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Olympia unter Kontrollzwang

Das IOC listet in seinem Gastgebervertrag für 2024 viele Pflichten auf - Spuren der Reformagenda sind erkennbar

Die fünf Bewerber für die Sommerspiele 2024 stehen fest. Der Gewinner hat nach der Wahl 2017 einen ziemlich umfangreichen Vertrag zu unterzeichnen.

Olympiaorganisatoren müssen viel lesen. Schließlich bekommt eine Bewerberstadt als erstes nach der offiziellen Anerkennung durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) einen 273 Seiten umfassenden Vertrag zugesandt. Dieser Host City Contract (HCC) soll alles regeln, was das IOC von der Stadt erwartet. Am Mittwoch bestätigte IOC-Präsident Thomas Bach, dass sich Hamburg, Paris, Rom, Budapest und Los Angeles um die Sommerspiele 2024 bewerben wollen, erstmals wurde gleichzeitig bereits so früh Zeitpunkt des Bewerberrennens jener Vertrag veröffentlicht.

In Hamburg dürfte der Kontrakt aufmerksam gelesen werden, denn die Bürger sollen am 29. November entscheiden, ob ihre Stadt im Rennen bleiben soll. Allzu viel Neues, was möglicherweise ausufernde Kosten betrifft, steht aber gar nicht drin, denn der Vertrag ist seit der selbst auferlegten Reformagenda 2020 vom IOC merklich überarbeitet worden.

So ist an keiner Stelle zu lesen, wie viel Geld das Organisationskomitee von einem eventuellen Gewinn nach den Spielen ans IOC überweisen soll. Auch eine Klausel, dass sich das IOC keinesfalls an Schulden beteiligen würde, ist nicht zu finden - eine Übernahme durch das IOC allerdings auch nicht. So bleibt den Hamburger Wählern nur eine vage Risikoanalyse und die Hoffnung, dass die Organisatoren ihre Finanzkonzepte einhalten werden. Bis zum Referendum soll ein solches vorliegen.

Dass es aber zu Kostensteigerungen kommen wird, scheint schon jetzt klar. So muss der Ausrichter garantieren, dass etwa Fernsehen und Pressevertretern die modernste Technik zur Verfügung stehen wird. Doch wer weiß heute schon, was 2024 Standard ist, und wie viel der kostet?

Trotzdem haben Elemente der IOC-Agenda 2020 Einzug in den Vertrag gefunden. So will das IOC nun die Umwelt schützen: »Naturschutzgebiete dürfen nicht durch den Bau von olympischen Stätten beeinträchtigt werden.« Auch wird der Ausrichterstadt erstmals erlaubt, Wettkämpfe bei Bedarf ins Ausland zu verlegen, wenn dies nachhaltiger wäre, als eine neue, später brachliegende Sportstätte an Ort und Stelle zu bauen. Zudem sollten Neubauten nicht überdimensioniert sein.

Trotzdem kommen auf die Ausrichter natürlich hohe Kosten zu, die das IOC minuziös auflistet. So sollen »Hin- und Rückflug, Verpflegung und Unterkunft für jeden Vertreter eines internationalen Sportverbands« bezahlt werden - nicht nur während der Spiele, sondern bereits bei vorherigen Besuchen, wenn sich jene Vertreter den Fortschritt der Baumaßnahmen ansehen wollen. Das Olympische Dorf soll 16 000 Menschen aufnehmen können, mit einem Speisesaal von fast 11 000 Quadratmetern, zuzüglich der obligatorischen McDonalds-Filiale.

Im gesamten Vertragswerk zeigt das IOC, welche Kontrollfreaks beim Schweizer Verein mittlerweile versammelt sind. Alles müssen die Organisatoren absegnen lassen: Vom Werbeposter, über Inhalte von Geschenktüten, Essenspläne, bis hin zum Blumenbouquet bei Siegerehrungen. Zudem legt das IOC gleich selbst fest, dass die Flagge des Siegers immer oben, die des Zweiten links darunter und die des Dritten rechts zu hängen hat. Die 13 Standardelemente der Eröffnungsfeier von der Präsidentenbegrüßung bis zur Entzündung der Flamme dürfen auch nicht fehlen. Die fünf olympischen Ringe sind natürlich nur in den Originalfarben und immer auf weißem Grund zu zeigen. Alkohol, Rauchen und Missionieren sind im Olympischen Dorf nicht gestattet. Die Liste kann seitenweise verlängert werden.

Bei all der Detailflut ist merkwürdig, dass das IOC offenbar keine Vorgaben mehr macht, wenn es um Stadiongrößen geht. Feste Zuschauerkapazitäten für Schwimm-, Hockey- und Fußballstadien finden sich nicht im HCC. Genauso wenig wie die »Olympic lane«, jenem Ärgernis vieler Autofahrer in einer Olympiastadt, die im Stau stehen, während Sportler, Politiker und Medienvertreter auf einer extra Spur vorbeirasen. Auch finden sich keine Anweisungen mehr für ausufernde Partys der »Olympischen Familie« wie in früheren Verträgen. Das IOC garantiert sogar, selbst für die Kosten der traditionellen IOC-Session kurz vor den Spielen aufzukommen. Immerhin ein Anfang.

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