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Die Attacken werden mehr

Schwullesbische Aktivisten haben in Frankreich keine Lobby

  • Von Ronny Blaschke, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.
Eine Schweigeminute für die Opfer von Orlando wurde abgelehnt. Regenbogenfahnen im Stadion auch. Der Kampf gegen Homophobie ist auch in den EM-Stadien schwer.

Ein Straßencafé im Osten von Paris. Auf dem Tisch vor Jacques Lizé liegt ein Hochglanzmagazin. Auf der Titelseite umarmen sich Fußballer, die Schlagzeile: »Respekt«. Jacques Lizé ist ein Mann von kräftiger Statur. Er lächelt ein wenig gequält, wenn er an die Toleranzkampagnen des Europäischen Fußballverbandes UEFA denkt: An die Spots mit lächelnden Gesichtern, an die Stadionbanden und leidenschaftslos vorgelesenen Statements der Kapitäne vor wichtigen Spielen.

»Die UEFA hat eine Schweigeminute für Orlando abgelehnt«, sagt Lizé. »Wir hätten gern der Opfer gedacht.« 50 Menschen waren Mitte Juni in einem Schwulen- und Lesbenclub in Florida ermordet worden. »Das ist ein besonders tragisches Beispiel von Homophobie, aber auch bei uns in Frankreich hat das Tradition. Nur wollen das viele nicht wahrhaben.«

Lizé engagierte sich seit vielen Jahren in Workshops für »Paris Foot Gay«, dem bekanntesten der schwullesbischen Sportvereine, die man in Frankreich an einer Hand abzählen kann. Der 58-Jährige schildert widersprüchliche Erfahrungen: Einerseits wollten viele Heterosexuelle für den Klub spielen, um - so vermutet Lizé - ihre Weltoffenheit auszudrücken. Andererseits wurde der Verein oft angefeindet. Einmal lehnte eine muslimisch geprägte Mannschaft ein Pflichtspiel ab. Dass Paris Foot Gay zeitweise selbst einen muslimischen Vorsitzenden hatte, war dem Gegner egal. Im Herbst 2015 gab die Vereinsführung auf, sagt Lizé: »Wir wollen mit Bildungsarbeit gegen die Hassgesänge angehen. Der Fußballverband und das Sportministerium haben uns viele Versprechungen gemacht. Aber nichts ist passiert.«

In Deutschland gibt es mehr als 20 schwullesbische Fanclubs. Kanzlerin Angela Merkel äußerte sich positiv zum Coming-out von Thomas Hitzlsperger, der Deutsche Fußball-Bund organisierte ein Forum gegen Homophobie und gab eine Broschüre heraus. »In Frankreich ist das noch ausgeschlossen«, sagt Lizé. »Auch bei uns gibt es schwule Profis. Vielleicht outen sie sich irgendwann, aber erst lange nach ihrem Karriereende.«

Lizé und etliche Mitstreiter wollen sich trotzdem nicht mit der allgegenwärtigen Homophobie zufrieden geben und stellen sich mit Bildungsarbeit dagegen. So bestreiten am vergangenen Sonntag 20 Spielerinnen und Spieler ein Freundschaftsspiel, um für das Thema zu sensibilisieren. Es ist neben Podiumsgesprächen und einer Ausstellung eine von mehreren Veranstaltungen des »Pride House« in den EM-Spielorten. Ins Stadion kommen jedoch nur wenige Zuschauer oder Journalisten, und auch der Vertreter der UEFA ist nach seinem Grußwort schnell wieder weg.

Am Mittelkreis bindet Bertrand Lambert seine Schuhe fest zu, er ist Präsident der »Panamboyz United«. Der schwullesbische Verein hat in den vergangenen Jahren Schnürsenkel in Regenbogenfarben verteilt, sogar einige Profis haben diese getragen. Für die Kampagne wurden Lambert und sein Team ausgezeichnet. »Doch dann gibt es wieder Rückschläge«, wirft er ein. »Kurz nach dem Anschlag in Orlando wollte ein Fan mit einer Regenbogenflagge ins Stade de France. Das wurde als politische Aussage abgelehnt.« Die Akzeptanz gegenüber Lesben und Schwulen wächst nicht linear. Nach öffentlich beklatschten Coming-outs gab es Rückschritte. Die ehemalige Tennisspielerin Amélie Mauresmo sagt, dass sie es sich heute genau überlegen würde, ob sie öffentlich noch einmal über ihre Homosexualität sprechen würde.

»Der Druck auf Schwule und Lesben ist wieder gestiegen«, sagt Cyril Millet, einer der Organisatoren des »Pride House«. Vor drei Jahren wurde die Ehe in Frankreich auch für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet. An einigen Tagen hatten in Paris mehr als eine Million Menschen dagegen demonstriert. »Die Attacken auf Schwule haben sich seitdem verdoppelt«, sagt Millet. Darauf wollen er, Lambert und Lizé hinweisen. Unterstützung erhalten sie dabei kaum, weder von der Politik noch von den Fußballverbänden. Sieht man von den Hochglanzkampagnen einmal ab.

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