Ein Riss geht durchs Rheintal

Wie viele Windräder verträgt die Weltkulturerbe-Region um Loreley und Burg Stahleck? Eine Studie sorgt für Streit

  • Christian Schultz, Koblenz
  • Lesedauer: 4 Min.
Im UNESCO-Welterbe-Gebiet Mittelrheintal gibt es Ärger: Eine Studie empfiehlt, in Sichtweite zu Fluss, Burgen und Aussichtspunkten keine Windräder zu bauen. Kommunen am rechten Ufer protestieren.

Nur 160 Meter ist der Rhein an der weltberühmten Loreley breit. Doch derzeit trennen beide Seiten Welten - was den Bau von Windrädern angeht. Darüber streitet die idyllische Region erbittert, rechts und links des Stroms werden verschiedene Interessen verfolgt. Die einen wollen Anlagen bauen und hoffen auf Einnahmen, die anderen sehen den Unesco-Welterbe-Titel des Oberen Mittelrheintals in Gefahr. Entbrannt ist eine hitzige Debatte.

Angeheizt hat den Konflikt eine Studie im Auftrag des Mainzer Kulturministeriums sowie des Welterbe-Zweckverbandes. Sie wurde im November 2013 vorgestellt und beschäftigte sich damit, inwiefern Windräder ein Problem für sogenannte Sichtachsen rund um das Welterbegebiet darstellen. Klar ist: In der Kernzone, dem Herzstück mit Fluss und Burgen, sind Windräder verboten. Doch die Studie befindet auch, dass ein im Jahr 2000 festgelegter sogenannter Rahmenbereich mit fließenden Grenzen rund um die Kernzone nach heutigen Maßstäben zu eng gefasst wurde. Man habe damals auf mögliche Beeinträchtigungen durch Gewerbegebiete, Hochregallager oder Hochspannungsleitungen geschaut. »Die heutigen bis zu 200 Meter hohen Windenergieanlagen konnten bei der Abgrenzung des Rahmenbereichs noch nicht thematisiert und berücksichtigt werden«, heißt es in der Studie des Koblenzer Planungsbüros Grontmij.

Die Konsequenz: Auch im Rahmenbereich sollten demnach keine Räder entstehen. Selbst darüber hinaus bergen sie laut Studie Potenzial für Konflikte, da die Stahlriesen von »herausragenden Blickstandorten« in der Kernzone nicht nur sichtbar seien, sondern zu einer »technischen Überprägung und dominierenden Wirkung« führen könnten. Insofern rät die Studie zu einem Abstand von mindestens siebeneinhalb Kilometern zu Aussichtspunkten auf der gegenüberliegenden Rheinseite.

Das ruft Kommunen vor allem auf der rechten Rheinseite im Rhein-Lahn-Kreis auf den Plan. Die sind für neue Windräder und versprechen sich Geld für die klammen Kassen. Jenseits des Rheins ist das schon Realität, dort drehen sie sich außerhalb der Kernzone, sind aber vereinzelt in der Ferne vom Hang aus sichtbar. Zudem sind weitere Anlagen im Bau, etwa oberhalb von Boppard. Rechtsrheinisch will man nachziehen, sieht sich aber von der Sichtachsenstudie ausgebremst.

Der Vorsitzende des Welterbe-Verbandes, Bertram Fleck (CDU), der auch Landrat des Windrad-reichen Rhein-Hunsrück-Kreises ist, hat für die Pläne seiner kommunalen Kollegen durchaus Verständnis. »Die meisten Kommunen sind überschuldet, für die ist das wichtig«, sagt er. »Als wir die Sichtachsenstudie vorstellten, war die Aufregung groß.«

Er sei auch überrascht gewesen, sagt Fleck, dass die Studie Windräder in einer so großen Zone für problematisch halte. Künftig müsse Windenergie auf wenige Bereiche begrenzt sein, zudem müsse die UNESCO einbezogen werden. Es dürften nicht einfach Fakten geschaffen werden, der Welterbe-Titel sei wichtig. Bund und Land hätten das Tal seit 2002 mit mehr als 38 Millionen Euro direkt gefördert.

Der Bürgermeister der rechtsrheinischen Verbandsgemeinde Loreley, Werner Groß (CDU), und Kollegen in umliegenden Ortsgemeinden sind anderer Meinung. Sie denken über einen Austritt aus dem Zweckverband nach. »Die Frage der Windenergie ist nicht nur eine Frage des schnellen Geldes«, sagt Groß. Dahinter stehe auch eine politische Richtungsentscheidung. Rheinland-Pfalz wolle nun einmal bis 2030 den Strom komplett aus erneuerbaren Energien gewinnen. »Einige haben sich auf die Reise gemacht und bekommen auf der Zielgeraden gesagt, was nicht geht.« Groß moniert, dass auf der anderen Rheinseite schon Anlagen stehen. »Das ist eine völlige Ungleichbehandlung.« Windkraftfrei sei die Region längst nicht mehr. Der Welterbe-Titel dürfe nicht dazu führen, dass eine Käseglocke über die Region gestülpt werde.

Die Vizepräsidentin der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord in Koblenz, Begoña Hermann, hofft, dass sich die Gemüter wieder beruhigen. Dass links des Rheins viele Windräder stehen, habe nicht mit Ungleichbehandlung zu tun, sondern damit, dass sie in früheren Jahren - fast alle lange vor der Studie - genehmigt wurden. »Bestehende Anlagen haben Bestandsschutz«, sagt sie. Linksrheinisch sei schon vor zehn und mehr Jahren mit Windenergie begonnen worden. Die Verbandsgemeinde Loreley beabsichtige - nach einem Entwurf des Flächennutzungsplanes Wind - im Rahmenbereich auf 1300 Hektar Flächen für Windenergieanlagen vorzusehen, fügt Hermann hinzu. In so großem Maßstab sei das ganz gewiss nicht möglich. Angesichts dessen entschied sich die SGD Nord, dort bei geplanten Projekten mit drei oder mehr Windrädern zu prüfen, ob die Planungen im Einzelnen raum- beziehungsweise welterbeverträglich sind. Die Verbandsgemeinde werde die Ergebnisse bei ihrer Flächennutzungsplanung zu berücksichtigen haben.

Hermann befürwortet, dass sich die Kommunen auf wenige verträgliche Standorte einigen und sich die Einnahmen in einem Solidarpakt teilen. Der kam bislang noch nicht zustande. »Nur damit kann die UNESCO von einer welterberespektierenden Vorgehensweise der Vor-Ort-Verantwortlichen überzeugt werden«, sagt Hermann. dpa/nd

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