Zwischen den Systemen

Karen Nölle hat Ursula K. Le Guins Science-Fiction-Klassiker »Freie Geister« neu übersetzt

  • Philip Dingeldey
  • Lesedauer: 3 Min.

Dass Science Fiction zu Unrecht als Genre der reinen Unterhaltungsliteratur gilt, beweist unter den zeitgenössischen Autoren wohl niemand besser als Ursula K. Le Guin, deren Zukunftsromane sich stets um Kapitalismus, Sozialismus, Anarchie und Feminismus drehen - aus einer fundierten theoretischen Perspektive. So ist es begrüßenswert, dass die renommierte Übersetzerin Karen Nölle einen von Le Guins Klassikern neu übersetzt hat: »Freie Geister« lautet der deutsche Titel des erstmals 1974 in den USA erschienenen Romans »The Dispossessed«.

Darin stellt Le Guin zwei von Menschen besiedelte Planeten einander diametral gegenüber: Der eine, Anarres, ist ein weitgehend isolierter Planet, dessen Bewohner in einem religiösen Anarchismus leben und geistig frei sind, auch frei von Besitz und Staatsgewalt, aber unter Mangelwirtschaft leiden. Ein Flughafen in Anarres dient dazu, dass die Bewohner des Planeten Urras die Bodenschätze von Anarres ausbeuten können. Urras ist eine Art vereinfachte Version der Erde zur Zeit des Kalten Krieges. Auf Urras rivalisieren drei Staaten: ein feudalistisch-kapitalistischer mit extremer ökonomischer und politischer Ungleichheit, ein repressiv-sozialistischer und ein despotischer eines unterentwickelten Landes, das den anderen Mächten als Spielball dient.

Der Physiker Shevek von Anarres gerät im Laufe des Romans zwischen alle Fronten. Wie auch Le Guin präferiert er einen Anarchismus, in dem die Menschen als Freie und Gleiche das zum Gemeinwesen beitragen, was sie können, und das bekommen, was sie brauchen, sofern ausreichend vorhanden. Jedoch erkennt niemand in Sheveks Heimat seine physikalisch-mystizistischen Arbeiten wirklich an.

Auch hat er ein Problem mit dem Isolationismus und der Zersplitterung der Familien, da familienähnliche Beziehungen als Besitzdenken gelten.

So tritt er über Briefe in Kontakt mit kapitalistischen Physikern aus Urras und folgt schließlich deren Einladung, bei ihnen zu unterrichten. Dort will er mit einer friedensstiftenden Physik eine philosophisch-politische Wende auslösen, wird aber schnell kooptiert.

Mal in sensibler Sprache, mal absurd bis erschreckend werden aus Sheveks Sicht die aufgrund des Besitzrechts als unfrei und bourgeois klassifizierten Zustände geschildert, bis der Protagonist zwischen die Räder der sozialistischen und kapitalistischen Agenten gerät, weshalb er sich einer erfolglosen, brutal verfolgten Widerstandsbewegung anschließt.

Das Spannende an dem Roman ist nicht nur, wie Le Guin die verschiedenen Systeme darstellt und Unfreiheit und Ungleichheit kritisiert oder wie sie Urras eine sehr unperfekte und oft scheinheilige Utopie gegenüberstellt. Es ist der zirkuläre Aufbau von »Freie Geister«. Kapitelweise wechseln sich Sheveks frühere Erlebnisse auf Anarres mit denen auf Urras ab, eine Erzählstruktur, durch die am Ende erst komplett entschlüsselt wird, warum der Physiker nach Urras reist, wodurch der Schluss nahtlos in den Romananfang übergeht, der Sheveks Flug markiert.

Wie der Titel der Neuübersetzung schon suggeriert, liegt hier der Fokus auf der geistigen Freiheit der Bewohner von Anarres, auf ihrer Besitzlosigkeit und ihrem Verzicht auf ein Staatswesen, während frühere Übersetzungen des Romans, etwa unter dem Titel »Die Besitzlosen«, sprachlich eher alles Ökonomische betonten. Diese interpretatorische Neuerung von Le Guins literarisch hochwertigem Gedankenexperiment über eine alternative, anarchistische Welt lädt ein, unter den Schlagwörtern Freiheit, Anerkennung und Gleichheit die Systemfrage im 21. Jahrhundert abermals zu stellen, ganz unidealistisch.

Ursula K. Le Guin: Freie Geister, neu übersetzt von Karen Nölle. S. Fischer Verlag. 432 S., br., 14,99 €.

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