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Denkräume größeren Ausmaßes

Frau Unger will sich nicht an die Barfüßerruine gewöhnen

  • Von Von Ulrike Gramann
  • Lesedauer: 7 Min.

Drei Arbeiter in orangefarbenen Westen stehen vorm verschlossenen Chor der Erfurter Barfüßerkirche, reden, deuten auf das nur halb erhaltene Relief über der Tür. Ein bis auf Beine und Rumpf zerstörter Christus erhebt sich über das umgestürzte Kreuz, Gottvater schaut wohlwollend zu ihm, die Stifter, deren Köpfe fehlen, zeigen andachtsvolle Haltung. »Entschuldigung, waren Sie schon mal da drin?« Im Museum? »Nein. Im Hof gibt es manchmal Konzerte.« Mit »Hof« meinen sie das riesige, 1944 durch eine Luftmine eingedrückte Kirchenschiff, dessen Westgiebel noch steht, zerbrechlich, nackt, gehalten von einem Anker aus Stahlbeton. Von der gotischen Kirche blieb ein Längsschnitt, versperrt durch Mauer und Gittertor. »Das ist ein Mahnmal.« Wir suchen einen Hinweis, wie man ins Museum gelangt. Hier: »Wegen der Sanierungsarbeiten im Hohen Chor bleibt die Ausstellung in der Barfüßerkirche geschlossen.«

Erfurt: In kaum einer deutschen Stadt ist das Mittelalter so präsent, so flächendeckend unzerstört. Die hiesige Bürgerschaft im 12., 13. Jahrhundert war so begütert wie selbstbewusst. Über 42 Kirchen verfügte das »Rom des Nordens«, erbaut von besten Baumeistern, ausgestattet mit feinster Bildhauerarbeit und Malerei. Allein in der Altstadt sind 27 erhalten. Unter manchem Bürgerhaus liegt bis heute ein romanischer Keller. Gerade wurden in einer früheren Schenke die Alte Synagoge freigelegt und der einzigartige Hochzeitsschatz, den seine Besitzer rasch begraben hatten, ehe ihre Nachbarn, Geschäftspartner, Mitmenschen sie ermordeten, in den Pogromen des Spätmittelalters. Wer will, entdeckt in den sensibel sanierten Fassaden dennoch nichts als heile Welt, guckt sich auch die Kriegsruine romantisch.

Schöngucker sind die fünfzehn Mitglieder der 2010 gegründeten Initiative Barfüßerkirche nicht, Geschichtsinteressierte, Stadtgeschichtler, Historiker, Restauratorinnen, der Kurator des Augustinerklosters. Sie ertrugen nicht, dass die Stadt mit der Ruine anscheinend nichts vorhatte. Am »Erfordia turrita«-Tag, an dem auch sonst geschlossene Türme begehbar sind, zeigten drei von ihnen mir den Hohen Chor, nannten Altarheilige bei ihren Namen, erzählten, erklärten. Zwar fanden seit 1957 wieder Gottesdienste im Chor der Barfüßerkirche statt, den eine Wand zur Ruine hin schloss. Doch die schrumpfende Gemeinde konnte das Bauwerk auf Dauer nicht halten und übergab es 1977 der Stadt. Seit Anfang der 1980er-Jahre zeigt das Angermuseum im Chor mittelalterliche Bildwerke. Doch der Ort ist nur sporadisch zugänglich, seit 2000 bröckelt es im Gewölbe, es wird gebaut.

Der Status quo der baulichen Erhaltung von Chor und Ruine ist der Initiative zu wenig. Sie fordert die Wiederherstellung der »Kubatur«, wie man das Volumen eines Bauwerks nennt. Dafür muss man nicht, wie beim Berliner Schloss, den früheren Bau kopieren; es gibt verschiedene Wege, den einst umbauten Raum erfahrbar zu machen. Im nahe gelegenen Augustinerkloster zum Beispiel rücken klare Bauten die Form der kriegszerstörten Teile ins Bewusstsein, sie werden auf moderne Weise genutzt. Von solchen Lösungen wagt die Initiative Barfüßerkirche kaum zu träumen, obwohl der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien die Ruine zum »Denkmal nationaler Bedeutung« erklärt hat. Das bedeutet, dass mit Bundesmitteln das Vorhandene baulich stabilisiert wird. Immerhin. Und nur.

Ute Unger, begabt »mit einem Nerv für altes Gemäuer«, ist eben aus Assisi zurück. Sie recherchierte dort für eine Ausstellung, die die Initiative im September veranstaltet. Jahrgang 1940, kam sie 1977 ans Erfurter Schauspiel, war seit 1983 Dramaturgin des Musiktheaters, blieb es bis 2003, »durfte bleiben«, sagt sie. Unger sitzt für die LINKE als parteilose, sachkundige Bürgerin im Kulturausschuss der Stadt.

Praktizierende Christin war sie nie. Frau Unger, warum soll ich mich für den heiligen Franz von Assisi interessieren? »Aus sozialen und kulturellen Gründen.« Genauer? »Alles, was kreucht und fleucht, ist gleichwertig, verdient unseren Respekt. Wir haben nicht das Recht, es zu zerstören.« Franz, der Heilige, sei »ganz normal« gewesen, ehe er Soldat wurde, sogar »Meister Matz«. So nennt man gut thüringisch einen jungen Hedonisten. Ein Jahr Gefangenschaft habe ihn gewandelt. Er empfing den Auftrag: »Franziskus, geh hin und richte mein Haus wieder auf«, begriff ihn als Aufbau eines verfallenen Kirchleins und dann als Renovation der Institution Kirche. Die Franziskaner wollten wie Christus leben, friedfertig, spirituell, arm, in Hinwendung zu den Armen. Barfuß gehen.

»Ich weiß gar nicht, was ein Kloster ist. Baut uns das Haus nur nah am Wasser, damit wir zum Füßewaschen hineinsteigen können«, soll einer der Brüder gesagt haben, als der von der Bürgerschaft eingesetzte Prokurator Erfurts den Franziskanern 1228 das Grundstück an der Gera übergab und fragte, ob dort ein Haus »nach Art eines Klosters« gebaut werden solle. Der erste Bau brannte 1291 nieder, man begann neu, weihte den Chor 1316. Um 1400 war die größte Franziskanerkirche Europas vollendet, 89 Meter lang, sie fasste 1000 Gläubige.

»In diesem Bauwerk begegnen sich Aufstiege, Abbrüche und Umbrüche der deutschen Geschichte.« Unger meint den Aufstieg der Städte, die Bettelorden, denen die Gemeindepfarrer den Zulauf neideten. Sie meint die Reformation, Luther, der 1529 in der Barfüßerkirche predigte, dann auch die »spießbürgerliche Bigotterie« im 19. Jahrhundert, als ein Blitzschlag einen Teileinsturz verursachte. Damals ließ die Gemeinde ihre Kirche vom preußischen Militär als Garnisonskirche benutzen, saniert wurde dank »Allerhöchstem Gnadengeschenk«. Unger spricht dann von der Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Die Initiative ließ 2012 das Relief »Totentanz« gießen und an der Außenmauer anbringen. Es zeigt den Tod, der mit Bomben vom Himmel kommt, und die, die mit Füßen auf Erfurter Grund stehen und zum Kriegstanz aufspielen. Der Entwurf des Bildhauers Hans Walther stammt von 1947.

Einige hundert Leute, sagt Unger, wissen schon, dass es die Initiative gibt; gute Wünsche hören sie viele. Die Kirche ist ins langfristige Kulturkonzept der Stadt aufgenommen. Aber wenn sommers in der Ruine Theater gespielt wird, ist es nur dem freundlichen Hotel gegenüber zu danken, dass die Besucher auch mal zur Toilette gehen können. 40 Millionen Euro soll der Ausbau des Steigerwaldstadions zur »Multifunktionsarena« kosten, Geld aus »anderen Töpfen«, wie Unger klarstellt. Sicher. Der Vergleich drängt sich trotzdem auf. Das Nötigste wäre hier mit weit geringeren Beträgen getan, selbst wenn das erträumte Glasdach dazu gehörte. »Die Bude zukriegen«, sagt Unger zu Herrn Künast, dem Baufachmann, der jeden Stein kennt, viel Dreck bewegt hat, den Schlussstein in der Annenkapelle fand. Er weist dorthin, wo ein Pfeiler im 19. Jahrhundert »wandelbar« geworden war, beweglich. »Man denkt immer, Stein wär tot. Aber der arbeitet.« Für ihn scheint die Arbeit auch nicht nur Broterwerb zu sein.

Gibt es Verbündete in der Stadtverwaltung? Durchaus, Unger nennt den Kulturdirektor. »Manchen Mitarbeitern der Stadt gehen wir sicher auf den Keks.« Das ficht sie nicht an. Es gibt Schlimmeres: Der Stadtrat lehnte soeben ihren Haushaltsbegleitantrag ab, in dem es um 300 000 Euro ging, für die Wiedereröffnung zum Beginn der Lutherdekade 2017, sogar die Verwaltung befürwortete ihn. Nicht so der Koalitionspartner SPD. Das sei »umso bedauerlicher«, meint sie diplomatisch, »als die Zusammenarbeit in sozialen Belangen wirklich gut ist«. In diesem Jahr werden noch Fördergelder vom Bund verbaut. Nutzung muss, das ist Gesetz, der Eigentümer finanzieren. Was nützten denn, fragt Unger, die jährlichen Auftritte des Oberbürgermeisters bei den Feiern des Initiativkreises zum Jahrestag der Zerstörung, wenn der »einzige authentische Lutherort in städtischem Eigentum« zur Feier von 500 Jahren Reformation nicht parat sei?

Ist es einfach ein Baudenkmal zu viel für eine Stadt voller Denkmäler? »Substanz darf nicht vergeudet werden! Die Einheit von Geschichte und Kultur darf nicht verlorengehen!« Ich begreife das, als ich lese, worüber Ute Unger in einer Publikation der Initiative schreibt: Welche Verstrickungen gab es in der Kirchgemeinde und bei den Pastoren im NS-Staat, gab es Mut, Denunziation, Schuld, Schweigen? Was sagen die historischen Quellen, was ist nicht mehr oder noch nicht nachvollziehbar? Die Gewöhnung an die Ruine im Stadtbild ist, so gesehen, sehr bequem. Die ganze Geschichte erzählen, heißt, den Finger in eine Wunde zu legen, die von der pittoresken Ruine, selbst dem Wort »Mahnmal« eher verdeckt wird.

Und was heißt hier Mahnung? Nachdem in den Überbleibseln des Kirchenschiffs zunächst Shakespeare-Stücke aufgeführt wurden, ist es in diesem Jahr das Lustspiel »Bunbury«. Warum nicht gleich ein Mittelaltermarkt? Mittelalterkitsch geht weg wie warme Semmeln. Aber die Art Vulgärmaterialismus kommt für Unger nicht in Frage. »Das Bürgertum von Erfurt war in 800 Jahren nicht nur reich, manchmal auch klug.« Was sagt uns so ein Bau, heute? »Dass die Voraussetzungen für große Bauwerke ein großes Denken und eine große Überzeugung sind. Ob das noch unser Geist ist oder auch nicht unser Geist, aber die Weiträumigkeit des Denkens, der weite Horizont, die Annahme von großer Verantwortung betrifft uns.«

Denkräume, ja. Da brauchen wir alle Zutritt, und auch die Stadtarbeiter in ihren orangenen Westen.

www.barfuesserkirche.de

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