Nach dem Ursprung von Bewegung forschen

Isabelle Schad zeigt in den Uferstudios das Solo »Form und Masse«

Schon als Kind habe sie zu Musik getanzt und dabei den Teppich durchgewetzt, schmunzelt Isabelle Schad. Im Rhythmikunterricht sei sie als Zweijährige über der Trommel eingeschlafen. Beides kein Wunder - bei einer Musiklehrerin als Mutter. Es lag nah, das Mädchen zum Tanz zu schicken. Der ersten Privatschule folgte die John-Cranko-Schule, auch dies bei einer Stuttgarterin kein Wunder. Weil Isabelle das Abitur ablegen wollte, wechselte sie erneut auf eine Privatschule. Und hatte danach Engagements an den Theatern Dortmund, Bern und, mit vier Jahren am längsten, Chemnitz.

Was sie störte: der »Tunnelblick« auf Ballett, die Hangelei nach einem Platz in der Hierarchie. Wer jedoch klein gewachsen ist, hat geringe Chancen. Mehr Freiheiten gestattete ihr Hermann Rudolph, damals Ballettchef in Chemnitz, er setzte sie im »Nussknacker« als Mausekönig im Charakterfach ein. Und dennoch spürte Isabelle, dass sie nach etwas Anderem suchte. Bei Sommerkursen sog sie zeitgenössischen Tanz auf, wo immer sie lernen konnte.

Ihre Mühen wurden belohnt. Beim Vortanzen für die renommierte belgische Gruppe Ultima Vez erhielt sie unter 700 Bewerbern eine der zwei freien Positionen, konnte sich dort in der stark physischen Arbeit austoben, liebte es, »sportliche Energie zu entwickeln, sich reinzuschmeißen«. Es waren die natürliche Art, sich zu bewegen, und die damit verbundene Freiheit, die sie anzogen.

Was sie störte, waren die Machtstrukturen, die auf der Bühne Stereotype erzeugten. Und weil sie bereits bei Ultima Vez kleine Choreografien entwerfen durfte, wagte sie den Sprung in die Unabhängigkeit. Isabelle Schads erste Arbeit, das Duett »Amorph erstarrte Schmelze« über das Zwielicht der Gefühle, in Dresden uraufgeführt, wurde zugleich ihr Durchbruch als freie Choreografin und »eine große Starthilfe«, erinnert sie sich. Das war 1999. Was damals eher intuitiv aus ihr herausströmte, ist nach 15 Jahren intensiven Experimentierens der Bewusstheit gewichen, wie sich »Wollen in Handwerk und Bild ausdrückt«.

Heute zählt Isabelle als solide Choreografin zu den Säulen des zeitgenössischen Tanzes in Berlin. Leicht sei der Weg nicht gewesen, bekennt sie, all die Hochs und Tiefs zu durchleben. Begann sie mit personell kleinformatigen Choreografien, so präferiert sie jetzt Gruppenstücke: »als Utopie einer Gemeinschaftsbildung, meine politische Entscheidung gegen Machtdenken und kapitalistischen Wettbewerb«. Es gehe um »flache« Hierarchien ohne Neid, denn »alle Körperteile sind gleichwertig und auch alle Tänzer«.

Nicht die Idee sei der Ausgangspunkt ihrer Stücke, sondern die Körperpraxis, aus der die choreografische Praxis, schließlich das Bild entstehe. Die Hinwendung zur bildenden Kunst verdankt sich ihrer Kooperation mit dem Künstler Laurent Goldring. Von ihm lernte sie, »was zu einem Bild führt, wie Momente zum selbstständigen Bild werden«. Anregen lässt sie sich dabei auch von Literatur. So gab zu den beiden Stücken »Der Bau« Franz Kafkas gleichnamige Erzählung den Anstoß. Wie das Tier, das sich bei Kafka einen Bau schafft, hüllte sich im Solo die Tänzerin, Isabelle selbst, in Tücher und schuf so eine zweite Haut, die gleichsam zwischen Körper und Außenwelt vermittelt.

Im Gruppenstück selben Titels halten die zwölf Akteure gefüllte Sitzsäcke zwischen sich und dem Raum, werfen sie zur immer neuen, einfallbedrohten Skulptur auf, die bald Nest, bald Last oder Schutzwall ist. »Der Bau - Gruppe«, sagt Isabelle, empfinde sie als »Landschaftsmalerei«.

»Form und Masse« wäre das zugehörige Porträt - eine Arbeit, die nun in den Uferstudios zu sehen ist. Solistin Sonja Pregrad, ausgestattet mit Sitzsäcken, wird hier zu Alice im Wunderland, wie ihr fantastische Figuren erscheinen, sich Kissen türmen und wieder zusammenziehen. Auch um das Verhältnis von Energie und Materie, Material und Bewegung gehe es, sagt Isabelle Schad: »Dennoch keine Diktatur des Blickes von außen, aber auch Offenheit braucht eine Form.« Und braucht finanzielle Unterstützung. Auf zwei Jahre erhält sie Basisförderung durch den Kultursenat, muss trotzdem Drittmittel akquirieren, um die Tänzer bezahlen zu können. In ihrem eigenen Probenort, Wiesenburg-Halle, bietet Schad offene Practice Sessions. Und strebt schon vorwärts zu neuen Einsichten: durch die ganzheitliche, an der chinesischen Medizin orientierte Berührungskunst Shiatsu und die einstige Schwertkampfkunst Aikido, um die Trennung von Kopf und Körper aufzuheben, nach dem Ursprung von Bewegung zu forschen.

13.-15.3., jeweils 19 Uhr, Uferstudio 14, Badstr. 41a, Karten: (0179) 689 04 38, www.uferstudios.com

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