Individualität statt Anpassung

Schon im Kindesalter bestimmt der Mensch seine Entwicklung oftmals selbst, meint der Schweizer Kinderarzt Remo H. Largo

  • Martin Koch
  • Lesedauer: 5 Min.

Ein afrikanisches Sprichwort sagt: »Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.« Das gilt im übertragenen Sinn für alle Lebewesen, deren Entwicklung nicht nur von äußeren Einflüssen, sondern auch von inneren Bedingungen abhängt. Der Mensch macht da keine Ausnahme. Viele unserer Fähigkeiten beruhen auf Strukturen des Gehirns, die sich hauptsächlich während der Kindheit herausbilden. Dabei gibt es jedoch beträchtliche Schwankungen. So lernen manche Kinder relativ früh laufen oder sprechen, andere später, ohne dass man sagen könnte, das eine sei normal und das andere nicht.

Für den Schweizer Kinderarzt und Autor Remo H. Largo besteht kein Zweifel: »Jedes Kind hat seinen eigenen Entwicklungsplan und sein eigenes Entwicklungstempo.« Zum Beleg verweist Largo auf die Zürcher Langzeitstudien, an deren Durchführung er selbst jahrelang beteiligt war. Zwischen 1954 und 2005 wurde dabei die Entwicklung von mehr als 900 Kindern von der Geburt bis zum Erwachsenenalter verfolgt. Es zeigte sich, dass die Spielräume für die Entfaltung der individuellen Fähigkeiten bei Kindern erheblich größer sind als zuvor angenommen.

Dies zu akzeptieren, fällt Eltern traditionell schwer. Aus Angst, ihr Kind könnte mit anderen nicht mithalten und am Ende gar das Gymnasium verpassen, erhöhen sie frühzeitig den Druck. Durften Kinder vor einigen Jahrzehnten einfach noch Kinder sein, spielen, herumtollen, sich ausprobieren, gilt dies heute als Zeitverschwendung. Stattdessen heißt es: Frühenglisch mit Vier, Mathematik mit Fünf, bei schwächeren Noten in der Schule sofort Nachhilfe, Lernen am Wochenende und in den Ferien. Manche Eltern werden nachgerade panisch, wenn ihre Kinder im Unterricht schwächeln, und suchen professionelle Hilfe bei einem Psychologen oder Psychiater. »Ich habe im Laufe meiner Tätigkeit Tausende von Kindern erlebt, die uns zugewiesen wurden, weil sie von der ›Norm‹ abwichen«, schreibt Largo in seinem faktenreichen und lesenswerten Buch »Das passende Leben«. Von den Eltern sei ihm dabei unausgesprochen der Auftrag erteilt worden, die Kinder wieder »in die Norm zu bringen«. Die Erfolge waren bescheiden, die Folgen häufig gravierend. Da sie die überzogenen Erwartungen ihrer Eltern nicht erfüllen konnten, fühlten sich viele Kinder als Versager, manche verweigerten sich schließlich ganz den Anforderungen der Schule.

Wie aus entwicklungsbiologischen Studien hervorgeht, sind Kinder keine passiven Wesen, die sich durch die Umwelt beliebig formen lassen. Sie bestimmen ihre Entwicklung häufig selbst. Weil die meisten Eltern dies jedoch nicht bemerken, zwingen sie ihre Kinder oftmals auf einen »Karriereweg«, der nicht im Einklang mit deren inneren Bedürfnissen steht. Eltern sollten ihren Kindern lieber ein vielfältiges Angebot an Erfahrungen bieten, meint Largo. Davon könne ein Kind jene auswählen, die am besten zu seinen individuellen Bedürfnissen und Neigungen passten.

Auch beim Lernen sind Kinder erstaunlich selektiv. Sie saugen nicht wie ein Schwann alles auf, was ihnen geboten wird, sondern nur das, was - ausgehend von ihrem Entwicklungsstand - der Entfaltung ihrer Individualität nutzt. Letztere wird zumeist aus einem Bündel von Kompetenzen gebildet, die sich in ihrer »Mischung« von Individuum zu Individuum unterscheiden. Ein Kind ist zum Beispiel sprachlich begabt, ein anderes musikalisch, ein drittes mathematisch und so weiter. Je eher Eltern bereit sind, Kinder als Individuen wahrzunehmen, die ihrem eigenen Entwicklungspfad folgen, desto größere Lernanstrengungen dürfen sie von ihnen erwarten. »Jedes Kind will lernen und Leistungen erbringen«, so Largo, »aber selbstbestimmt auf seine Weise und in seinem Tempo.« Bezogen auf das gegenwärtige Schulsystem klingen solche Worte beinahe utopisch.

Was für Kinder gilt, gilt nicht minder für Erwachsene. Das heißt, auch für Erwachsene bleibt es eine ständige Herausforderung, die eigene Individualität in Übereinstimmung mit der Umwelt zu leben. Nehmen wir einen IT-Spezialisten, der am Arbeitsplatz nicht die Leistungen erbringt, die er von sich erwartet und die seine Vorgesetzten von ihm verlangen. Er fühlt sich dann überfordert und ist häufig erschöpft. Von Seiten des Unternehmens wird in solchen Fällen gern versucht, die Leistung des Betreffenden durch äußeren Druck oder eine motivierende Fortbildung zu steigern. Largo hält dies für den falschen Weg. »Es gilt vielmehr, die individuellen Begabungen eines Menschen zu respektieren und dessen Arbeitsanforderungen mit seiner Leistungsfähigkeit möglichst in Einklang zu bringen.«

Denn Menschen sind keine Alleskönner. Jeder von uns hat Schwächen, die sich auch bei größter Anstrengung nicht beheben lassen. Selbst Albert Einstein, der bekanntlich imstande war, komplizierteste physikalische Probleme zu lösen, tat sich ungewöhnlich schwer mit dem Erlernen von Fremdsprachen. Obwohl er über 20 Jahre in den USA lebte, sorgte sein Englisch dort immer wieder für Erheiterung. Auch in ihren Grundbedürfnissen unterscheiden sich die Menschen erheblich. Er habe Leute kennengelernt, schreibt Largo, »die ein extremes Bedürfnis nach Geborgenheit und existenzieller Sicherheit hatten, dann wieder solche, deren große emotionale und existenzielle Unsicherheit mich erstaunt haben«. Wie soll eine Gesellschaft all diese Verschiedenheiten unter einen Hut bringen? Welche Bedingungen wären zu schaffen, damit Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen können? Largo hält eine Neuordnung der Arbeitswelt hierbei für unverzichtbar. Denn derzeit erschöpft sich die Arbeit der meisten Erwerbstätigen darin, Aufgaben zu erledigen, die andere ihnen stellen. Eine Alternative bestünde in der Einführung eines Grundeinkommens, welches Menschen die Möglichkeit böte, bei materieller Grundsicherung einer erfüllenden Tätigkeit nachzugehen. Den Einwand, dass man dies nicht finanzieren könne, weist Largo zurück. Man bräuchte nur die »exorbitanten Vermögen« in unserer Gesellschaft umzuverteilen. Zwar sei dafür Mut vonnöten, doch ohne Mut zu neuen Lebens- und Sozialentwürfen werde es in einer globalisierten Welt für viele Menschen keine Zukunft geben.

Remo H. Largo: Das passende Leben. Was unsere Individualität ausmacht und wie wir sie leben können. S. Fischer Verlag, 480 S., 24 €

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