Ein erster Schritt zur Rehabilitation des Sports

Der Ausschluss der russischen Leichtathleten von Olympia in Rio kann nur der Anfang der Selbstreinigung des Sports sein

Das IOC wird den Olympiabann russischer Leichtathleten wohl nicht mehr anfechten. Vielmehr nimmt sie weitere Sportarten ins Visier.

Russlands Leichtathleten müssen mehrheitlich den Olympischen Spielen in Rio fernbleiben. Die so harte wie unvermeidliche Entscheidung des Leichtathletikweltverbands IAAF ist aber nur der erste Zug in einem weit größeren Spiel um die Macht und um die Spielregeln im globalen Sportgeschäft. Folgen mehr internationale Verbände dem Beispiel der IAAF? Weitet die Leichtathletik ihre Ermittlungen auch auf andere des Dopings schwer verdächtige Nationen wie Kenia und Eritrea aus? Oder obsiegen die starken wirtschaftlichen und politischen Verknüpfungen von IOC und FIFA mit Russland? Die Schlacht ist eröffnet.

»Der Ausschluss ist nicht fair. Es hat in Russland keine Unterstützung für Verstöße im Sport und vor allem nicht im Bereich Doping gegeben, und es wird sie auch nicht geben«, protestierte Russlands Präsident Wladimir Putin nach dem Verdikt. Er kündigte Gespräche mit dem IOC und der WADA an. Das IOC trifft sich am Dienstag in Lausanne zu einem Gipfel, um über die Folgen der IAAF-Entscheidung zu beraten. Zurücknehmen kann es sie nicht: Die Fachverbände bestimmen, welche Sportler sie bei den Spielen zulassen. Das IOC hatte auch hingenommen, dass der Internationale Gewichtheberverband IWF bulgarische Heber von Olympia ausschließt. Damals, im November 2015, berief Thomas Bach nicht einmal einen Gipfel ein. Am Wochenende verlautete das IOC per Stellungnahme, dass auch die Entscheidung der IAAF »vollständig respektiert« werde.

Dabei stellte der Gewichtheberentscheid eine Trendwende im Antidopingkampf dar. Vom Fachverband wurde beschlossen, dass mehr als neun Dopingverstöße einer Nation pro Saison ein Ausschlussgrund für alle Athleten des Landes bei den folgenden Olympischen Spielen sind. Bulgarien hatte 2015 elf Verstöße. Klare Sache: Olympische Eisen werden nicht von bulgarischen Armen in Rio Himmel gestemmt werden.

Der Leichtathletikverband IAAF hat solche klaren Regeln noch nicht. Deshalb brauchte es eine Untersuchungskommissionen und Sondertreffen, um zu ähnlichen Sanktionen zu gelangen. Die Untersuchungen wurden - zur Schande der Funktionäre sei es noch einmal erwähnt - von journalistischen Recherchen des ARD-Dopingexperten Hajo Seppelt und Aussagen der Whistleblowerin Julia Stepanowa ausgelöst.

Die Ermittlungen ergaben, dass eben doch der russische Staat ganz aktiv in die Manipulationen verwickelt war. Der Geheimdienst FSB etwa verwehrte Dopingkontrolleuren den Zugang zu Athleten. In Laboren in Moskau und Sotschi verschwanden positive Proben. Sie wurden nicht gemeldet oder es wurden - erneut mit Hilfe des FSB - die Röhrchen geöffnet und der kompromittierende Urin ausgetauscht. Das betraf auch Tests bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014. Das sagte der frühere Leiter des Moskauer Labors, der mittlerweile in die USA geflüchtete Grigori Rodtschenkow. »Die Leute feiern die Olympiasieger, und wir sitzen im Labor und tauschen deren Urin aus«, erinnerte er sich an die Ereignisse.

Glaubt man Rodtschenkows Berichten, zeigen sie, dass Putin entweder schlecht informiert ist, wer in seinem Land die Dopingbekämpfung unterminiert oder dass er schlicht lügt. Rodtschenkow wird für seine Aussagen nun von der russischen Justiz verfolgt. Er habe mit seinen Manipulationen dem Ansehen Russlands geschadet, lautet der Vorwurf - als sei der Ex-Laborleiter der kriminelle Einzeltäter in einem ansonsten superkorrekten Umfeld. Die Ermittlungen gegen Rodtschenkow kündigte ausgerechnet Wladimir Markin an. Auf dem Justizsprecher liegt laut Berichten russischer Medien nicht nur der Verdacht, er habe akademische Titel zu Unrecht erworben. Als US-Staatsanwälte gegen Korruptionsfälle rund um den Fußballweltverband FIFA vorgingen, drohte er als Schutz für jene Männer, die Russland zur WM 2018 mitverholfen hatten, russische Untersuchungen zu vermeintlichen Unregelmäßigkeiten beim Mondlandeprogramm der Amerikaner an. Sportpolitische Ränkespiele gehen hier nahtlos ins weite Feld der Verschwörungstheorien über.

Beim IOC-Gipfel sollte es an diesem Dienstag darum gehen, welche Sportarten - nicht nur in Russland - ebenfalls korrumpiert sind. Laut IOC-Ratsmitgliedern geht es um Boxen, Taekwando und die zweite olympische Kernsportart Schwimmen. Der Kampf um die Rehabilitierung des Sports ist gerade einmal eröffnet.

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