Zivile Retter in rauer See

Die Menschenrechtsorganisation SOS Méditerranée hatte ihren ersten Hilfseinsatz vor der libyschen Küste

Seit Jahresbeginn starben bereits mehr als 400 Flüchtlinge auf dem Mittelmeer. Die Überfahrt nach Lampedusa bleibt eine der gefährlichsten Routen.

Die See ist rau in diesen Tagen im zentralen Mittelmeer. Der Wind weht oft wechselnd, zwischen Windstärke vier und sechs. Man sollte meinen, dass niemand bei diesem Wetter die Überfahrt nach Lampedusa versuchen wird. Und doch hatte die »Aquarius« am Montagmorgen - wenige Tage nach ihrer Ankunft vor der libyschen Küste - ihren ersten Rettungseinsatz. Wenige Stunden nachdem ein überfülltes Schlauchboot die libysche Küste verlassen habe, sei es in Seenot geraten, berichtet die Hilfsorganisation SOS Méditerranée. Ihr Schiff habe 74 Menschen an Bord aufgenommen.

Über Jahre galt die italienische Insel Lampedusa als Synonym für die gefährliche Flucht über das Mittelmeer. Seit aber im vergangenen Sommer immer mehr Menschen über die Balkanroute in die Europäische Union gelangt sind, ist die Flucht über das zentrale Mittelmeer ein wenig aus dem medialen Fokus geraten. Dabei wird die Route weiterhin häufig frequentiert.

Noch immer gibt es in Nordafrika viele Menschen, die auf eine günstige Gelegenheit zur Überfahrt warten. Wie viele das sind, ist nur schwer zu schätzen. »Wir haben keine aktuellen Informationen über die Lage an der Küste von Libyen«, sagt Klaus Vogel, Kapitän auf der »Aquarius«. Er weiß aber, dass Schlepper die Menschen in Libyen wie Sklaven halten, sie erpressen und ihre Notlage ausnutzen. »Dass wir hier auf See nur auf sie warten können, ist kaum zu ertragen«, sagt Vogel.

Den Einsatzbeginn der »Aquarius« vor anderthalb Wochen begleitete auch die Grünen-Vorsitzende Simone Peter. Während eines Besuchs an Bord kritisierte sie, dass die wirksame italienische Seenotrettung »Mare Nostrum« 2014 wegen mangelnder Unterstützung durch die Europäische Union eingestellt werden musste. Dabei sei eine umfassende Seenotrettung nach wie vor dringend notwendig. Zwar ist die italienische Küstenwache noch immer in Lampedusa stationiert; auch die Bundeswehr ist im Rahmen ihrer Operation Sophia mit zwei Schiffen im zentralen Mittelmeer im Einsatz und konnte in den vergangenen acht Monaten mehr als 11 800 Menschen in Seenot retten. Aber es klaffen offenbar noch große Lücken bei der Seenotrettung.

Koordiniert wird die Hilfe im zentralen Mittelmeer über eine Leitstelle in Rom. Von dort aus werden die in Seenot geratenen Boote geortet und ihre Positionen an die Rettungsschiffe weitergeleitet. Auch die »Aquarius« erhielt am Montagmorgen von dort den Hinweis auf das Schlauchboot, das zu sinken drohte.

»Seenotrettung ist eine Akutmaßnahme, um den Verlust von Menschenleben zu verhindern. Ihre Notwendigkeit ist Folge einer restriktiven Grenzpolitik, die Schutzsuchende aufs Meer zwingt«, erklärte jüngst die Organisation Ärzte ohne Grenzen, die von Mai bis Dezember mit drei Schiffen im zentralen Mittelmeer im Einsatz war und in der Zeit mehr als 20 000 Menschen rettete. Im Dezember verlagerte die Organisation ihre Teams in die Ägäis, weil dort Hilfe noch dringender notwendig schien. Auch die zivilen Retter der deutschen Initiative von Sea Watch sind im Herbst von Lampedusa aus dorthin aufgebrochen.

Rettungseinsätze vor der Küste Libyens fährt nun die »Aquarius«. Für den Aachener Friedenspreisträger Heiko Kauffmann ist dies ein Engagement europäischer Bürgerinnen und Bürger. Nur mit Hilfe ihrer Spenden und ihrer Unterstützung sei das Engagement von SOS Méditerranée vor Ort möglich. Kauffmann hofft, dass dies der Beginn einer zivilen Seenotrettung im Mittelmeer ist - ganz nach dem Vorbild der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, die in Nord- und Ostsee aktiv ist.

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