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Wie ein kleiner Korse in Paris Konsul wurde

Patrice Gueniffey hat sich auf die Spuren von Napoleon Bonaparte begeben

Bis zu seiner Heirat mit Josephine hieß er Buonaparte nach seinen italienischen Vorfahren auf Korsika. Danach schrieb er sich, inzwischen ganz Franzose geworden, Bonaparte. Als er 1804 zum Kaiser gekrönt wurde, nannte er sich Napoleon. Die Literatur über ihn ist unübersehbar. Jetzt gilt es, eine neue Biografie anzuzeigen, die zwar nur bis zu seiner Ernennung und Wahl per Volksentscheid zum Ersten Konsul auf Lebenszeit im Jahre 1802 reicht, aber den märchenhaften Aufstieg eines politischen und militärischen Genies in bisher nicht gelesener Deutlichkeit, Eleganz und mit ausgewogener Urteilskraft erzählt.

• Patrice Gueniffey: Bonaparte. A. d. Franz. v. Barbara Heber-Schärer, Tobias Scheffel und Claudia Steinitz.
Suhrkamp, 1296 S., geb., 58 €.

Patrice Gueniffey ist Historiker an der Pariser École des Hautes Études en Sciences Sociales. Sein Verdienst ist es, das spannungsreiche Verhältnis zwischen Bonaparte und den verschiedenen Etappen und Ausprägungen der Französischen Revolution in ein nachvollziehbares Urteil zu gießen.

Mit dem Staatsstreich vom 18. Brumaire nach dem französischen Revolutionskalender, also am 9. November 1799, endete die Französische Revolution. Bonaparte sicherte in den drei Jahren als Erster Konsul den Bestand ihrer »nachhaltigen« Ergebnisse und überwand manche nicht haltbaren Auswüchse. Er setzte den Terror fort, veranlasste aber auch die zivilisatorische Großleistung des »Code Civil« mit der Einführung von Zivilehe und Scheidung. Er blieb irgendwie den Grundideen der Revolution verbunden, war aber zugleich »postrevolutionär«. War er ein »aufgeklärter Despot«?

Der famose soziale und politische Aufstieg war dem in ein nationalistisches Milieu hineingeborenen Korsen nicht in die Wiege gelegt. Er wurde auf französischen Militärschulen zum »Franzosen« erzogen und legte mit seinen Feldzügen in Italien und - trotz Niederlage - in Ägypten den Grundstein für seine Popularität und seinen Machtanspruch in Paris.

Der Biograf versteht es, die entscheidenden Tatsachen zu vermitteln und den Menschen lebendig zu zeichnen. Das Übersetzerteam hat hervorragende Arbeit geleistet. Die im Text immer wieder eingestreuten Zitate von Bonaparte, dessen Zeitgenossen, aber auch von Historikern der Gegenwart sind aussagekräftig und unterhaltsam. Die Urteile des Autors überzeugen. Seine Kritik an seinem »Helden« ist eher eine machiavellistische, was nicht bedeutet, dass er den republikanisch-demokratischen Grundkonsens aufkündigt.

Der Biograf scheut vor keiner Enthüllung im privaten Bereich zurück, misst diesen jedoch keine hervorgehobene Bedeutung bei. Bonapartes Beziehung zu Frauen, vor allem zu seiner sexuelle Abwechslung liebenden Gattin Josephine, charakterisiert Gueniffey im Geiste der damals freizügigen Zeit, nicht ohne einen Anflug von vergnüglichem Voyeurismus.

Viel stärker freilich widmet sich der Autor den politischen und auch den militärischen Details. Seine exakten Schilderungen, die sich akribischen Studien von Bonapartes Selbstzeugnissen sowie der über ihn verfassten Erinnerungen und Monografien verdanken, lesen sich durchweg mit Gewinn und Genuss. Ein Meisterstück ist das Kapitel über die intensive Einflussnahme Bonapartes als Erster Konsul auf die Redaktion des »Code Civil«, nach dem sich alle folgenden bürgerlichen Gesetzesbücher richteten. Er hatte diese eigentlich dem auf Ausgleich bedachten Monarchisten Portalis übertragen, der sich auf die Vorleistungen des römischen Rechts stützte. Bonaparte selbst setzte dem epochalen Werk dann noch die »rote Mütze der Revolution« auf.

Das monumentale Werk von Patrice Gueniffey enthält viele dekorative Bildtafeln, Landkarten und eine für weiterführende Studien hilfreiche Bibliografie. Dieser Band, von dem man sich eine Fortsetzung bis zu Napoleons Tod wünscht, ist schenkenswert.

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