Wenn Kunst persönlich wird

Im Kino: »Als Paul über das Meer kam« von Jakob Preuss

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Dies ist ein Film über prekäre Zustände und üble Kontraste - gleich vom ersten Bild an. Da balanciert ein Mann hoch oben auf einer Laterne. Er ist schwarz. Das nächste Bild zeigt eine Gruppe Männer, die auf einem Zaun sitzen. Auch sie sind schwarz. Unter ihnen, Meter tiefer, schwingen Golfer ihre Eisen. Nein, schwarz sind die nicht.

Melilla ist der Ort der Handlung, eine spanische Enklave an der Küste von Marokko, umgeben von einem dieser Grenzzäune, mit denen Europa sich Richtung Afrika abzuschotten versucht. Melilla/Marokko ist nur eine der europäischen Außengrenzen, die Dokumentarfilmer und Politaktivist Jakob Preuss bereiste, um einen Film zu drehen über die Festung Europa. Über Frontex, die paneuropäische Grenzpolizei, und ihre Einsätze im Süden, Osten und Südosten des Kontinents. Und über europäisches Geld, das nach Afrika fließt, damit andere die Drecksarbeit machen und Europa die Flüchtlinge vom Hals halten.

In Melilla sind es die Europäer selbst, in Gestalt der spanischen Guardia Civil, die sich um ihre Grenze kümmern. Auch die interviewte Preuss, ebenso wie deutsche Schleierfahnder, die auf Autobahnen Laster anhalten und auf menschliche Fracht durchsuchen, und die Besatzung eines Patrouillenboots der portugiesischen Marine, das im Mittelmeer nach schiffbrüchigen Flüchtlingen sucht. Wenn man von »Schiffbruch« überhaupt reden mag, wenn es um Schlauchboote geht, die mit zu wenig Treibstoff und ungewarteten Motoren in See stechen.

Für einen Film über Europas Außengrenzen hatte Preuss mit Flüchtlingen in Griechenland und Malta gesprochen, mit Europa-Abgeordneten in Brüssel und mit Frontex-Beamten im Hauptquartier in Warschau. Dann begegnete er Paul Nkamani aus Kamerun. Der lebte in einem dieser improvisierten Freiluftlager in den Hügeln über Melilla, wie man sie aus anderen Dokumentarfilmen kennt. Wo jede Nationalität unter sich bleibt und ihren Bereich organisiert, wo viele junge Männer (und ein paar Frauen und Kinder) irgendwie überleben, bis sich eine Chance für den Versuch ergibt, den mehrere Mann hohen, doppelten Grenzzaun zu überwinden. Immer in der Hoffnung, bei diesem Einreiseversuch nicht verletzt oder getötet zu werden.

Paul Nkamani, französischsprachig, ehemaliger Jurastudent (er flog von der Uni, weil er einen Studierendenprotest organisierte) und praktizierender Christ, wägt seine Chancen ab und bezahlt einen Schlepper, der ihn direkt nach Spanien bringen soll. Was auch gelingt - aber seines ist eines jener Boote, die mit 50 Mann an Bord in See stechen und mit nur 20 Überlebenden ankommen. Preuss, der vorübergehend den Kontakt zu Paul Nkamani verloren hatte, findet ihn in den spanischen Fernsehnachrichten wieder: sichtlich traumatisiert, mit starrem Blick und zitternden Händen. Preuss wird nun persönlich aktiv, weil es nicht mehr gut genug scheint, einfach nur die Kamera auf das Elend zu halten und objektiv zu berichten.

Nkamanis weiterer Weg durch Europa wird ihn am Ende nach Brandenburg und bis in die Wohnung der Eltern des Filmemachers führen. Der Weg ist weit, nervenaufreibend und voller juristischer Unwägbarkeiten für beide. Am Ende sieht zeitweise alles ganz gut aus. Zumindest wenn man mal außen vor lässt, dass Paul Nkamani ein Denker ist, der bessere Chancen verdient hätte - und niemand das durchmachen sollte, was er in vier Jahren Reise erlebte: Die Stadien vor dem Treffen mit dem Filmemacher vollzieht der Film in angenehm zurückhaltenden Animationen nach.

Doch eigentlich ist gar nichts gut bei Paul, denn trotz Sprachkurs und eigener Arbeitsstelle, trotz familiärer Anbindung und offenkundigem Willen zur Eingliederung - und obwohl Paul Nkamani Christ ist und daher nicht unter den Generalverdacht fällt, dem muslimische Migranten ausgesetzt sind, - steht die Gefahr einer Abschiebung weiter im Raum. Wirtschaftsmigranten sind nicht wohlgelitten, wo so viele Kriegsflüchtlinge aufgenommen werden wollen. Aber sollte das Recht auf Migration nicht ein universelles sein, ein Menschenrecht, unantastbar wie das Leben selbst, unabhängig von den Reisegründen? Das ist die Frage, die der Film schließlich stellt. Man wird sie, allen Ängsten zum Trotz, mit einem eindeutigen »Ja« beantworten müssen.

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