Lasst uns mehr Medaillen kaufen!

Innenminister Thomas de Maizière ist unzufrieden mit dem Ertrag aus der teuren Spitzensportförderung

  • Oliver Kern
  • Lesedauer: 4 Min.
Wie viel ist uns Spitzensport wert? Was soll er leisten? Fragen, die der Sportminister nicht beantwortet. Er fordert lieber viel mehr Medaillen.

Es war ruhig geworden in der Debatte um Medaillenvorgaben. Das große Reizthema während der Olympischen Sommerspiele 2012 in London schien seit der Veröffentlichung der Zielvereinbarungen inklusive der millionenfachen Unterstützung des deutschen Leistungssports seitens des Bundes zu langweilig für Schlagzeilen. Am Freitag jedoch öffnete der auch für den Sport zuständige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) die Büchse der Pandora erneut und läuft Gefahr, sie so schnell nicht wieder schließen zu können.

»Wir gehören in die Spitzengruppe der Nationenwertung. Wir geben ja auch relativ viel Geld aus«, sagte er der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« (FAZ). Deutschland biete »verglichen mit vielen anderen Ländern gute Trainingsbedingungen« und so einiges mehr, daher findet de Maizière: »Wir sind unter Niveau, und das sollte sich ändern.« Er wollte eigentlich erklären, dass sein Ministerium (BMI) und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) derzeit an einer Neuausrichtung der Sportförderung arbeiten. Jedoch saßen schon in der Vergangenheit immer BMI-Vertreter mit am Tisch, wenn ausgehandelt wurde, wie viel Geld welcher Verband für welche Maßnahmen erhält.

Der Minister geht nicht ins Detail, welche Änderungen nun anstehen, dabei wäre eine öffentliche Debatte darüber wünschenswert. Nicht nur die Opposition, auch die Sportverbandsvertreter fordern seit langem eine gesellschaftliche Debatte, wie viel der Spitzensport den Deutschen wert ist, was er leisten soll, und woran sich Erfolg messen lassen soll. »Medaillen sind die Währung«, stellt de Maizière jedoch schnell klar. Erfolg messe sich im Spitzensport nun mal an Ergebnissen.

Und Edelmetall soll gefälligst viel mehr her. »Wir müssten nach der Tradition in beiden deutschen Staaten und nach unserer Wirtschaftskraft, mit der wir den Spitzensport fördern, mindestens ein Drittel mehr Medaillen bekommen«, sagte der ehemalige Verteidigungsminister. Dass sich de Maizière auf die Tradition von BRD und DDR beruft, scheint im Zuge angeblich verstärkten Antidopingkampfs und einer überall breiter gewordenen Weltspitze entweder deplatziert oder ahnungslos.

Wer mehr Geld hat, rennt schneller, springt höher, wirft weiter, zielt besser? Dass das nicht stimmt, sollte eigentlich auch ein Bundesminister wissen. Doch er muss auch Wählern nach dem Munde reden und sagt Sätze wie: »Der Steuerzahler hat für das Geld einen Anspruch auf Gegenleistung.« Dabei wird dieser ominöse »Steuerzahler« gar nicht gefragt, ob er überhaupt Geld für Leistungssportler ausgeben will und wenn ja, was er dafür als Gegenleistung erwartet.

Die Gründe für angeblich schwaches Abschneiden deutscher Sportler in der jüngeren Vergangenheit verortet der Minister in zu dezentralen Strukturen, Angst der Eltern vor Überlastung und Dopingsucht ihrer Kinder sowie einem suboptimalen Übergang vom Nachwuchs- ins Seniorenalter. Und »ohnehin genießen unsere Trainer nicht genug Ansehen«, sagt er doch tatsächlich. Dabei genießen deutsche Trainer ein hohes Ansehen. Nur keine hohe Bezahlung. Meist bekommen sie nur geringe Honorare anstatt gut ausgestattete Gehälter, werden immer wieder befristet angestellt anstatt unbefristet. Und ihre Ausbildung ist auch nicht optimal. Das alles hätte das BMI längst ändern können. Der Minister deutet jedoch nicht an, wie er das nun tun will. Auch nicht wie er die Professionalisierung der oft ehrenamtlich geführten Verbände vorantreiben will.

Lieber spricht er über Hamburgs Chancen als Bewerber um die Olympischen Spiele 2024. »Wir können damit werben, dass wir organisieren können«, sagt de Maizière. Nun ja, die WM der Fünfkämpfer vor einigen Tagen in Berlin zeigte anderes. Am ersten Tag gab es nirgendwo Hinweisschilder, wie Zuschauer zu den Wettkampfstätten kommen konnten. Die Schießanlage funktionierte nicht, der Zeitplan wurde ständig verändert und eine Internetverbindung für Journalisten war auch nicht eingerichtet, nicht einmal ein Arbeitsraum.

Zum Glück waren nur ein paar deutsche Kollegen, drei chinesische und ein Ungar vor Ort, um sich darüber zu ärgern, dass sich internationaler, nationaler und Berliner Verband die Schuld für das Chaos gegenseitig zuschoben. Man mag über die Methoden denken, was man will, aber dass Chinesen Großveranstaltungen besser organisieren, ist mittlerweile überall bekannt außer offenbar beim BMI. Und selbst der Ungar schwärmte von einer parallel makellos ausgetragenen Basketball-EM der Frauen in Budapest. Ungarns Hauptstadt ist übrigens direkter Kontrahent Hamburgs um die Spiele.

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