»Wir stoßen an unsere Grenzen«

Geflüchtete Frauen suchen Schutz vor Gewalt in Frauenhäusern - doch die sind überlastet und fordern mehr Hilfe

Es fehlt ohnehin an Platz, an Geld, an Personal. Jetzt wird der Bedarf noch größer, denn auch geflüchtete Frauen brauchen Hilfe bei häuslicher Gewalt.

In den sechs Berliner Frauenhäusern gibt es inzwischen deutlich mehr Anfragen, weil Frauen aus den Flüchtlingsheimen Schutz suchen. Der Platz in den Häusern wird dadurch noch knapper. Die Leiterinnen der Häuser fordern daher vom Senat mehr Unterstützung für die Betreuung der geflüchteten Frauen. »Wir stoßen in den Frauenhäusern an unsere Grenzen«, sagte Heike Ritterbusch vom Frauenhaus Cocon. Allein für die Übersetzung bei Beratungsgesprächen im Frauenhaus und für die Begleitung bei Behördengängen sei mehr Personal nötig. »Diese Ressourcen haben wir nicht zur Verfügung.«

Auch das Interkulturelle Frauenhaus, das speziell auf Migrantinnen ausgerichtet ist, fordert dringend mehr Geld für sprachlich und fachlich geschultes Personal. »Was ist ein Jugendamt, wie funktionieren Institutionen, wie die Schulen, all diese Fragen müssen kommuniziert werden, das erfordert viel Personaleinsatz«, sagte die Leiterin Nadja Lehmann. Derzeit liefen Verhandlungen über die Eröffnung eines weiteren Frauenhauses, speziell für geflüchtete Frauen, sagte Lehmann.

Die Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen eröffnete in der vergangenen Woche bereits eine Flüchtlingsunterbringung speziell für Frauen. Doch für akut gefährdete Frauen ist das keine Alternative. Der ohnehin schon große Platzmangel in den Frauenhäusern verschärfe sich daher weiter.

Im Jahr 2015 fragten in 556 Fällen Frauen mit 759 Kindern erfolglos bei der zentralen Hotline der Initiative gegen Gewalt an Frauen nach einem Platz in einem Frauenhaus. In 41 Fällen kehrten die Frauen wieder in die Tatwohnung zurück, 83 Mal kamen Frauen bei Verwandten oder Bekannten unter. Sonst erhielten sie Notplätze in den Frauenhäusern, mussten in Unterkünfte im Umland ausweichen oder wurden in Hotels oder Obdachlosenunterkünften einquartiert. Etwa 2000 Frauen und Kinder finden jedes Jahr Schutz in den Häusern.

Nach Angaben der Polizei stieg die Zahl der Fälle sogenannter häuslicher Gewalt in den Flüchtlingsunterkünften leicht an. Sie bewege sich nach ersten Zählungen »seit Januar 2015 bis Februar 2016 monatlich im einstelligen bis mittleren zweistelligen Bereich«, sagte ein Sprecher. Dass heißt, es gibt monatlich etwa 5 bis 50 Fälle. Insgesamt kamen im vergangen Jahr etwa 80 000 Flüchtlinge neu in Berlin an.

Im laufenden Jahr und im nächsten Jahr gibt die Senatsverwaltung insgesamt 7,4 Millionen Euro für die Hilfssysteme bei Gewalttaten in Familien aus. Die 326 Plätze in Frauenhäusern, deren Adressen zum Schutz der Frauen geheim sind, werden pauschal mit jeweils rund 9000 Euro im Jahr finanziert.

Das reiche nicht für eine tarifgerechte Bezahlung des Personals, sagt Uta Kirchner vom Frauenhaus Bora. Häusliche Gewalt sei auch ein Ergebnis der gesellschaftlichen Bedingungen. »Die Mitarbeiterinnen in der Antigewaltarbeit räumen quasi den Dreck weg, den die Gesellschaft hinterlässt. Dafür müssen sie angemessen bezahlt werden.«

Insgesamt gingen die offiziell erfassten Taten häuslicher Gewalt in Berlin nach Polizeiangaben im vergangenen Jahr um fünf Prozent auf 14 490 Fälle zurück. Die Polizei geht aber davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt. dpa

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