Paris im Kampf gegen die neue Terroristengeneration

Maßnahmen sollen französische Islamisten vor allem präventiv beeinflussen

  • Christine Longin, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Regierung will mit neuen Maßnahmen gegen die französischen Islamisten vorgehen, die in Syrien mitkämpfen. Rund 500 Franzosen sollen dort im Dschihad aktiv sein, darunter auch Jugendliche.

Es war die Abschiedsbotschaft eines 17-jährigen Franzosen an seine Mutter. »Mama, ich komme nicht wieder, ich bin nach Syrien gegangen.« Der junge Mann aus Nizza ist nicht der einzige, der in Syrien an der Seite der Islamisten kämpft. »Der Aufbruch nach Syrien ist in den vergangenen Monaten schnell und besorgniserregend angestiegen«, teilte die französische Regierung am Mittwoch mit.

Rund 500 islamistische Franzosen haben sich dem Außenministerium zufolge in Syrien dem Dschihad angeschlossen. Auch die Geiselnehmer von vier französischen Journalisten, die am Osterwochenende freigelassen wurden, sprachen französisch. Die radikalisierten Kämpfer könnten nicht nur den Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gefährlich werden, sondern auch Frankreich. Innenminister Bernard Cazeneuve will deshalb mit mehreren Maßnahmen, die »neue kriegerische Terroristengeneration« stoppen.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die Eltern, die Verhaltensänderungen ihrer Kinder schnell den Behörden melden sollen. Eine eigene Hotline soll extra dafür eingerichtet werden. »Er aß kein Schweinefleisch mehr und schloss sich in sein Zimmer ein«, berichtete die Mutter des 17-Jährigen aus Nizza, der im Dezember verschwand, dem Fernsehsender France 3. Am 26. Dezember verabschiedete sich ihr Sohn, um bei einem Freund zu übernachten, und kam nicht wieder. Rund 20 ähnlicher Fälle gab es laut Bürgermeister Christian Estrosi allein in Nizza.

Allerdings merken nur wenige Eltern, dass sich ihre Kinder radikalisieren. »Uns ist nichts aufgefallen«, sagte die Mutter der 17-jährigen Sarah, die im März Richtung Syrien verschwand, im Fernsehsender BFMTV. Zusammen mit ihrem Mann geht Sévérine Méhault gerichtlich gegen eine Regelung vor, die Jugendlichen unter 18 die Ausreise aus Frankreich ohne Erlaubnis der Eltern ermöglicht. Denn nur so konnte ihre Tochter in den Dschihad aufbrechen. Doch damit soll nach den Plänen von Cazeneuve ohnehin jetzt Schluss sein. Eltern und Behörden sollen die Jugendlichen, die den Bus oder das Flugzeug Richtung Türkei nehmen, künftig stoppen können - notfalls mit Entzug des Reisepasses. Denn die Kämpfer, die über die Türkei nach Syrien aufbrechen, werden immer jünger. 15 und 16 Jahre alt waren zwei Jugendliche, die im Januar von Toulouse aus nach Syrien reisten, um dort die Al-Qaida-Kämpfer zu unterstützen. Die beiden Jugendlichen wurden von ihren Eltern wieder zurückgeholt, doch rund ein Dutzend minderjähriger Franzosen kämpft weiter in Syrien.

Ihre radikalen Überzeugungen gewannen sie wie Sarah im Internet. »Das Internet ist eine Waffe. Einem Kind Zugang zum Internet zu geben ist so, wie ihm ein Gewehr in die Hand zu legen«, bemerkte ihre Mutter bitter.

Die Regierung will nun den Kampf gegen den »Cyber-Terrorismus« verschärfen. »Frankreich wird ein ganzes Arsenal einsetzen und dafür alle Techniken nutzen«, kündigte Präsident François Hollande am Dienstag an. So will Innenminister Cazeneuve »Cyberpatrouillen« in islamistische Foren schicken, um die Hass-Propaganda einzudämmen. Auf europäischer Ebene soll dafür gesorgt werden, dass Internetseiten, die Dschihadisten rekrutieren, schnell gesperrt werden.

Frankreich ist besonders vorsichtig, wurde es doch vor zwei Jahren Ziel eines islamistischen Attentäters. Mohamed Merah verbreitete mit einer Serie von Anschlägen in Toulouse mehrere Tage lang im ganzen Land Angst und Schrecken. Sieben Menschen, darunter drei jüdische Kinder, erschoss der 24-Jährige, bevor er selbst von der Polizei getötet wurde.

Derweil hieß es am Dienstag, der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert alias Deso Dogg sei in Syrien getötet worden - bei einem Selbstmordanschlag rivalisierender »Gotteskrieger«.

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