Camera obscura

Jens Sparschuh auf der Suche nach Nabokovs Grundstück bei Berlin

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Bist du dir eigentlich völlig sicher, dass du Nabokovs Grundstück suchst?«, so wird der Ich-Erzähler von der »feministischen Literaturwissenschaftlerin« Deborah gefragt, mit der er inzwischen vage befreundet ist. Das ist auf Seite 165, und die Frage könnte ebenso dem Leser gelten, der den verwickelten, aber bis dahin erfolglosen Recherchen gefolgt ist. Mit Interesse, wenn er oder sie den russisch-amerikanischen Schriftsteller Vladimir Nabokov wenigstens ein wenig kennt, vielleicht sogar dessen 1932 im deutschen Exil geschriebenen Kriminalroman »Verzweiflung« (erschienen bei Rowohlt) gelesen oder den nach dieser Vorlage von Rainer Werner Fassbinder gedrehten Film gesehen hat. Wenn nicht, dann bleibt der gute Wille, einem Schriftsteller auf den Spuren eines anderen zuzuschauen. Im Hintergrund die Geschichte eines mörderischen Versicherungsbetrugs von einst, im Vordergrund diverse Wege übers Land, zu Seen, durch Wälder - immer in der Hoffnung, dass eine damals von Nabokov angefertigte Skizze die Schauplätze seines Romans offenbaren möge.

Als Gastdozent an einem amerikanischen College - Jens Sparschuh hat in den 90er Jahren wirklich in den USA Vorlesungen gehalten - war der Ich-Erzähler mit Professor Galin bekannt geworden, einem passionierten Nabokov-Experten, dem nur noch ein Detail in seiner »Schmetterlingssammlung« zu fehlen schien: Auskunft über jenes Landstück, das Nabokov und seine Frau Ende der 20er Jahre im Berliner Umland besaßen. See, Kiefern und vor allem die Birken hatten ihm für kurze Zeit eine »Behaustheit in der Natur« suggeriert und er hat dort, wie gesagt, die Szenerie seines Romans gefunden. Der Professor, der Grigori genannt werden will und großzügige finanzielle Unterstützung der Recherchen verspricht, rückt bald als ferner Auftraggeber in den Hintergrund, nicht aber jene »feministische Literaturwissenschaftlerin« Deborah (ganz in Schwarz: Blazer, T-Shirt, Jeans, Stöckelschuhe, halblanges schwarzes Haar), die auf eine Verbindung zu Freud insistiert, den Nabokov selber vehement ablehnte.

Deborah, von der er hin und wieder Mails oder Anrufe empfängt, wäre fast die einzige Verbindung des Ich-Erzählers zur Außenwelt, gäbe es nicht noch Lea, »eine alte Freundin der Familie« und ihr Gartengrundstück, auf dem sich der Mann eine Zeit lang einquartiert. Ein Einsamer, wie man bald versteht, der die Suche nach Nabokovs Grundstück geradezu braucht. Sich dahinter versteckt, könnte man fast sagen. Sobald man das bemerkt hat, spätestens eben auf Seite 165, wird der Roman auf zusätzliche Weise interessant. Was wie ein Bericht erscheint, ist in Wirklichkeit ein Spiel mit dem Leser - und mit sich selbst. »Du willst nichts von dir preisgeben - und wunderst dich zugleich, warum dich niemand versteht«, bemerkt Deborah schon auf Seite 107. »Mit einem Witz versuchst du dich kleiner zu machen, damit man dich nicht so schnell entdecken kann. Wahrscheinlich war das deine Überlebensstrategie im Osten.« Die beiden verwickeln sich in Wortgefechte. Hat ein Mann gegen so eine Analytikerin eine Chance? Vielleicht hätte er sie mit ihr? Aber dem steht das »Ende der Sommerzeit« entgegen. Die Sache steckt voller Situationskomik, es könnte auch ein trauriges Fazit sein. So bitter, dass man es nicht bereden will. Wohl bedacht hat Jens Sparschuh seinen Roman eben so und nicht »Nabokovs Birken« genannt.

Was Nabokov betrifft, stellt sich über Freuds Studie »Das Unheimliche« eine Verbindung zu einem anderen Kriminalroman her - »Gelächter im Dunkel« -, der zunächst »Camera obscura« hieß. Eben dieser Begriff fand sich auch auf besagter Wegskizze. »By the same Author: CAMERA OBSCURA«. Mehr als eine Werbung, wie dem Erzähler irgendwann schwant, sondern der Hinweis auf das Geheimnis einer willkürlich veränderten Optik. So scheint auch Sparschuhs Roman konstruiert zu sein. Aber wer sich allzu geschickt beim Versteckspiel anstellt, hat nichts davon, wenn ihn keiner findet.

Jens Sparschuh: Ende der Sommerzeit. Roman. Kiepenheuer & Witsch. 244 S., geb., 18,99 €.

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