Zwischen Ohrensessel und Straße

Allen Abgesängen zum Trotz: Die engagierte Literatur ist quicklebendig - nur auf andere Weise, als es der deutsche Kulturbetrieb bisher gewohnt war. Von Wolfgang M. Schmitt

  • Von Wolfgang M. Schmitt
  • Lesedauer: 7 Min.

Die engagierte Literatur ist tot. Eine Gedenkfeier, auf der es hoch her ging, hielt das ZDF 1990 im »Literarischen Quartett« ab. Es wurde darüber diskutiert, was engagierte Literatur war, was sie sein sollte und warum sie verschwunden ist. Als Gast hatten Marcel Reich-Ranicki, Sigrid Löffler und Hellmuth Karasek den deutschen Vertreter und Veteran der engagierten Literatur schlechthin, Rolf Hochhuth, in ihre Runde geladen.

Hochhuths Stück »Der Stellvertreter«, das 1963 am Berliner Theater am Kurfürstendamm uraufgeführt wurde, sorgte für einen der größten Skandale der deutschen Literaturgeschichte, denn es brach mit einem Tabu: Plötzlich sprach man öffentlich über das Paktieren des Vatikans mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Akribisch hatte Hochhuth historische Quellen ausgewertet und daraus ein Stück in freien jambischen Versen gebastelt, das ihn bald weltberühmt machen sollte.

Weitere engagierte Werke folgten: Die Erzählung »Eine Liebe in Deutschland« deckte die Nazi-Vergangenheit des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger auf, »Wessis in Weimar« prangerte die Machenschaften der Treuhandanstalt an und »McKinsey kommt« verhandelt, angereichert mit vielen Auszügen aus Zeitungsartikeln, das ausbeuterische Vorgehen der Deutschen Bank. Der Skandal war Hochhuth auch hier gewiss, allein schon durch das an Josef Ackermann gerichtete Sonett »Warnung«, das mit den Zeilen endet: »›Tritt‹ A. nur ›zurück‹ wie Geßler durch - Tell? / Schleyer, Ponto, Herrhausen warnen.« Ruft dieses Stück zum Mord am Chef der Deutschen Bank auf? Hochhuth war wieder einmal in aller Munde.

Doch so verdienstvoll seine Anliegen sind, so schwach ist seine Literatur. Zu groß ist in ihm der Drang, aufzuklären und die Gesellschaft zu verändern, als dass er sich um literarische Qualitäten kümmerte. Hochhuth ist ein Phänomen: Jeder kennt, keiner liest ihn. Tut man es doch einmal, erwarten einen zähe Lektürestunden. Gut gemeint, aber nicht gut sind diese Dramen mit hohem dokumentarischen Anteil; die vielen eingestreuten literarischen Referenzen wirken oberlehrerhaft und die Figuren wie fleischgewordene Leitartikel.

So ähnlich scheint es auch Marcel Reich-Ranicki in der Sendung gesehen zu haben, der jedoch aus Höflichkeit seine Kritik an der engagierten Literatur nicht an dem Gast festmacht, sondern allgemein bleibt. Während die anderen drei Diskutanten sich gleich darauf einigen, dass im Prinzip alle Literatur, sogar ein Liebesgedicht, engagierte sei, macht Reich-Ranicki eine bemerkenswerte Unterscheidung: Zum einen gebe es gesellschaftskritische Literatur, die jedoch nur feststelle, was schief laufe und zum anderen gebe es engagierte Literatur, die unmittelbare politische, gesellschaftsverändernde Ziele habe und denen werde »die künstlerische Qualität untergeordnet«.

Löffler, Hochhuth und Karasek protestierten heftig gegen diese Diskreditierung, so sei doch der Franzose Émile Zola ein Paradebeispiel für einen bedeutenden engagierten Literaten. Eben nicht, so Reich-Ranicki, denn Zola habe »typische gesellschaftskritische Romane« geschrieben, doch als er in der Dreyfus-Affäre gegen den Antisemitismus Stellung bezog, schrieb er einen Leitartikel und verzichtete auf literarische Mittel »um der politischen Wirkung willen«. Auch Hochhuths Verweis auf Erich-Maria Remarques Anti-Kriegsroman »Im Westen nichts Neues« ließ der Kritikerpapst nicht gelten: »Ein sentimentaler Kitschroman«, verkündete er dogmatisch.

Für Reich-Ranicki war die Sachlage klar: Engagierte Literatur muss auf literarische Experimente und formale Originalität verzichten, um eine möglichst breite Leserschaft zu erreichen und so wirksam zu werden. Was zu didaktisch ist, kann keine große Literatur sein und umgekehrt. Im Fall Hochhuth möchte man dem zustimmen. Ähnliche Beispiele fallen einem ein. War Günter Grass’ Israelkritik in Versen, »Was gesagt werden muss«, nicht literarisch wertlos? Ist nicht Wolf Biermanns politische Lyrik, selbst nicht gesungen, zum Weglaufen? Übertrifft Ernst Jüngers »In Stahlgewittern«, trotz der Verherrlichung des Krieges, nicht Remarques pazifistisches Werk um Längen? Ist Juli Zehs Roman »Corpus Delicti«, eine beißende Kritik am Kontrollwahn, sprachlich nicht arg hölzern und ist hingegen ihr zusammen mit Ilja Trojanow geschriebenes Sachbuch »Angriff auf die Freiheit« zwar gar nicht literarisch ambitioniert, aber viel informativer?

Angesichts dieser Beispiele kann man recht froh sein, dass die engagierte Literatur heute kaum noch eine Rolle spielt. Wenngleich die Alternativen auch nicht gerade beglückend sind. Hauptsatz-Lakonie von Judith Hermanns Epigonen, autobiografisch angereicherte Nabelschau-Prosa und Familienromane, in denen Enkel auf dem Speicher Opas Feldpostbriefe finden, gibt es ausreichend. Selbst gesellschaftskritische Literatur im Sinne Reich-Ranickis findet man nur mit Mühe.

Entscheidend geprägt hat den Begriff der »engagierten Literatur« Jean-Paul Sartre, und bereits damals wurde über deren Qualität heftig debattiert. Sartre unterscheidet in den 1940er Jahren autonome Literatur, die vorwiegend um sich selbst kreist, von engagierter, die unmittelbar politisch ist und einem Zweck dient. »Das Engagement des Schriftstellers zielt auf die Mitteilung des Nicht-Mitteilbaren (des erlebten In-der-Welt-Seins) unter Ausnutzung des Anteils an Desinformation, den die Gemeinsprache enthält«, heißt es in seinem Vortrag »Ist der Schriftsteller ein Intellektueller?«.

Eben weil der Schriftsteller, anders als der Wissenschaftler, keine Fachsprache hat und sich stattdessen der »Gemeinsprache« bedient, verwende er meist ein »gängiges« Wort, um »es mit einem neuen Sinn zu versehen« und damit eine verborgene Wahrheit auszusprechen. Engagement und Schriftstellerei bilden Sartre zufolge eine Symbiose.

Dem widerspricht Theodor W. Adorno, der Sartre in seinem Aufsatz »Engagement« antwortet: »Jedes Engagement für die Welt muß gekündigt sein, damit der Idee eines engagierten Kunstwerks genügt werde.« Es seien eben nicht die politisch intervenierenden, sondern die autonomen Werke beispielsweise eines Samuel Beckett, gegenüber denen »die offiziell engagierten Dichtungen wie Kinderspiel sich ausnehmen«. Literatur um der Literatur willen sei wesentlich engagierter und radikaler: »Die rücksichtslose Autonomie der Werke, die der Anpassung an den Markt und dem Verschleiß sich entzieht, wird unwillkürlich zum Angriff.« Marktgängigkeit warf Adorno dann auch später in einem Brief Hochhuth vor.

Nun glaubte Adorno bekanntlich an das revolutionäre Potenzial des Ohrensessels, den er der Straße vorzog. Dennoch ist zu bedenken, ob nicht radikal anspruchsvolle Literatur an sich widerständigen Charakter hat - gerade heute, wo jeder dort »abgeholt« wird, wo er steht und wo die Literatur von Lehrplänen verschwindet oder im digitalen Klassenzimmer marginalisiert wird, wo die Ideologie des Utilitarismus Politik und Wirtschaft bestimmt und Kunst mehr und mehr als Mittel zum Zweck, sprich zum Kompetenzerwerb, missbraucht wird.

Doch, muss man einwenden, wer übernimmt denn stattdessen heute die aufklärende Funktion? Wer politisiert den Bürger und ermöglicht ihm die Bildung eines kritischen Bewusstseins? Mag man diese Fragen im »Grand Hotel Abgrund« (Georg Lukács) der Frankfurter Schule in die Besenkammer gesperrt haben, so sind sie doch brennend. »Engagierte Literatur ist in den Zeiten wichtig, wo andere publizistische Medien versagen«, erklärte Karasek im Quartett. Interessanterweise boomt gegenwärtig das politische Sachbuch und scheint die Funktion der engagierten Literatur zu übernehmen. Ausgiebige Recherchen, kühne Weltinterpretationen, provokante Thesen, appellierende Buchtitel, soweit das Auge des Kunden in der Buchhandlung reicht. Dabei ist das gesamte politische Spektrum von rechts bis links vertreten.

Möglicherweise ist das Sachbuch für ein Engagement geeigneter als die Belletristik, bei der andere, nämlich literarische Maßstäbe im Vordergrund stehen. In der Tat erlebt mit Blick auf nicht-belletristische Werke der vergangenen Jahre die engagierte Literatur eine Blütezeit: Die Streitschrift »Empört Euch« von Stéphane Hessel war ein Bestseller, der Verlag legte weitere agitatorische Titel nach. Das Unsichtbare Komitee sorgte mit »Der Kommende Aufstand« für Furore. Ein Text, der zunächst theoretisch-analytisch Gesellschaftskritik übt, dann zu konkreten Widerstandshandlungen aufruft und mit einem literarisch dichten Epilog schließt, der die Mächtigen das Fürchten lehren soll. Es ist aber überraschenderweise bei weitem nicht der einzige engagierte Sachtext, der sich literarischer Mittel bedient. Vielmehr ist dies ein Trend.

So griff Frank Schirrmacher in seinem ideologiekritischen Sachbuch »Ego: Das Spiel des Lebens« über Kapitalismus und Digitalisierung auf Mary Shelleys »Frankenstein« zurück und glich diese literarische Schöpfung mit der Wirklichkeit ab. Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel geht in »Next: Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns«, dem wohl besten Buch über die Herrschaft der Algorithmen, noch einen Schritt weiter, indem sie einen Algorithmus und einen »letzten Menschen« retrospektiv vom Prozess der Digitalisierung und dem damit einhergehenden Ende des Menschen erzählen lässt. »Next« ist nicht nur informativ und theoretisch gut durchdacht, sondern darüber hinaus glänzend geschrieben. Schirrmacher und Meckel waren beziehungsweise sind engagierte Literaten, die aufklären und den Bürger zum Umdenken bringen wollen.

Auch das jüngst erschienene zweite Sachbuch der Juristin und Expertin für künstliche Intelligenz, Yvonne Hofstetter, ist engagiert par excellence. Gewidmet ist »Das Ende der Demokratie. Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt« dem Europäischen Parlament. Wie Meckel geht Hofstetter schriftstellerisch vor. Sie eröffnet das Buch mit einer Kurzgeschichte, in der eine totalitäre Zukunft beschrieben wird. Die meisten der folgenden Kapitel haben ebenfalls romanhafte Züge, wenn die Autorin zwei wirklich existierende Wissenschaftler für Künstliche Intelligenz auftreten lässt, ihnen jedoch fiktive Dialoge in den Mund legt. Man kann dieser sich rasant verändernden Realität wohl nur noch mit den Mitteln der Fiktion, der Literatur beikommen. Und all diese Werke wollen informieren und aufrütteln. Insofern - und zum Glück für den Leser - ist die engagierte Literatur quicklebendig.

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