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Mit einem Aufjauchzen begrüßt

Larissa Reissners »Oktober«-Buch ist wieder aufgelegt worden

»So eine wie Dich haben wir nie gehabt. So eine wie Dich möchten wir gerne haben.« Dies klingt fast wie eine Liebeserklärung. Geschrieben hat diese Worte der Bewunderung Kurt Tucholsky in einer Rezension über das 1927 in Berlin posthum in deutscher Übersetzung erschienene Buch »Oktober« von Larissa Reissner. Unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel lobt der deutsche Dichter die Gabe der Russin, »das Nahe und das Ferne« zu beschreiben; sie sei »eine Erfüllung gewesen und eine Sehnsucht«.

• Larissa Reissner: Oktober. Aufzeichnungen aus Rußland und Afghanistan in den 1920er Jahren.
Promedia, 299 S., geb., 24 €.

Karl Radek wiederum würdigte sie als eine Frau, »die nicht nur entschieden zum kämpfenden Proletariat übertrat, sondern dies mit tiefem Bewusstsein der weltgeschichtlichen Bedeutung der Ereignisse, mit tiefem Glauben an den Sieg tat«. Und »mit einem Aufjauchzen«. Etwas umständlicher, fast kryptisch hingegen die Hommage von Boris Pasternak auf die früh verstorbene Schriftstellerin: »Larissa, ich könnt mich zu Tode ärgern,/ Daß ich der Tod nicht bin, nur eine Null!/ Ich würd sonst wissen, wie sich ohne Kitt/Der Tage Fetzen im lebendigen Ganzen halten ...«

In der verdienstvollen »Edition Frauenfahrten« des Wiener Verlages Promedia ist Larissas »Oktober« neu herausgekommen, mit einer kenntnisreichen Einführung aus der Feder der Berliner Protestforscherin Gisela Notz versehen.

Die 1895 im polnisch-russischen Lublin noch unter der Zarenherrschaft geborene Tochter eines Juristen, der emigrieren musste, nachdem er ein juristisches Gutachten zugunsten der Revolutionäre verfasst hatte, besucht Schulen in Frankreich und Deutschland und lernt schon in ihrer Kindheit Karl Liebknecht, August Bebel und Lenin kennen. 1907 nach Russland zurückgekehrt, unter materieller Not und der Resignation des Vaters leidend, gibt sie während des Ersten Weltkriegs das antimilitaristische Satiremagazin »Rudin« heraus, arbeitet an Maxim Gorkis Literaturzeitschrift »Letopis« und der linkssozialistischen Zeitung »Nowaja Shisn« mit, schließt sich den Bolschewiki an, wird die erste Kommissarin in der Roten Armee, heiratet den Kommandanten der Wolga-Flotte, Fjodor Raskolnikow, und ist auf Kriegsschiffen zu Hause, darunter einem, das den Namen Karl Liebknecht trägt. In Gefechtspausen schreibt sie Reportagen über den Frontalltag. »Sie wollte alles wissen und kennenlernen, an allem teilnehmen«, erinnerte sich Leo Trotzki und geriet ins Schwärmen: »Diese wunderschöne junge Frau ... Sie hat das Äußere einer olympischen Göttin, einen feinen ironischen Geist und den Mut eines Kriegers.«

1921 reist Larissa mit Raskolnikow nach Asien, erschrickt ob des Elends und der Frauenknechtung in Afghanistan sowie der (kolonialen) »Faschisten« in Indien, »Beutelschneider, die ihr verächtliches Monokel auf das rauhe Land richten« und sich über Forderungen des entrechteten Volkes nach Verfassung und Volksvertretung »krank lachen«. 1923 fährt sie im Auftrag der Komintern nach Deutschland, schreibt über »Berlin im Oktober« und »Hamburg auf den Barrikaden« und liiert sich mit Radek. 30 Jahre jung erliegt sie in einem Moskauer Krankenhaus dem Typhus.

Ihr »Oktober«-Buch widmete Larissa den Studenten der Arbeiterfakultäten. »Mögen sie schimpfen, mag ihnen manches der ketzerischen Worte in der Kehle steckenbleiben. Aber mögen sie es zu Ende lesen, erfahren, wie es war, von Kasan bis Enseli. Es waren dröhnende Siege, es waren Niederlagen in einem Meer von Blut. An der Wolga, Kama und am Kaspischen Meer zur Zeit der Großen Russischen Revolution.«

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