einigen Klischees. Diese Szenen haben ja tatsächlich Ähnlichkeit (gehabt), nur bestehen die der DDR hauptsächlich aus Gruppen junger diskutierender, Weltliteratur lesender Menschen, während in Kreuzberg mehr Bilder malende, Drogen konsumierende Individualisten anzutreffen sind. Das ist nicht schlecht beobachtet. Trotzdem sollte man sich hüten, das Buch als Abrechnung mit Vergangenheit zu lesen.

Angelika Klüssendorf: April. Roman. Kiepenheuer & Witsch. 219 S., geb., 18,99 €.

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