«Illegal waren die Nazis, nicht ich»

Hermann Simon über seine Mutter Marie Jalowicz, deren Überleben in der Nazi-Zeit als «U-Boot» in Berlin, eigennützige und uneigennützige Helfer

Man kann sich das Haus unter der riesigen goldenen Kuppel in der Oranienburgerstraße in der deutschen Hauptstadt ohne ihn nicht vorstellen. Dr. Hermann Simon, Gründungsdirektor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, vollendete am Ostermontag respektive zum Abschluss des Pessach-Festes, am 21. April, sein 65. Lebensjahr. Wer ihm auf seinem Posten folgt, wollte er im «nd»-Gespräch in seinem Büro nicht verraten. Gewiss ist aber, dass der Autor zahlreicher Bücher über die Shoah sowie Herausgeber von Schriftenreihen wie «Jüdische Miniaturen» und «Jüdische Memoiren» sich wissenschaftlich nicht zur Ruhe setzen wird. Der Sohn von Heinrich und Marie Simon, die an der Humboldt-Universität lehrten und Verfasser einer vielbeachteten «Geschichte der jüdischen Philosophie waren, hat jetzt zusammen mit Irene Stratenwerth die Erinnerungen seiner Mutter veröffentlicht: »Untergetaucht: Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940 - 1945« (S. Fischer, 416 S., geb., 22,99 €). Mir Dr. Simon sprach Karlen Vesper.

nd: Herr Dr. Simon, warum hat Ihre Mutter erst kurz vor ihrem Tod ihre Leidensodyssee in der Nazi-Zeit offenbart?
Simon: Es war nicht so, dass sie überhaupt nichts erzählt hat. Allerdings nicht ihre ganze Leidensgeschichte, sondern immer nur einzelne Episoden und oft ganz unvermittelt. Es war nicht klar, warum sie plötzlich auf die Vergangenheit zu sprechen kam. Gewiss gab es irgendwelche auslösenden Momente, die sich aber dem Außenstehenden und selbst Zuhörern wie mir nicht erschlossen.

Ich habe als Kind und Jugendlicher nicht nachgefragt, warum sie mir verbot, eine Skimütze zu tragen wie meine Altersgefährten. Sie sagte: »Das ist eine Nazikopfbedeckung«, und ich habe mich gefügt und die Pelzmütze aufgesetzt. Oder, ein anderes Beispiel: Als wir in den 1960er Jahren die Sommerferien in Thüringen verbrachten und Bekanntschaft mit einem Ehepaar aus Bulgarien schlossen, kam ich nicht auf die Idee, meine Mutter zu fragen, wieso sie eigentlich so gut Bulgarisch verstand und dies nicht offenbarte. Sie hat 1942 in Berlin, bereits unter falschem Namen lebend, einen Fremdarbeiter namens Mitko kennengelernt, mit dem sie in dessen Heimat fuhr, in der Hoffnung, von dort über die Türkei nach Palästina flüchten zu können. Sieben Wochen war sie in Bulgarien, aber das habe ich alles sehr viel später genau erfahren. Ebenso, dass sie eine Scheinehe mit einem Chinesen eingehen wollte, um aus Nazideutschland rauszukommen.

Dass Sie als Kind oder Jugendlicher Ihre Mutter nicht mit Fragen bohrten, ist verständlich. Aber Sie studierten dann Geschichte. War der Historiker nicht neugierig auf ihr Überleben in Nazi-Zeit?
Richtig, ich wurde dann vor allem aus beruflichem Interesse neugierig. Viele Menschen haben mir ihre Lebensgeschichten anvertraut. Und ich habe vielen Menschen mit meinen Recherchen geholfen, manchen sogar ihre Identität zurückgegeben. Meine eigene Mutter aber konnte ich nicht davon überzeugen, ihre Geschichte niederzuschreiben oder wenigstens zu erzählen. Wer meine Mutter kannte, weiß allerdings, dass sie sich zu nichts gegen ihren Willen zwingen ließ. Erst kurz vor ihrem Tod war sie endlich bereit. Von Dezember 1997 bis September 1998 sprach sie ihre Erlebnisse auf Band, chronologisch. Ich habe sie nicht durch Fragen unterbrochen. Ihre Erinnerungseinheiten entsprachen in etwa einer Vorlesungsstunde. Selbst als sie im Krankenhaus war, fuhr sie mit den Diktaten fort. Sie besprach 77 Kassettenbänder, bis sie bei ihrer Befreiung Ende April 1945 und dem Einzug in eine eigene Wohnung im Sommer desselben Jahres angelangt war. Neun Tage nach dem letzten Diktat starb sie. Es scheint tatsächlich so, dass sie die Erinnerungsarbeit unbedingt beenden wollte, quasi mit letzter Kraft. Erst als dies erledigt war, hat sie das Leben losgelassen.

Aber warum haben Sie nicht schon damals ihre Erinnerungen in Buchform herausgebracht? In den 1990er Jahren erschienen einige Memoiren jüdischer Frauen und Männer, die als sogenannte »U-Boote«, untergetaucht und illegal lebend, dem faschistischen Judenmord entkamen?
Zunächst einmal, meine Mutter legte Wert auf die Richtigstellung: Sie war nicht illegal. »Illegal waren die Nazis, nicht ich.« Zu Ihrer Frage: Ich musste erst einmal Abstand gewinnen und das mir vielfach Unbekannte verarbeiten. Zudem habe ich die Berichte auf Richtigkeit nachgeprüft und alle Namen verifiziert. Die Ereignisse lagen viele Jahrzehnte zurück. Was war authentisch, was wurde durch späteres Wissen verfremdet oder vernebelt?

Schließlich und endlich musste der Text verdichtet werden, und zwar ohne zu dichten. Diesen Part hat die Autorin und Journalistin Irene Stratenwerth übernommen, die mir aus langer Zusammenarbeit bekannt ist.
Wir waren überrascht, wie exakt die Angaben meiner Mutter waren. Sie irrte an keiner Stelle in ihren Erinnerungen.

Wie das?
Sie hat während ihrer Verfolgungszeit faktisch im Geiste Tagebuch geführt, sich jede Begebenheit und Beobachtung fest eingeprägt. Wohl auch, weil das für sie unmittelbar überlebenswichtig war. Beeindruckend für mich vor allem, wie gut sie formulieren konnte, aus dem Gedächtnis faktisch druckreif sprach. Erika Herzfeld, eine Schulfreundin meiner Mutter, erzählte mir, meine Mutter sei sehr begabt, aber nicht immer besonders fleißig gewesen. Eines Tages wurde sie von der Lehrerin aufgefordert, ihren Hausaufsatz vorzulesen, den sie allerdings nicht geschrieben hat. Meine Mutter erfand eine Geschichte aus dem Stegreif, gab vor, sie vorzulesen – hatte jedoch vor sich auf der Bank nur ein leeres Blatt.

Wie viel wusste Ihr Vater von dem, was Ihre Mutter in Nazideutschland erlebt hatte?
Heinrich Simon ist 1939 nach Palästina ausgewandert – sie war seine Jugendliebe an der Privatschule der Jüdischen Gemeinde in der Wilsnacker Straße...

Entschuldigen Sie die Unterbechung: Warum ist die Familie Ihrer Mutter nicht auch ausgewandert?
Vor allem aus Mangel an finanziellen Mitteln. Mein Großvater war zwar ein begnadeter Rechtsanwalt, aber ein schlechter Kaufmann. Zudem ist meine Großmutter Betti bereits 1938 verstorben, Hermann Jalowicz überlebte sie um knapp drei Jahre.

Ihre Mutter war noch nicht volljährig, als sie Vollwaise wurde. Und sie hat in Nazideutschland naturgemäß ganz andere Erfahrungen gemacht als Ihr Vater.
Mein Vater trat in Palästina in die britische Armee ein. Ende 1945 nahmen beide wieder Kontakt miteinander auf. Obwohl meine Eltern über fünf Jahrzehnte verheiratet waren, hatte ich das Gefühl, selbst er kannte ihre Geschichte nicht in dieser Schärfe. Jedenfalls protestierte er gegen manche Wertungen meiner Mutter. Das ließ sie wiederum nicht gelten.

Welche Wertungen?
Meine Mutter schonte sich selbst nicht, war sehr selbstkritisch, was ihr die Freiheit gab, auch andere kritisch zu beurteilen. Nach Ansicht meines Vaters ging sie in der kritischen Beurteilung der eigenen Person mitunter zu weit. Und meine Mutter beschreibt auch die Menschen, die ihre Wege in den Jahren der Nazidiktatur kreuzten, ganz sachlich und nüchtern. Es sind keineswegs alle »stille Helden« gewesen, wie man heute sagt. Viele halfen aus reinem Eigennutz, um sie als billige Putzfrau oder als Objekt sexueller Begierde auszunutzen. In den wenigsten Fällen erfuhr meine Mutter Hilfe und Zuflucht aus Mitgefühl und Menschlichkeit.

Wollte sie aufgrund solch unangenehmer Erfahrungen über die Jahrzehnte nicht reden?
Nein, sie hat im Hier und Heute gelebt und wollte nicht rückwärts schauen. Oder wie sie es einmal formulierte: Es gibt Dinge, über die kann man erst nach 50 Jahren reden.

Bei den Tonbandprotokollen Ende der 1990er Jahre nannte sie alle mit ihrem richtigen Namen, so weit diese ihr bekannt waren. Ich habe hunderte Namen geprüft. Wenn sich ihr jemand seinerzeit als Schulze vorstellte, obwohl er eigentlich Lehmann hieß, konnten auch wir die wahre Person nicht mehr identifizieren. Es gelang mir beispielsweise nicht, den Kapitän, bei dem sie in Kladow Quartier gefunden hatte, zu ermitteln. Aber die für sie damals wichtigsten Menschen habe ich alle in alten Adressbüchern oder Archiven gefunden. Sie alle haben ein Recht auf Nennung ihres Namens.

Zudem wollte ich wissen, was aus ihnen später geworden ist. Zum Beispiel Hans Goll, in Sofia zuständig für den Arbeitseinsatz bulgarischer Fremdarbeiter in Deutschland. Warum hat er meine Mutter nicht der Gestapo ausgeliefert, sondern ihr zu einem echten Pass mit ihrem falschen Namen verholfen und sie mit einem Rückfahrschein nach Deutschland, per Donau-Dampfer, versorgt, der es ihr ermöglichte, in Wien wieder »unsichtbar« zu werden? Er war promovierter Jurist, wurde 1943 zum Kriegsdienst einberufen und geriet 1945 in jugoslawische Kriegsgefangenschaft, danach war er in der Bundesrepublik als Anwalt tätig. Er starb 1989.

Ihre Mutter fand nicht nur bei Hitlergegnern oder völlig Unpolitischen, sondern teils sogar bei strammen Nazis Unterschlupf.
So ist es. Wobei manche nicht wussten, dass sie Jüdin war. Sie lebte, wie gesagt, unter falschem Namen: Johanna Koch. Das war eine Bekannte ihrer Eltern, die das Wochenendhaus meiner Großeltern in Kaulsdorf-Süd gekauft hatte. Sie bekam auch deren Ausweis, was nicht unproblematisch war, denn die richtige Johanna Koch war wesentlich älter.

Meine Mutter offenbarte sich natürlich nicht jedem. Dem »Gummidirektor«, der ein schlimmer Antisemit war, tischte sie die Legende auf, ihr Mann sei im Krieg und sie hätte es bei ihrer Schwiegermutter nicht mehr ausgehalten. Andere wiederum, die Juden zwar ebenfalls nicht leiden konnten, zeigten Mitgefühl. Der »Piefke vom Hinterhaus«, wie meine Mutter sagte, mochte vielleicht »den reichen Juden vom Vorderhaus« nicht, aber konnte sich durchaus eines jungen, hungrigen und verfolgten Mädchens, erbarmen.

Deshalb vermeide ich es, von Opfern und Tätern zu reden, weil diese strikte, schematische Kategorisierung oft nicht stimmt. Auch will ich nicht zwischen Juden und »Ariern« den Trennstrich ziehen. Treffender ist es, von Verfolgten und den Nichtverfolgten zu sprechen.

Über die Verfolgten wissen wir mittlerweile viel, wenn auch nicht alles, weniger hingegen wissen wir über die Verfolger.
Die Geschichten der Verfolgten sind gläsern, in Archiven einsehbar. Die der Nichtverfolgten mit intakten Familienverhältnissen und ungebrochenen Lebensläufen hingegen nicht. Denn es gibt ein Recht auf Schutz der Daten, der Persönlichkeit und Privatsphäre. Das erschwert Nachforschungen. Nach Hans Goll habe ich über fünf Jahre intensiv gesucht, auch weil ich zunächst einen falschen Vornamen annahm. Er verhielt sich im Falle meiner Mutter hoch anständig.

War es für Frauen und Mädchen leichter als für Jungs oder Männer im Untergrund zu überleben?
Definitiv ja. Allein schon, weil junge Männer leichter in eine der Razzien, mit denen nach Deserteuren gesucht wurde, geraten konnten.

Aber Mädchen und Frauen wurden wiederum in ihrer Not eher schamlos missbraucht, vergewaltigt oder sonst wie genötigt.
Das beschreibt meine Mutter ganz offen.

Vielleicht einer der Gründe, warum sie selbst in der Familie nicht über ihre Erlebnisse sprach? Aus Rücksicht auf Mann und Kinder?
Kann sein. Nur die halbe Wahrheit zu enthüllen, war für meine Mutter jedenfalls inakzeptabel. Mein Vater wusste aber von ihren frühen sexuellen Erfahrungen und welcher Ausbeutung sie ausgesetzt war. Das war womöglich ein Grund, weshalb er zu ihr sagte, man müsse nicht alles der Menschheit mitteilen.

Bedurfte es bestimmter Charaktereigenschaften, um in faschistischer Zeit den Judenjägern zu entkommen? Oder war dies nur Zufällen zu danken?
Gewiss hatte meine Mutter sehr viel Glück. Es gab Momente, wo sie ihren Verfolgern nur knapp entwischte. Einmal riet ihr eine wildfremde Frau im Treppenhaus: »Gehen sie da nicht hoch, da ist die Gestapo.« Allein schon ihr Abtauchen am 22. Juni 1942 verdankte sich einer Verkettung glücklicher Zufälle, aber auch des Einfalls meiner Mutter, sich naiv zu geben. An jenem Morgen klingelte es um sechs Uhr bei der Familie Jacobsohn, bei der sie damals noch legal wohnte. Zu dieser Uhrzeit war im damaligen Deutschland nicht der Milchmann zu erwarten, wie meine Mutter in ihren Erinnerungen bemerkt. Man wollte sie zum Verhör abholen. Meine Mutter reagierte spontan, fragte den Gestapomann: »So'ne Vernehmung, die kann doch 'ne janze Stunde dauern, wa? Ick hab nüschts zu essen hier.« Sie rang ihm tatsächlich die Erlaubnis ab, sich ein Stück Brot von der Nachbarin zu holen. Im Unterrock würde sie nicht abhauen. Aber das tat sie. Auf der Straße lief sie einem Arbeiter über den Weg, der wohl von der Nachtschicht kam. Er legte ihr seine Windjacke um und brachte sie zu Freunden, die ihr Kleidung gaben.
Zufälle? Meine Mutter hielt es mit Spinoza, für den »Zufall« ein Hilfswort war, das wie alle Hilfswörter nur unsere Hilflosigkeit artikuliert. Sie selbst fand keine befriedigende, logische Antwort auf die Frage, warum sie im Gegensatz zu Millionen überlebte. Sie – die Wissenschaftlerin - kam zu dem Schluss: »Wir müssen uns damit abfinden, dass wir das Rätsel nicht lösen können, wir bescheiden uns, indem wir das Hilfs- oder Hilflosigkeitswort 'Zufall' verwenden und festhalten, dass er der entscheidende Faktor bei allen Überlebensgeschichten ist.«

Aber es verlangt doch ein gewisses Naturell und viel Mut, allen Widrigkeiten zum Trotz gerade in der »Höhle des Löwens« zu überleben?
Ganz bestimmt. Kurz bevor sie im Juni 1942 verhaftet werden sollte, begegnete sie auf der Straße einer Bekannten. Wally Nossek erzählte ihr, dass sie sich entsprechend dem Deportationsbefehl am Bahnhof eingefunden hatte, allerdings plötzlich von Durchfall geplagt wurde und die Gestapobeamten bat, die Toilette aufsuchen zu können. Als sie auf den Bahnsteig zurückkehrte, war der Zug abgefahren. Sie sei zu einem Bahnbeamten gegangen, habe diesem ihre Lage geschildert und sei tatsächlich dankbar gewesen, dass die Gestapo kam und sie in ihre Wohnung zurückbrachte, diese extra noch einmal für sie entsiegelte. Nun warte sie auf die erneute Aufforderung. Die Lehre aus der Geschichte für meine Mutter: Sich doof stellen, aber günstige Gelegenheiten sofort nutzen.

Was wurde aus Wally Nossek?
Sie wurde deportiert und in Sobibor ermordet. - Man musste in der Tat mutig sein. Meine Mutter war zudem von ihrer Einzigartigkeit überzeugt. Und sie wusste auch: »Wenn ich überleben will, geht das nur allein, innerhalb einer Gruppe ist es zu gefährlich.« Ihr Credo außerdem: keine Aktionen mitmachen. Einmal war sie bei einer Kommunistin untergetaucht, Trude Neuke, die zur Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation gehörte und sie bat, nach Magdeburg Flugblätter mitzunehmen. Meine Mutter tat das nicht und füllte – interessanterweise in Absprache mit Trude – den Koffer mit Kartoffeln, zur Enttäuschung der sie in Magdeburg empfangenden Genossin. Dort lernte sie eine weitere Lektion: Sie wurde schnell als Fremde ausgemacht mit ihrem Berliner Akzent. Nur in der Anonymität der Großstadt Berlin, ihrer Heimatstadt, konnte sie überleben. Also kehrte sie nach kurzer Zeit in die Reichshauptstadt zurück.

Drei Jahre allein auf sich gestellt – in prägender Jugendzeit. Hat das ihre Mutter hart gemacht?
Hart würde ich nicht sagen. Ich kenne sie als liebevolle Mutter. Und sie hat sich immer für andere eingesetzt. Beispielsweise hat sie einen Studenten, der regelrecht körperliche Angst vor Prüfungen hatte, vor jedem Examen buchstäblich zitterte, gegen die Vorschrift in die Prüfung anderer geholt und ihn jedes Mal, nachdem der Prüfling den Raum verlassen hatte, gefragt: »Was hätten Sie geantwortet?« Abschließend sagte sie zu ihm: »Das war doch ganz ordentlich. Ich gebe ihnen eine Zwei.« Das verstieß zwar gegen die Regel, aber sie hat einem jungen Mann, der es verdiente, zu seinem akademischen Abschluss verholfen.
In der Tat war meine Mutter in gewisse Hinsicht unnahbar, mochte Kumpanei nicht, wahrte lieber Distanz. Selbst mit der eng befreundeten Schriftstellerin und Wissenschaftlerin Liselotte Welskopf-Henrich, die wunderschöne Kinderbücher schrieb, siezte sie sich in der Öffentlichkeit.

Ihre Eltern waren von Anfang an Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in der DDR...
Sie sind nie ausgetreten und blieben ein Leben lang Mitglieder

War die Jüdische Gemeinde vor allem als kultureller Bezugspunkt wichtig?
Ja. Bei meiner Mutter kamen wohl auch religiöse Aspekte hinzu. Vor allem aber wollte sie, nach allem was geschehen war, den Verfolgern nicht recht geben. Die Nazis konnten das deutsche Judentum nicht auslöschen. Es lebt weiter. Das war wohl der Kerngedanke. Deshalb litt meine Mutter auch förmlich darunter, dass »die schrecklichen Abschiede« nach 1945 weitergingen, viele überlebende deutsche Juden auswanderten. Sie selbst war fest davon überzeugt, dass es ihr gutes Recht sei, hier zu leben: »Wenn Heimat eine ertretbare Größe wäre, dann hätte ich mir die Stadt Berlin als Heimat ertreten.«

Gab es Antisemitismus in der DDR?
Ja, es hat alles immer gegeben. Man soll allerdings bestimmte »Phänomene« im Nachhinein nicht überhöhen. Die 1950er Jahre mit dem auch auf die DDR Schatten werfenden Slansky-Prozess in Prag waren schlimm, ganz anders als die 1970er und 1980er Jahre.

Ihre Eltern gerieten nicht in Repressionsmühlen? Obwohl Ihr Vater Westemigrant war und Ihre Mutter keine Widerstandskämpferin. Überleben als ein verfolgter Mensch ist Widerstand – und doch gab es in der DDR diese merkwürdige Trennung.
Die Unterteilung in Opfer und Widerstandskämpfer war und ist mir absolut unverständlich. Nein, meine Eltern wurden zwar von Parteioberen peinlich befragt, aber es passierte ihnen nichts, vielleicht waren sie nicht prominent genug. Aus den Universitätsakten ersehe ich zudem, dass jemand seine schützende Hand über das junge Paar mit seiner dramatischen Verfolgungsgeschichte hielt.

Haben Sie selbst in der DDR judenfeindliche Äußerungen erfahren?
Ja. Allerdings kann ich nicht behaupten, in einem antisemitischen Land gelebt zu haben. Sehr problematisch empfand ich jedoch das Nichtverhältnis zu Israel. Und solche Geschichten wie »Der Feuerdrache Zion« November 1984 in der »ABC-Zeitung«, wonach ein Sturm der Entrüstung durch das kleine Land ging. Antisemitische Karikaturen kamen immer wieder vor.
Übrigens befürchteten meine Eltern, dass in der DDR Leute in wichtige Positionen aufrücken, die keinerlei Demokratieerfahrungen hatten, die Weimarer Republik nicht kannten, in der Nazizeit großgeworden und folglich von entsprechender Ideologie geprägt waren. Andererseits sahen sie auch, dass manche, die aus der Sowjetunion zurückkehrten, gewisse Ressentiments gegen Juden dort aufgesogen hatten. Ich kenne beide Extreme: Funktionäre, die über den Alltagsantisemitismus in der Sowjetunion entsetzt waren und einige, die davon »infiziert« worden sind.

Sind Sie angesichts des heutigen Rechtstrends und zunehmender Juden- wie auch Ausländerfeindlichkeit in Europa besorgt?
Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich ängstigen. Beunruhigend ist natürlich vor allem die starke Rechte in Ungarn mit 20 Prozent Wählerstimmen. Aber auch die Rechte in der Ukraine.
Zu uns ins Centrum Judaicum kommen sehr viele junge Menschen, die aufgeschlossen und interessiert sind. Insofern mache ich mir keine Sorgen. Natürlich gibt es innerhalb der zu uns strömenden Schulklassen auch manch missmutige Typen...

In unserem letzten Interview meinten sie: Jüdisches Leben sei in Deutschland erst normal zu nennen, wenn vor Gemeindehäusern und Synagogen die Panzerwagen und Panzersperren verschwunden sind. Ihre Synagoge wird nach wie vor bewacht.
Aber ich habe mich mit anderen erfolgreich dafür eingesetzt, dass die Pollerblöcke vor unserem Haus verschwinden. Die waren ganz furchtbar und schützten eigentlich nicht, wirkten eher abschreckend und hielten Besucher ab. Außerdem schlugen sie fatal auf die Mentalität derer zurück, die hier arbeiten und sich wie in einer belagerten Festung fühlen mussten.

Was kann man gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus tun? Ich habe keine Patentrezepte. Noch mehr Bildungsveranstaltungen? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht hilft ein Buch wie das mit der Überlebensgeschichte meiner Mutter. Auf jeden Fall muss man wachsam bleiben: Wehret den Anfängen!

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