»Kleingerechnet, kleinkartiert und kleingeredet«

Sachsen-Anhalt: Auch nach einem dritten Gutachten geht der Streit um ein geplantes Ski-Projekt bei Schierke weiter

  • Von Uwe Kraus, Schierke
  • Lesedauer: 4 Min.

Werner Vesterling (77), früherer Präsident der Handwerkskammer Magdeburg und heute Mitglied der Bürgerinitiative »Pro Winterberg« in Schierke, will dort möglichst schnell Schneekanonen in Stellung bringen. Seine Familie lebt seit 1995 in jenem Harzörtchen in Sachsen-Anhalt, wo er heute Ferienhäuser vermiete. Er wisse was die Touristen im Harz wollen. Auf jeden Fall keinen naturnahen Tourismus mit Kulturangeboten, wie ihn der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) präferiert.

Dessen Bundesvorsitzenden Hubert Weiger und dem BUND-Landesvorsitzenden Ralf Meyer stößt Vesterling deutlich Bescheid. Denn es sei undemokratisch, was rund um den Brocken passiere. »Das Volk wurde nie gefragt, ob es den Nationalpark Harz wolle. Rund um Schierke fallen 92 Prozent da hinein. Und für die rausgelösten Stücke wollen Sie uns auch noch Vorschriften machen.«

Der BUND hält ein touristisches Superprojekt bei Schierke mit Skipisten, Schneekanonen und Seilbahn, für das etwa 20 Hektar Bäume fallen sollen, schlicht für rechtswidrig und nicht genehmigungsfähig: Ein streng geschützter Moorwald würde davon betroffen werden. Unterdessen gibt es gar drei Gutachten über die Größe des streng geschützten Biotops: eines vom Investor, eines von Sachsen-Anhalts Landesamt für Umweltschutz und ein drittes, das auf Initiative von Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zur Behebung aufgetretener Differenzen bestellt worden war. Das sei - wenn darin auch bestätigt wird, dass Moorwald betroffen sein würde - völlig überflüssig und Verschwendung von Steuergeldern, finden sowohl der BUND als auch die Landesumweltministerin Claudia Dalbert von den Grünen. Gesetze und EU-Vorschriften gälten auch für Sachsen-Anhalt und Eingriffe in so einen »prioritären Lebensraum« wie den Moorwald könne es nur geben, wenn es um Leib und Leben und ein »zwingendes« öffentliches Interesse gehe. »Aber nicht, wenn es um Finanzinteressen von Investor und Betreiber geht«, winkt Weiger ab. »Hier erleben wir einen Großangriff auf unersetzbare Wälder.«

Der BUND baut bereits an den Verteidigungsstellungen und droht mit einer Klage gegen das Winterberg-Projekt. »Wir werden entsprechende Rechtsmittel einlegen, um dieses Gebiet zu verteidigen«, so Weiger, der von Hause aus Forsthydrologe ist. Das würde das Projekt über Jahre auf Eis legen, ist sich BUND-Landesvorsitzender Meyer sicher.

»Der streng geschützte Lebensraum wird kleingerechnet, kleinkartiert und kleingeredet«, sagt Weiger. Bei der dritten Kartierung habe man weltfremde Kriterien angewendet, um das von Schwarz-Rot innerhalb Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen favorisierte Prestigeprojekt durchzudrücken. Dieses Darstellung entlockt der Pro-Winterberg-Fraktion nur ein müdes Kopfschütteln und die Behauptung, was da im Moorwald feucht sei, »komme aus einer verstopften Entwässerung«. Weiger, der in mehreren Projekten in den Alpen Erfahrungen mit dem Klimawandel gesammelt hat, sieht in Schierke und dem Harz »überhaupt keine Perspektive für den Wintertourismus«. Der BUND sei weder Ablehner noch Verhinderer, sondern frage, wie zukunftsfähig und naturverträglich die Konzepte seien, »nicht fünf bis zehn Jahre, sondern darüber hinaus«. Wenn in den Alpen schon bei 1400 Metern Höhe die Schneeprognosen schlecht seien, was wolle man da in Schierke bei 700 Metern sagen. Der BUND stellt klar, dass die Zeiten, in denen der Ort unterhalb des Brockens ein St. Moritz des Nordens war und gar Ambitionen auf Olympische Winterspiele hatte, vorbei sind.

Auf den Vorwurf, dass im Westharz alles möglich sei und im Osten nichts laufe, zeigt Weiger hart Kante. »Das, was wir an Umweltzerstörung im Westen erlitten haben, wird gerade im Osten nachgeholt. Seit der Wende flossen 40 Milliarden Euro für solche Fehlinvestitionen.« Er fügt an: »Wenn ich allein das unausgelastete Parkhaus in Schierke sehe: Das hat Dimensionen eines internationalen Zentrums, danach muss man in den Alpen lange suchen.«

Im benachbarten niedersächsischen Braunlage sieht man den Streit im kaum 20 Kilometer entfernten Wernigeröder Ortsteil Schierke mit gemischten Gefühlen. Einerseits wären die Niedersachsen durchaus froh, wenn von den oft teuer beschneiten, überfüllten Pisten am Wurmberg Skiläufer an den Winterberg abwandern. Doch eine als »Ganzjahreserlebnis« geplante Seilbahn im Osten könnte den Westharzer Betreibern weitere Touristen abwerben.

Doch dass quer über den Moorwald eines Tages eine Seilbahn verlaufen wird, hält Ralf Meyer für »kaum vorstellbar«. Der BUND investiere in seine Naturparkhäuser, weil »geführte Touren in kleinen Gruppen boomen«. Die Umweltorganisation sehe für sich einen Bildungsauftrag. »Es sind noch so viele Analphabeten in der Natur unterwegs.«

Die Bürgerinitiative »Pro Winterberg« hört es mit Murren, ist aber bereit, sich mit Hubert Weiger an einen »Runden Tisch« zu setzen. »Unsere Bürger stehen hinter dem Winterberg-Projekt«, sagt Werner Vesterling. Dass es unterdessen 900 Erstunterzeichner der BUND-Petition dagegen gibt, wischt er mit einer fahrigen Handbewegung fort.

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