Schutz gegen harten Regen

»Die Danksager« von Sven Regener und Leander Haußmann am Berliner Ensemble

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Das Grauen wird nie heimatlos. Es findet überall Quartier. Manchmal nennt es sich Bunter Abend. Dem immerdiensthabenden Kulturkritiker ist der Bunte Abend ein Schreckgespenst. Wenn nicht die Spannung knistert, sondern die Bonbontüte. Ja, das Grauen in der Bonbontüte wie der Ungeist in der Pfandflasche. Süßes Mischfutter. Der Wühltisch als Revuebühne. Als Rewühltisch. Sozusagen Konfettiregen als Erfrischung für die Freunde der Einfalt. Sofort richtet bei Androhung eines Bunten Abends der immerdiensthabende Kulturkritiker seine Verstimmungskanone auf die Spatzen. Genauer: die vermeintlichen Spatzenhirne.

Leander Haußmann und Sven Regener (Kostüme: Janina Brinkmann) haben einen »Bunten Abend« am Berliner Ensemble inszeniert: »Die Danksager«. Zehn Bewerber um die beste Bob-Dylan-Kopie hören die Nachricht von der Vergabe des Literatur-Nobelpreises an ihr Idol - das bewegt jeden dieser Vernarrten zu einer möglichen Dankesrede an die Stockholmer Akademie.

Gleich vorweg: Ein netter Abend, und auch das Nette (dieser kleine Bruder vom Arschloch) kann tatsächlich - schön sein. Haußmann und Regener kennen sich ja gut, die Filme »Herr Lehmann« und »Hai-Alarm am Müggelsee« erzählen davon. Erhitzen sie sich, wird’s nicht lau, sondern: Kalauer. Sie haben nichts gegen den Verdacht, ihr Witz sei nur Humor. Deshalb wirken sie so wunderbar frei. Klugheit stellt sich ein als hemmungslose Liebe zum Menschen, wie er ist. Die Welt als Wimmelbild: Find im Bunten die Traurigkeit, sie hat die listigsten Verstecke, aber sie ist da.

Dieser Bunte Abend, der vorm samtrot glühenden Vorhang beginnt und sich über einer leeren Bühne hebt, ist Comedy und Kabarett und Kunstgeplauder. Sechs Männer, vier Frauen, alle Generationen: die Sonnenbrille, der Lockenkopf, der typische Hut, die Mundharmonika. Ein Dylan sitzt im Rollstuhl, einer trägt Schnauzbart, er hatte sich vorher beim Günter-Grass-Contest beworben. Der kleinwüchsige Peter Luppa hockt auf einem Motorrad - Krüppel darf sich jetzt auf Knüppel reimen; Luppa hat die Dylan-Nummer 10 und löst Erstaunen aus: »Ich dachte immer, ihr Zwerge könnt nur bis sieben zählen.« Unbekümmertes Spiel mit allem, was sonst so deutschfleißig nach Korrektheit ruft.

Karla Sengteller singt »It ain’t me, Babe«, wunderbar traurig und innig. Roman Kaminski ganz in Weiß am Klavier: die Posen knarrig wie aus Leder. Traute Hoess leise scheppernd, als intoniere sie Brecht. Der Abend, der unter Schneefall endet und bei dem Martin Seifert als Dramaturg mit Nebelmaschine durch die Reihen zieht und großartig zerknautscht eine Melancholiehymne auf die Verkanntheit des Dramaturgen (überhaupt des Hintergrundmenschen) vorträgt - der Abend beißt spitzlieblich um sich: Literaturpreise, Medienmacht, Kulturbetrieb. Vor allem bleibt er eine Liebeserklärung an Dylan. Der vielleicht tiefstgrabende Satz über ihn: »Er war beim Protest schon dabei, er hat nur nicht mitgemacht.« Heiligste Haltung.

Und immer wieder ist die Rede vom »General«. Der nie in die Kantine geht, der herumschreit. Der Machtkopf. Klar: Peymann. Er tritt mit Fernbedienung auf. Der Zampano als Zapper. Ein Auftritt kurz vorm Zappenduster für alle. Der General ist besetzt mit Carmen-Maja Antoni, die am Abend der zweiten Vorstellung aber ausfiel. Also spielte - Leander Haußmann, mit Dylan-Perücke, in Peymann-Schwarz. Im langen Monolog stilsicher zurückhaltend, sympathisch schwerherzig. »Früher war natürlich alles besser, früher schien mir die Sonne aus dem Arsch, wem nicht?« Ganz weich und weise, diese Generals-Galle - als habe ausgerechnet Thomas Bernhard die Schmerzberuhigungstablette erfunden. Durchschimmert freilich: die Tablette ja, die Schmerzabschaffung nicht.

Wie sie am Schluss alle ums Lagerfeuer herumsitzen, verströmt der Abend etwas von der sinnigen Kraft jeder Fangemeinde: Sie ist Opposition, um einen Teil unseres besetzten und beschädigten Ichs zurückzuerobern. Die Gemeinsamkeit der Verehrung (etwa eines Sängers oder eines Vereins) als Schutz vor dem Hohn und der Entwertung derer, die Opposition immer erst nötig machen. Auch gegen den immerdiensthabenden Kulturkritiker! Sie ist doch furchtbar, diese bestrafende Einschüchterung durch den hohen Maßstab! Er ist doch heuchlerisch, dieser fortwährende Drang, imprägniert herumzustolzen! Haußmann und Regener haben einen amüsanten Abend zusammen geschrieben, haben ihn zusammengeschrieben. Fingerübung mit dem Spielbein. Haußmann in seinem Element als Großkind der Kleinkunst. Die Lieder klingen, manchmal klingen sie gelungen dilettantisch, die Spieler sind ein Wohlgefallen. Punkt. Oder Pünktchen.

Bei Wahrnehmung der Tatsache, dass an diesem Abend nicht allzu viel geschieht, machen wir immerhin die Entdeckung, dass wir auch durch Stillstand tröstbar sind. Natürlich ist das ein Abschiedsabend für das gegenwärtige Berliner Ensemble, für Peymann - der im Schlussapplaus plötzlich (nein, wohl ganz und gar nicht plötzlich!) auf der Bühne steht. Statt Abschied kann man Austausch sagen: Die Wehmut über einen Verlust (von jemandem, von einer Ära, von einer Idee) tauscht sich ein gegen den Schmerz einer Ahnung: des eigenen Abgangs. Das ist vielleicht ganz nah an Dylan. Noch näher am Leben.

Wenn auf dem Monatsspielplan des BE (oder auch der Volksbühne) derzeit für einzelne Aufführungen die Hauptinformation lautet: »Zum letzten Mal«, so verweist das auf eine Grundverunsicherung unserer Existenz, die kein Medium treffender erzählen kann als das Theater: Bevor wir selbst verschwinden, verschwindet die Gewissheit, dass wir wirklich etwas zurücklassen. Bitter. Wir nagen unser Leben lang an ein paar Knochen, die wir aber nicht weglegen dürfen, obwohl wir wissen, dass sie zu groß für uns sind. Bob Dylans Straße der Verzweiflung? »Gut und schön«, sagt einer der Danksager, »aber warum soll ich mir gerade dort eine Wohnung suchen?« Hard Rain? »Warum nicht einfach mal einen Schirm aufspannen oder sich irgendwo unterstellen, kann ja nicht so schwer sein.«

Nächste Vorstellungen: 9., 17. Mai

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