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Ich bin die Sonne im Garten

Melinda Nadj Abonji will bezaubern und hat ein Requiem geschrieben

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Ihm läuft der Rotz aus der Nase, doch »die Hühner applaudierten«, auch »der Staub wirbelte auf vor Begeisterung«. Und seine Augen hatten »das Himmelblau von wolkenlosen, nicht allzu heißen Sommertagen, an denen die Blumen, die Sträucher, das Gras noch nicht verdorrt sind ... Sein beharrliches Schweigen oder Nicht-Wegschauen deuteten die Erwachsenen als triumphierende und deshalb bewundernswerte Stärke - und im nächsten Moment als freche Anmaßung, die einem verdreckten Jungen nicht zustand.«

• Melinda Nadj Abonji: Schildkrötensoldat. Roman.
Suhrkamp, 173 S., geb., 20 €.

Ein besonderes Kind also, ein blauäugiger kleiner Prinz vielleicht. Auf eine poetische, erbauliche Geschichte stellt man sich ein. Poetisch ist sie bis zum Schluss, aber traurig auch.

Zoltán Kertesz, Sohn eines »Halbzigeuners« und einer Tagelöhnerin, die es zu wechselnden Liebhabern treibt, lebt irgendwo in der Wojwodina, dieser Provinz im Norden Serbiens, wo auch Ungarisch gesprochen wird. Melinda Nadj Abonji stammt von dort. Als Kind ist sie mit ihren Eltern aus Jugoslawien in die Schweiz gekommen. Wie es für sie war, so zwischen zwei verschiedenen Welten zu leben, davon hat sie im Roman »Tauben fliegen auf« erzählt. Diesem Buch, das damals im Verlag Jung und Jung herauskam, verdankte sie 2010 den Deutschen Buchpreis und den Schweizer Buchpreis. Seitdem sieben Jahre Funkstille.

Ihre träumerisch schwebende Sprache hat die Autorin behalten. Sie umhüllt uns mit einer schützenden Vorstellungswelt. Zoltán, genannt Zoli, der im Buch im Wechsel mit seiner Cousine Anna erzählt, hat diese Resistenz. Seit er als Kind »wie ein Mehlsack« hinter dem Vater vom Motorrad gefallen und das Blut ihm aus dem Kopf geschossen war, hatte sich etwas in ihm verändert. Er war in einer Blumen-Welt gewesen, »die orange war, rot, türkis und violett«, doch dann hatte ihn der »Knoblauchdoktor« aus seinem »Paradiesgarten« zurückgeholt - zum Vater, der trank und verzweifelt war, und zur Mutter, die ebenfalls trank, sich aber bei ihren Liebhabern gute Laune holte.

Wie hatten die Eltern auf den Sohn gehofft, dass er vielleicht Bäcker würde und ihnen, den »Zigeunern«, Achtung im Dorf verschafft. Und wie viel Mitgefühl hat Zoli - »ja, ich werde Papa nie retten können« -, hat auch die Autorin mit ihrer Erbärmlichkeit. Wer darauf achtet, wird es bemerken: Es gibt im Text keinerlei Hochmut. Und selbst wenn es einen schmerzt, wie der Leutnant in der Kaserne die Soldaten auf einen Gewaltmarsch zwingt und an einem von ihnen zum Mörder wird, ist dieser »Raubvogel« doch ein verunstalteter Mensch, der auch eine Trauer mit sich herumtragen muss.

Denn um Trauer geht es. Auch wenn es zu Beginn nicht klar ist. Melinda Nadj Abonji hat ein Requiem geschrieben. Anna im Roman, inzwischen Schweizerin wie sie, sucht die Spuren ihres Kindheitsfreundes Zoli. Seine Eltern hatten gehofft, dass die Armee ihn zum »richtigen Mann« formen würde. Von einem Begräbnis mit militärischen Ehren hätten sie sich sogar erhöht gefühlt. Aber er ist nicht im Jugoslawienkrieg gefallen, sondern an einer Überdosis Psychopharmaka gestorben. - Ein Buch zum Verschenken, wenn sich einem beim Lesen das Herz zusammenkrampft vor Mitgefühl? Doch wird einem das Herz sogar weit, weil im Text so viel Liebe ist.

Er sei ganz »vernarrt« in den Garten, hatte der Vater gesagt, als sie den Sohn zur Armee holten. Wenn Zoli eines nicht ausstehen konnte, dann dieses Wort: »Ich bin nicht vernarrt! Ich bin die Sonne im Garten, die Lichtflecken auf den frühen Morgenblättern, der tröpfelnde Regen, das bin ich, und das Wasser, das in einem wilden Guss die ausgetrocknete Erde belebt ...«

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