Zwei vom Campus der Künste

Die Toscana Halle in Berlin- Weißensee ist eine Heimstätte für Kreative. In einer Stadt, in der Platz für sie immer knapper wird, bietet das Areal fast schon gigantischen Freiraum. Ein Besuch bei zwei sehr unterschiedlichen Künstlern

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 6 Min.

Das Projekt wirkt selbst für Berlins bunte Szene ungewöhnlich. Wo in den 1930ern ein Werk für Feinmechanik seinen Sitz hatte, nach dem Krieg die Sowjets residierten, gefolgt von der Stasi mit ihrer Abteilung Personenschutz fürs Jagdrevier Schorfheide und nach der Wende das Finanzamt, hielten vor etwa zehn Jahren Künstler Einzug. Der kunstsinnige Immobilienmakler Peer Pette kaufte das gewaltige Areal im Bezirk Pankow und machte es zur European Creative City, der Kreativstadt Weißensee mit Kürzel ECC.

Ja, gesteht Susanne Knaack zu, ein bisschen abgelegen sei das Gelände schon, eines der zentralen Probleme. Knaack gehört zu den rund 100 involvierten Künstlern, von denen viele dort ihr Atelier haben, und ist zugleich die Schlüsselverweserin für ein Objekt vielleicht bald vieler Begierde.

Seit gut einem Jahr steht den »hauseigenen« Künstlern und geladenen Gästen die sogenannte Toscana Halle als Ausstellungsort von einer beeindruckenden Dimension zur Verfügung. Seinen vorläufigen Charakter, sagt Knaack, soll der Ort behalten: weiße Wände, tragende Säulen, hohe Fenster als eine geschlossene Front und der grobe Zementfußboden, dem man die Freilegungsschraffuren noch ansieht. Das alles auf 18 mal 18 Metern bei knapp sechs Metern lichter Höhe. Licht ist der Raum tatsächlich, und er will mit Exponaten gefüllt werden. Reihum tun das alle beteiligten Künstler; zwei von ihnen stehen für die ganz verschiedenen Auffassungen von Kunst.

Seit gut zehn Jahren lebt der Brasilianer Flauberto aus dem nordöstlichen Bundesstaat Paraíba in Berlin, nahm bereits an Gemeinschaftsausstellungen in den USA, in Deutschland, der Schweiz und seiner Heimat teil und gilt als ein herausragender Botschafter der Kultur seines Landes. Denn gedanklich und auch gefühlsmäßig, so gesteht er, sei er Brasilien eng verbunden.

Die rund 40 Bilder seiner jüngsten Präsentation entstanden in 20 Jahren der Auseinandersetzung mit Südamerikas größtem Land und zugleich aus der liebenden Erinnerung an den »Kontinent« Brasilien. »Who controls what you think« (Wer kontrolliert, was du denkst) hat er provokant die Retrospektive genannt, und dieser Titel kehrt auf vielen der Bilder als Sprachzug wieder. Nicht korrekt linear, sondern in Krümmungen und umrankt von floralen oder einfach fantastischen Elementen. Kleine Formate sind darunter und auch Exponate von imposantem Ausmaß, fröhlich farbige und umdüsterte. Er habe zwar beide Füße fest auf dem Boden, lächelt der jungenhafte Flauberto mit den leuchtenden Augen, manchmal sei jedoch sein Kopf dunkel, nichts sei klar, manchmal wiederum verwende er zu viel Farbe.

Dick trägt er sie auf, direkt aus der Tube gedrückt und durch Schaumstoff umrandet. So entstehen Reliefs, die er meist durch Lack resistent macht. Politik, Sex und Religion sind seine bevorzugten Themen, jene, die für ihn den Menschen ausmachen. Dass sein Land momentan, nach dem Putsch gegen die gewählte Präsidentin, eine schwere Zeit durchläuft, lastet auch ihm auf der Seele. In seinen Werken, zumal den älteren, taucht das freilich so explizit nicht auf. Die Erinnerung an seine Eltern aus dem bäuerlichen Milieu, an alte Traditionen, Riten, Mythen spiegeln sich allerdings wider, ob »nur« in Symbolen oder auch in Namenszügen. So überzieht sein Name diagonal ein Muster aus Pflanzen, sein Geburtsjahr 1967 taucht auf, blitzwinklig und deutsch exakt seine Berliner Adresse. Häufiger zieren jedoch die Bilder Zitate von Friedrich Nietzsche, der ihm wichtiger ist als Jesus: Während der eine nur Liebe predige, schildere der Philosoph das Leben unverstellt auch in seinen hässlichen Seiten. »Glaube ist, alles, was wahr ist, ignorieren zu wollen«, liest man, oder: »Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.« In ein güldenes Kreuz klebt der Atheist Flauberto Abziehbilder von Tieren, um die christliche Religion »natürlicher« zu machen. So entstehen teils knallige Collagen.

Die setzt er besonders beim Thema Sex ein. Da rastert er große Formate durch Fotos von schwulen Praktiken, wie er sie um den Nollendorfplatz ansiedelt. Gelackt, floral illustriert, bunt ausgemalt schafft er poppige und pralle Kommentare, wirbt für eine Toleranz, wie er sie aus seiner streng religiösen Heimat nicht kennt.

Titel tragen seine Gemälde nicht, das enge zu sehr ein, findet er. Schriftzüge darauf legen indes sehr wohl Fährten. »Sale on all floors«, heißt es etwa, eine Werbung aus dem Kaufhaus des Westens aufgreifend: Zwei große Insekten hasten und haschen wie Menschen auf Schnäppchenjagd - Kapitalismuskritik in Rot, Schwarz und viel Violett. Fluoreszierende Farben und reichlich Gold setzt Flauberto ein, lässt Leinwand ausfransen und Farben nach unten auslaufen. Glattes in Struktur und Textur, erklärt er, möge er nicht.

Ganz anders fallen die Arbeiten von Susanne Knaack aus, anders lief auch ihr Leben. Erst habe sie an der Freien Universität Berlin Kunstgeschichte und Germanistik studiert, erzählt sie, danach bis 1989 Malerei bei Georg Baselitz an der früheren Hochschule der Künste. Einfach sei Baselitz nicht gewesen, erinnert sie sich, eher extrem subjektiv, kein wirklicher Pädagoge, aber einer, bei dem man Haltung gelernt habe. »Was wollen Sie so«, fragte er seine Studenten gern, um herauszufinden, wie sie zur Kunst stehen.

Nach dem Studium war erst mal nicht so viel los bei Susanne Knaack, doch der Zufall kam ihr zu Hilfe. Bei einer Ausstellung in der Nationalgalerie fand sie einen Aufruf für eine Benefizaktion und bot mutig ein Bild an. Das hing dann tatsächlich neben Werken von Anselm Kiefer und Baselitz - und wurde von der Kunststiftung Poll ersteigert. Daraus ergab sich dann eine langjährige Zusammenarbeit, mit Ausstellungen bis in Paris und Buenos Aires. Die Studenten seien heute entschieden besser vorbereitet, sich zu vermarkten, sinniert die gebürtige Berlinerin Knaack und benennt einen weiteren Zufall, der sie ihren künstlerischen Weg finden ließ.

Auf eine weiß grundierte Leinwand kippte ihr eines Tages ein Eimer mit schwarzer Farbe aus. Als sie die Leinwand aufhob, begann die schwarze Farbe zu verlaufen, wobei sich Schlieren und Ornamente bildeten. Aus weiteren Versuchen mit dieser Zufallsmethode entwickelte Susanne Knaack ihre Schütt-Technik, die sie seither zur Perfektion gebracht hat. Nicht neu sei das, gesteht sie, verhalf ihr aber zu ihrer ganz persönlichen Richtung. Als Ausgleich zeichne sie viel und gern in und nach der Natur. Dennoch wurden die Schüttungen ihr Markenzeichen, das fast unendliche Möglichkeiten bietet, wundersame Gebilde entstehen zu lassen. Einige von ihnen hat sie zum Gespräch mitgebracht, zwei beinah wandfüllende und intimere kleine. In schwarz-weiß-grauer Schattierung sieht man darauf zwar, wie sie sagt, zunächst lediglich Form und Farbe. Eiswüsten vermeint man da zu erkennen, Nebelwallungen und Wolkenballungen, erkaltete Lava, Schluchten und zerklüftete kahle Natur von der Feinheit chinesischer Tuschmalerei. Doch bewusst will sich Susanne Knaack auf keine Inhalte festlegen, denn es sei ja schließlich der Zufall, der die Objekte forme: Sie setze den Prozess einzig in Gang, die Gravitation bestimme beim Anheben und Drehen der Leinwand dann die Fließrichtung und die Fließgeschwindigkeit der unterschiedlich viskosen Flüssigkeiten. Titel vermeide sie deshalb seit Langem - die entstehen eh extrem gegensätzlich im Kopf des Betrachters. Es sei eben Stimmungsmalerei, was sie produziere und bestenfalls auch verkaufe.

Manchmal steht sie Aktmodell, leitet selbst Aktkurse oder jobbt anderweitig. Leichter als ihre Kollegen »außerhalb« haben es auch die Künstler der »Toscana-Kommune« nicht: Es gehe nur gemeinsam, betont Susanne Knaack, durch die stetige und freiwillige Mitarbeit aller, die zur Umsetzung der jeweiligen Ausstellungsidee beitragen. Meist laufen, wegen der vielen Interessenten, die Schauen nur kurze Zeit, wirken indes aber ins Weißenseer Umfeld. Dass Anwohner gelegentlich die Nase in die Halle stecken, um zu erfragen, ob es bereits eine neue Ausstellung gebe, stimmt hoffnungsvoll für die Zukunft dieses Campus der Künste.

Toscana Halle, ECC-Kreativstadt Weißensee, Neumagener Str. 25/27, www.ecc-network.de

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