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Kriegsspiel in der Heide

Die Bundeswehr übt: Selbst mit Helene Fischer kann man Putin auf der Insel »Pandora« ärgern

  • René Heilig
  • Lesedauer: 8 Min.

Augen zu, jetzt braucht es Fantasie! Wir stellen uns eine Insel vor. »Pandora« heißt sie und liegt inmitten des Atlantik. Die nördliche Küstenlinie schaut exakt aus wie die deutsche, man sieht die friesischen Inseln bis hoch zur dänischen Grenze. Rügen ist exakt platziert. Im Süden, da wo Thüringen und Bayern beginnen müssten, ist wieder nur Ozean.

Inmitten der Insel liegt die Republik »Altraverdo«. Hinter ihrer nordöstlichen Grenze breitet sich »Wislanien« aus. Das erhebt Gebietsansprüche auf sogenannte Ost-Präfekturen von »Altraverdo«, Machtdemonstrationen sind an der Tagesordnung, es gab diverse Grenzverletzungen. Vor 15 Jahren hat »Wislanien« einen Teil von »Altraverdo« okkupiert. Zwar gibt es einen Friedensvertrag, doch kann man »Wislanien«, das zudem mit dem ebenfalls an »Altraverdo« grenzenden »Satawan« verbündet ist, nicht trauen.

»Mali« - nur ein Abenteuer bei Youtube?

Nach der Serie »Die Rekruten«, mit der die Bundeswehr viel Beachtung und noch mehr Kritik erzeugte, startete das Verteidigungsministerium am Montag eine neue Web-Videoreihe. »Mali« heißt die Serie.

Deren Folgen sind in den kommenden sechs Wochen täglich von Montag bis Donnerstag um 17 Uhr auf dem Youtube-Kanal »Bundeswehr Exclusive« abzurufen. Zusätzlich nutzt man die Internetdienste Instagram, Snapchat und Facebook. Laut Verteidigungsministerium kostet »Mali« samt Werbekampagne 6,5 Millionen Euro. Begleitet werden acht Soldatinnen und Soldaten beim Auslandseinsatz in Westafrika. Man wolle diesen für die Zuschauer »erlebbar« machen, heißt es.

Die Bundeswehr ist seit 2013 in Mali, um im Rahmen der UN-Mission MINUSMA die Umsetzung des Friedensabkommens zu überwachen. Im Norden des Landes kämpfen Terrorgruppen und Milizen gegen die Regierung. Derzeit sind im Camp nahe der Stadt Gao rund 1000 deutsche Soldaten stationiert. Neben dem Einsatz in Afghanistan ist der in Mali der gefährlichste, an dem deutsche Soldaten derzeit teilnehmen.

Die erste Webserie, »Die Rekruten«, lief im Herbst 2016 an. Die Serie verzeichnete rund 45 Millionen Abrufe auf Youtube und hat nach Angaben des Ministeriums für verstärktes Interesse an der Bundeswehr gesorgt. Insgesamt habe die Bundeswehr-Karriereseite während der Ausstrahlung 40 Prozent mehr Zugriffe verzeichnet und die Truppe über 21 Prozent mehr Bewerbungen für die Mannschafts- und Unteroffizierslaufbahn erhalten. Kritiker bemängelten, die Serie spare die wahren Gefahren des Soldatenalltags aus und sei somit verharmlosend. Ob der Dienst an der Waffe nun realistischer gezeigt wird oder ob man die Truppe erneut als »Abenteuerspielplatz« verkauft, bleibt abzuwarten.

Sicher ist, die Bundeswehr soll in den nächsten Jahren wachsen. 200 000 Soldatinnen und Soldaten, lautet die Zielgröße. Doch dabei steht man in harter Konkurrenz zur Wirtschaft sowie zu anderen Bereichen des Öffentlichen Dienstes. Und das bei abnehmenden Jahrgangszahlen. hei

»Altraverdo« hat nur eine kleine Armee. Doch zum Glück starke Freunde. Das Land ist Mitglied der NATO. Das Bündnis hat Truppen geschickt. Wozu hat man die Very High Readiness Joint Task Force, kurz VJTF?!

Wer jetzt meint, das schaut doch aus wie derzeit an der Ostgrenze der NATO, dem sagen die Erfinder des Manöverszenarios: Alles »gänzlich fiktiv!« Und dann schränken sie ein: »Ähnlichkeiten in der realen Welt« lassen sich eben nicht vollständig ausblenden. Oder sind sie gewollt?

Ortstermin. Munster und Bergen am vergangenen Freitag. Dort, südlich von Hamburg, breiten sich gewaltige Truppenübungsplätze aus. Auf denen fand die »Informationslehrübung Landoperationen 2017« der Bundeswehr statt. Gegen 15 Uhr griffen »Wislanier« »Altraverdo« an. Die Okkupanten besetzten strategisch wichtige Höhen, sickerten in Ortschaften ein und stürmten ins Landesinnere. Die Verteidigen hielten die Angreifer so gut es ging auf, bezogen immer wieder Abwehrstellungen, um Zeit für den Gegenangriff zu gewinnen. Man schickte Aufklärer in der Luft und am Boden vor. Dann erst zog die Bundeswehr, unterstützt von niederländischen Soldaten, in die Schlacht. Ursprüngliche Planungen bezogen auch polnische Soldaten in das gestellte Gemetzel ein. Doch derzeit sind die Zeiten nicht so eng.

Unheilbringender Donner breitete sich über der Heide aus, Panzermotoren dröhnten. Man schoss aus allen Rohren. Stahlkolosse rückten vor und entfalteten ihre zerstörerische Kraft. Raketenwerfer kamen zum Einsatz. »Tornados« bombardierten den Gegner im Tiefflug. Der versuchte verzweifelt, die eroberten Gebiete zu behaupten. Granateinschläge ließen in rascher Folge den Boden erzittern, Mörser ballerten, Maschinenwaffen streuten Unheil. Nebelschwaden verhinderten die Sicht. Es roch nach Pulver und Kerosin. Brandgeruch breitete sich aus. Das Hirn des Zuschauers rief TV-Berichte aus Syrien ab. Nur die Landschaft ist eine andere. Europäisch eben.

Das Kämpfen in der Heide dauerte mehrere Stunden, dann meldete der Kommandeur des verstärken Bundeswehr-Panzerbataillons dem Leitenden der Übung, dass er noch über 92 Prozent der Mannschaftsstärke verfüge. Kriegsspiele gewinnen nie die anderen. Das führt zu Übermut.

Informationslehrübungen wie diese finden einmal pro Jahr statt. Die Landstreitkräfte, so der Heereschef Generalleutnant Jörg Vollmer, zeigen dabei, »was sie haben und was sie können«. Und das in diesem Jahr Gezeigte unterscheide sich gewaltig von den Stabilisierungseinsätzen, mit denen die »Armee der Einheit« anfänglich globale Bedeutung erlangen wollte. »Wir sind wieder zurück in der Landes- und Bündnisverteidigung.« Das ist Programm, so lauten die Vorgaben des Weißbuches zur deutschen Sicherheitspolitik, das vor rund einem Jahr verabschiedet worden war. Man trainiere, so Vollmer, wieder getreu den Regeln der »verbundenen Operationen«. Verschiedenste Verbände wirken dabei zusammen und man habe inzwischen einen »hohen Stand der Professionalität erreicht«. Auch Dank ausgesetzter Wehrpflicht. Neues Gerät, Digitalisierung in der Truppenführung sowie die engere Vernetzung mit anderen NATO-Staaten würden in den kommenden Jahren einen weiteren spürbaren Qualitätszuwachs bringen.

Der General wählte die Worte genau, denn die auf dem Feldherrnhügel errichtete Tribüne war am Freitag zum Gutteil besetzt mit hohen und höchsten Offizieren der Verbündeten. Stets in der ersten Reihe zeigte sich General »Ben« Hodges. Der Generalleutnant kommandiert die US-Streitkräfte in Europa. Er war gut drauf, lachte viel und schlug manch deutschem Kameraden anerkennend auf die Schulter.

Bereits vor zwei Jahren zeigte sich Hodges überzeugt davon, dass Russland einen Krieg vorbereite. Nach seiner Rechnung bleiben noch drei oder fünf Jahre, bis Moskau ihn beginnen kann. Das sei der Grund, weshalb die USA sich wieder an alte Standorte in Europa erinnern und zusätzliche im Osten des Kontinents eröffnen. Der US-General fordert eine Art »militärischen Schengen-Raum«, damit sich seine Soldaten - bürokratisch ungehindert - in der ganzen EU ausbreiten können. Wenn die Transportschiffe in den Nordseehäfen festmachen, übernimmt die Streitkräftebasis der Bundeswehr einen Gutteil der Logistikleistungen.

Wer sagt, das alles kenne man doch, der gehört gewiss einer älteren Generation an. Damals, im ersten Kalten Krieg, übten Ost und West den Angriff, den NATO und Warschauer Pakt stets als notwendig für die Verteidigung gegen den jeweils anderen ausgaben. Wettrüsten, auch atomar, bestimmte den Alltag.

Für die, die zur Lehrübung 2017 angetreten waren, ist das nur ferne Geschichte. Für sie besteht kein Zweifel, dass Putin nur diejenigen ernst nimmt, die militärische Stärke zeigen. So wie die Bundeswehr gerade in Litauen. Mit dem durch Soldaten anderer Nationen verstärken Kampfbataillon sei man fern davon, einen Angriff gegen Russland führen zu können, erklärt jemand aus der Heeresführung. In den anderen baltischen Staaten und in Polen stehen vergleichbare NATO-Bataillone in Bereitschaft. Putins Generale würden das westliche Achtungszeichen sehr wohl begreifen. Zumal sie ja selbst »nur mit Wasser kochen«. Das habe deren jüngste »Sapad«-Übung gezeigt. So lautet jedenfalls die zusammengefasste Bewertung durch die Amerikaner.

Die Bundeswehr hatte für die Informationslehrübung 14 zivile Busse gechartert. Ein - fast im Wortsinn - »Bombengeschäft« für die Unternehmer. Denn nicht nur am Freitag wurden die Fahrzeuge gebraucht. Die ganze Übung dauerte bereits drei Wochen. Jeweils für zwei Tage hat man Offiziere, die zur Generalstabsqualifizierung an der Hamburger Führungsakademie lernen, normale Offiziersschüler und Kommandeure verschiedenster anderer Einheiten nach Munster geholt. Vollmer nannte die Teilnehmerzahl: 5200.

Vor allem an drei Stationen hat man ihnen Vertrauen in die eigene Kraft vermittelt. Die erste war eine Waffen- und Geräteschau.

Nach Marschmusik im Morgengrauen wandte sich der Leitende an einen Untergebenen: »Herr Wagner, Panzer Marsch!« Der angesprochene Oberstleutnant ließ seine Technik tanzen. Fast zwei Stunden lang lief eine ausgeklügelte Choreographie ab. Alle »Viecher«, über die die Bundeswehr-Landmacht verfügt, wurden in Höchstform vorgestellt: »Wiesel«, »Dingo«, »Marder«, »Puma«, »Leopard«, »Biber«, »Keiler«, »Wolf« »Mungo« ... Erstmals als Teil der neuen Cybertruppen dabei waren Soldaten der elektronischen Kampfführung. Mit »Fuchs«-Transportpanzern, die zahlreiche Antennen tragen. Sie sollen die Kommunikation der Gegenseite stören. Und das versuchen sie auf ganz perfide Art. Beispielsweise, indem sie dem Feind »Atemlos« von Helene Fische als Endlosschleife in die Kopfhörer senden. Wenn Putin da nicht freiwillig die Waffen streckt …

Nicht dabei im Bundeswehr-Zoo waren lediglich die Maultiere der Gebirgsjäger. Ach ja, und es flogen keine »Tiger«. Nach dem Absturz eines solchen Kampfhubschraubers Ende Juli in Mali, der zwei Todesopfer forderte und möglicherweise auf Schlamperei zurückzuführen ist, durften diese Helikopter nicht aufsteigen. Dafür schickte man einen NH 90. Welch Ironie: Der Transporthubschrauber-Typ erhielt am erst Samstag Startverbot, weil man mögliche Triebwerksprobleme ausgemacht hat.

Auffällig war der wachsende Anteil von Frauen unterm Helm. Doch echte Manneskraft zeigten dann die Feldjäger im Umgang mit »Demonstranten«. Wehe dem, der es nicht mögen sollte, wenn die Bundeswehr Freunde besucht: Schlagstöcke und Wasserwerfer kamen zum Einsatz - gerade so, als werde in der Heide ein G7-Gipfel geplant.

An einer anderen Stelle zeigte man eine sogenannte logistische Basis im Einsatz. Vom Reparaturplatz für Panzermotoren bis zur Wäscherei - alles perfekt eingespielt. An der folgenden Station »Rettungszentrum« demonstrierte der Sanitätsdienst dann seine global verlegbaren Möglichkeiten, um die ihn viele Kreiskrankenhäuser beneiden.

Nach all den Jahren des Sparens hofft die Bundeswehr, nun wieder aus dem Vollen schöpfen zu können. Da ist man der aktuellen Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) durchaus dankbar, wenngleich sie sich sonst nach Meinung vieler zu sehr in die inneren Angelegenheiten der Truppe einmischt und überall Skandale wittert.

Mehr Geld, das sei nur billig, hieß es in Munster, schließlich müsse die Politik, wenn sie das Militär als Mittel der Politik nutzen wolle, für eine ordentliche Ausstattung sorgen. Noch sei man aber in vielen Bereichen erst bei 70 Prozent der Norm, hört man - und dabei den Ärger über die SPD heraus. Die Sozis stellten sich plötzlich auf die Hinterbeine, wenn es um die auch von ihr beschlossenen zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für die Rüstung gehe. Dass die Linkspartei motzt, das sei man ja gewohnt. Doch wie wird es sein, wenn in einer künftigen Jamaika-Koalition die Grünen mitregieren?

Aber: Man mische sich ja nicht ein in Politik, man erfülle deren Aufgabe. Und zwar nicht nur in Litauen. General Vollmer bestätigte zwar, dass die Verhältnisse in Mali wie in Afghanistan »nicht besser geworden sind«, doch keine Frage: Man werde Lösungen finden. Mit der Bundeswehr, die selbstverständlich auch die für 2019 geplante Führung der VJTF ohne Wenn und Aber übernehmen wird. Innerhalb von 72 Stunden, so will es die NATO, hat der 5000 Mann starke Kampfverband an jedem Ort der Welt einsatzbereit zu sein. Auch dafür übt man in der Heide.

Ende der vergangenen Woche fand am Militärhistorischen Institut in Potsdam eine ganz andere »Schlacht« statt. Man debattierte über Traditionen der Bundeswehr. Die Ministerin hat nach einigen Vorfällen beschlossen, mit dem noch immer wahrnehmbaren Nazi-Erbe aufzuräumen. In Potsdam jedoch widersprachen sogar Generale. Die Gesellschaft müsse mehr Verständnis für die Truppe haben, forderten sie. Es sei nun einmal so, dass militärische Leistungen immer damit verbunden sind, Menschen zu töten. Ob man das in der restlichen deutschen Gesellschaft hören will oder nicht.

Die Abschüsse der Kanonen konnte in der Heide niemand überhören. Gestört hat das offenbar kaum jemanden. Das war ja nur eine Übung zur Befreiung von »Altraverdo«. Und das gibt es ja gar nicht.

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