»Ich war zu feige, mich umzubringen«

Etwas Hoffnung und Hilfe gegen Zwangsprostitution auf den Philippinen

  • Esther Goldberg, Mindanao
  • Lesedauer: 8 Min.
Das Malisa Home der German doctors ist für Zwangsprostituierte auf den Philippinen Ausweg und Heimstatt - ein Besuch.

Maricel* ist 17 Jahre alt. Voller Inbrunst singt sie gemeinsam mit den anderen jungen Frauen irgendeinen Schlager. Ich schnappe nach Luft, als ich dieses Mädchen von Liebe und Glück singen zu höre. Vielleicht singt die Kleine, die noch jünger zu sein scheint, ja deshalb so laut, damit sie ihre Vergangenheit übertönen kann - ihre eigenen Erlebnisse hinter einer Melodie verstecken. Hier, im Malisa Home der deutschen Hilfsorganisation German doctors unweit der philippinischen Inselhauptstadt Cagayan de Oro, fühlt sie sich gut. Sie singt und sie lacht und sie hört zu.

Weil sie immer noch zuhören kann, trotz ihrer Biografie, hat sie sich den Schritt von der Straße in dieses Haus getraut. Ihre Geschichte ist typisch für die meisten Mädchen und jungen Frauen hier. Maricel ist keine 14, als sie von den Bergen der zweitgrößten philippinischen Insel Mindanao nach Cagayan de Oro gelockt wird. Ihr Bruder, der sie mitunter schlägt, hat ihr versprochen, er habe für sie eine Stelle in einer Familie. Nanny könne sie dort sein, Kindermädchen. Geld verdienen und der Familie schicken. Den drei Brüdern und zwei Schwestern. Maricel glaubt ihm. Ja, das wäre schön. Und dort, in der Stadt, gibt es sogar Wasser aus der Leitung.

Was sie dann in Cagayan de Oro tatsächlich erlebt, geht über das erträgliche Maß dessen hinaus, was man zu hören bereit ist. Von Gefälligkeitsdiensten in einem Massagestudio über table dance bis zur mehrfachen Vergewaltigung ist alles dabei, was man sich nicht vorstellen mag.

Maricel will weglaufen. Doch wohin? Zu ihrer Familie kann sie nicht zurück. Sie ist entehrt. Niemand im Dorf wird sie mehr ansehen. Sie weiß es. Ehre hat für Frauen auf den Philippinen einen mittelalterlich anmutenden Klang. Vielleicht ist sie ja selbst schuld, weil sie dem Bruder geglaubt hat? Das Mädchen will dennoch diesem Grauen entfliehen. Sie orientiert sich an den Älteren. An denen, die schon 15, 16 sind. Alkohol und illegale Drogen. So ist es besser auszuhalten. Gut wird es davon dennoch nicht. Die Nächte vergehen und die Tage. Es gibt nur die Gegenwart. Zukunft? »Die hatte ich damals nicht. Ich war nur zu feige, mich umzubringen. Ich fand mein Leben grauenhaft«, sagt sie.

Irgendwann taucht eine Frau in jenem Massagestudio auf, in dem Maricel sich prostituiert. Die Frau, der sie hier in der 3. Etage eines normal wirkenden Wohnhauses erstmals begegnet, ist Eleony Monding von der Frauenorganisation Tisaka. 43 Jahre alt ist die Tisaka-Chefin heute. Vor 15 Jahren hat sie diese Hilfsorganisation »Stimme für die misshandelten Frauen« gegründet.

Eleony Monding wusste, warum sie 1998 diese Organisation ins Leben rief. Sie wollte nicht länger Opfer sein. Gemeinsam mit 30 anderen einstigen Prostituierten begehrte sie auf gegen den Ausverkauf der Körper und Seelen der Frauen. Sie wollte für Betroffene einfach da sein.

Das, was sie damals begann und bis heute tut, sind zunächst ganz einfache Dinge. Wenn sie in das Massagestudio geht, redet sie einfach mit den Frauen. Fragt, wie es ihnen geht. Obwohl sie natürlich weiß, wie sie sich fühlen, wenn Freier durch einen Sehschlitz in einem Raum nach jener vermeintlichen Masseurin schauen, mit der sie für eine Stunde in einem Raum verschwinden wollen. Manchmal, sehr selten, wollen sie tatsächlich nur eine Massage.

In diesem Etablissement begegnet sie Maricel, der damals knapp Fünfzehnjährigen. Sie sagt ihr, wer sie ist. Und dass sie wiederkommt. Ganz zuverlässig. Und immer wieder. Maricel hat beinahe so etwas wie Hoffnung. Die aber dringt erst nach vielen Monaten durch den Drogennebel.

Das Mädchen erfährt von einem Haus unweit der Divisoria, der Hauptstraße nahe des Rotlichtviertels. Belen heißt dieses Haus, Krippe. Dorthin könne sie gern kommen, wenn sie sich schlecht fühle. Irgendwann ist es soweit. Nicht, dass das Mädchen damals schon aussteigenwollte. Aber die Drogen kosten viel zu viel Geld, ihre Schulden sind gestiegen und mit diesen Unterleibsschmerzen kann sie einfach nicht weiterarbeiten. Sie klopft am Tisaka-Haus an. Dort fragen die Sozialarbeiterinnen nicht viel. Sie wissen es doch aus eigener Erfahrung, dass diese Mädchen von Männern aus aller Welt geschunden werden. Deutsche auch? Deutsche auch. Und Engländer und Schweden und Männer aus den USA und von den Philippinen.

Die Frauen in dem Haus geben Maricel ein Mittagessen und einen Termin bei den German doctors. Die deutschen Ärzte werden ihr helfen, sagen sie. Was folgt, ist eine Untersuchung, sind Medikamente. Dann geht Maricel wieder ihrer Wege. Das Massagestudio ist ihr jetzt aber versperrt.

Eleony Monding zeigt mir in jener Nacht einen Klub. Just jenen, in dem auch Maricel nach dem Massagestudio einst getanzt hat. Table dance. Über den high-heels sind die Mädchen beinahe nackt. Räkeln sich an der Tanzstange, damit die Männer sich regen, ihnen einen Drink ausgeben und damit wieder den Wunsch nach einem »Extra« signalisieren. Warum sie gekauften Sex als »Extra« bezeichnen, ist wohl nicht zu erklären. Von Scham gibt es in dieser Nacht in den Gesichtern der Männer keine Spur.

»Sie kaufen sich den Sex und vermeintlich Macht über die Mädchen«, sagt Eleony Monding. Sie spricht davon nahezu emotionslos. Vielleicht ist das ihr Schutz vor dem allnächtlichen Grauen, dem sie und ihre Mitarbeiterinnen sich immer wieder aussetzen. Einem Mädchen in diesem Klub steckt die Tisaka-Frau nebenher ein Päckchen Kondome zu. »Bis sie sich aus diesem Milieu lösen können, brauchen sie Hilfe, damit sie wenigstens körperlich gesund bleiben«, sagt sie.

Es ist jetzt sechs Monate her, dass Maricel erneut in das Tisaka-Haus kommt. Wieder ist sie krank, sie hat noch einmal Gewicht verloren. Diesmal will sie endlich aussteigen. Wirklich? Ja, ernsthaft, sagt sie. Eleony merkt, die Frau meint es ernst. Und begleitet sie in das Malisa Home der German doctors. Seit knapp einem Jahr kann sie Mädchen und junge Frauen wie Maricel fortbringen aus Cagayan de Oro.

Dieses Malisa Home ist eine Idee von Maria Furtwängler und ihrer Tochter Lisa - aus den beiden Vornamen entstand übrigens auch der Name des Hauses. Die Schauspielerin und Ärztin Maria Furtwängler ist Kuratoriumsvorsitzende der German doctors. Sie sammelt Spenden und ist auch Projektpatin bei »Sternstunden« für dieses Haus, das misshandelten Frauen und Mädchen zurück ins Leben helfen soll. So entsteht ein Haus für 32 misshandelte Frauen und Mädchen, die Eleony Monding von der Straße holt.

Als Volontärin arbeitet derzeit Nina Weinfurtner aus München mit den misshandelten Mädchen und Frauen. Sie will Medizin studieren. »Aber zuvor wollte ich sozial aktiv werden und zurückgeben, was mir bislang in meinem Leben an Gutem widerfahren ist«, sagt sie. Sie gibt den misshandelten Frauen Nachhilfe in Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften. Manchmal ist sie verzweifelt, wenn sie die Geschichten der Mädchen hört. »Ich bin als Einzelkind groß geworden und war sehr behütet. Was diese Frauen erlitten haben, ist unfassbar und war für mich ein Kulturschock.« Jetzt, zum Ende ihrer Freiwilligenzeit, hofft sie, dass es mindestens die Hälfte der Frauen im Malisa Home schafft, jenseits der Sklaverei weiter zu leben.

Manchmal war es im wörtlichen Sinne tatsächlich nur noch die Straße, die den misshandelten Frauen blieb, bevor sie ins Malisa Home kamen. Auch dorthin gehen wir während dieser Nacht im Rotlichtviertel. »Wenn sie richtig Hunger haben, prostituieren sie sich sogar für 60 Peso«, sagt Eleony. Das ist ein Euro.

Junge Frauen umtanzen sturzbetrunkene Ausländer. Die scheuchen sie fort wie lästige Fliegen. Die Männer sind inzwischen zu betrunken, eines der Mädchen auch nur anzusprechen. In dieser Scheuch-Geste steckt so viel Verachtung, dass es schwer fällt, nicht einzugreifen. Doch Eleony Monding reagiert schnell und zupft sanft am Rucksack. »Lass«, sagt sie. »Du schadest den Frauen.« Und sie sagt auch: »Glaub mir, der Unterschied zwischen dem Massagestudio und der Straße ist nur die Höhe der Einnahmen. Es ist alles gleichermaßen schmutzig und nichts ist besser in einem sauberen Zimmer. Du holst dir da und dort die Krankheit und verlierst deine Seele.«

Ich bin froh, dass Maricel diese Straße nicht kennenlernen musste, bevor sie in das Malisa Home kam. Oder hat sie das vielleicht erlebt und erzählt es nur nicht? Ich bedränge sie nicht. Letztlich ist es wohl egal, ob der Freier saubere Fingernägel hatte oder eine zerrissene Hose.

Zwei Tage erlebe ich Maricel und die anderen 23 Frauen und Mädchen in ihrem neuen Zuhause, im Malisa Home. Manche rasten aus unerklärlichem Grund plötzlich aus oder weinen oder toben. Das muss erlaubt sein. Es ist erlaubt. Jetzt aber führen sie einen Tanz auf. Der ist voller Kraft und auch Wut. Sie recken im Tanz ihre Fäuste in die Höhe und signalisieren mit dem Zeigefinger ein »Nein«. Tanzen ist leichter als Sprechen. Zumindest für Maricel. An diesem Tag muss sie noch mit der Psychotherapeutin reden. Sie will das auch. Aber sie weiß nicht, ob sie es schon kann.

Vielleicht singt sie auch deshalb ganz laut die Schlager mit, die die anderen Mädchen singen. Um die Seele zu übertönen.

*Name geändert

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