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Auch mit der Wahrheit lässt sich lügen

»Fake und Fakt. Literatur im ›postfaktischen Zeitalter‹« - ein Diskussionsabend im Literaturforum im Brecht-Haus Berlin

  • Von Jakob Hayner
  • Lesedauer: 5 Min.

Nun sag, wie hast du’s mit der Wahrheit? Zu dieser Frage hatten am Donnerstag das Literaturforum im Brecht-Haus und Helle Panke e.V. – Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin unter dem Titel »Fake und Fakt. Literatur im ›postfaktischen Zeitalter‹« geladen. Desinformation in den Medien, vermeintlich authentische Lebensbeichten im Romanformat: Was soll man da noch glauben?

Das Schlagwort von der Glaubwürdigkeitskrise hat ein wenig den Beigeschmack, dass denen, die von den Kanzeln predigen, die Schäfchen abhanden kommen. So kann man feststellen, dass sich um den Begriff der Fake News ein hysterischer Hype gebildet hat, der das reale Ausmaß des Phänomens bei Weitem übersteigt. Dass dieser Hype gerade von den sogenannten Qualitätsmedien befeuert wurde, wirft kein gutes Licht auf diese. Denn der Journalismus wird keineswegs an Falschmeldungen auf Facebook oder Twitter zugrunde gehen, sondern an seinen ökonomischen Grundlagen.

In der Politik wird nicht mehr gelogen als in früheren Zeiten (schon Machiavelli empfahl das Verbreiten von Falschinformationen). Neu ist, dass man das auch schamlos zugibt. Es ist die zur Schau gestellte Obszönität, die jemanden wie Donald Trump so erfolgreich macht. Ideologie ist nicht das Verschleiern der Interessen (obwohl auch das nicht aus der Welt verschwunden ist), sondern die zum Vorschein gebrachte Kehrseite der Macht. Das System siegt über sich selbst. Das ist die zur Perfektion gesteigerte Verzerrung der Wirklichkeit, der »Schleier der Schleierlosigkeit« (Adorno).

Wie aber verhalten sich Journalismus und Literatur, die mehr oder minder der Wirklichkeit und vor allem der Enthüllung ihrer zugrundeliegenden Gesetze verpflichtetet sind, dazu? Gibt es noch etwas zu enthüllen, wenn alles offensichtlich ist?

Katja Kullmann, Schriftstellerin und zur Zeit Themenchefin der »Taz«, eröffnete den Abend mit einem Vortrag über die Wirklichkeit als Material der Literatur. Ihre Betrachtungen führten von aluhutbemützten Paranoikern über den vor bösen Impfstoffen zu beschützenden Nachwuchs wohlsituierter Milieus bis zu den »liberal-demokratisch gesinnten Büchermenschen« (Buchmessendirektor Juergen Boos über sich und Seinesgleichen), die 1998 noch geschlossen applaudierten, als Martin Walser über das Denkmal für die ermordeten Juden Europas als »Monumentalisierung der Schande« sprach, sich aber knapp zwanzig Jahre später angesichts von Björn Höckes Rede vom »Denkmal der Schande« furchtbar empören - und es steht zu befürchten, dass diese Empörung nicht gebesserter Einsicht entspringt.

Man glaubt, was man glauben möchte - dieses Privileg hat die politische Rechte nicht für sich allein. Die Literatur habe die Möglichkeit, sich zwischen Kunst und Reportage zu bewegen und die Glaubenssätze zu korrigieren. Die Realität schreibe immer noch die schönsten Geschichten, folgerte Kullmann. Man denke an George Packers »Die Abwicklung« oder auch Swetlana Alexijewitschs »Secondhand-Zeit« und Liao Yiwus »Fräulein Hallo und der Bauernkaiser«, an Heike Geißlers »Saisonarbeit« und Robert Kischs »Möbelhaus«. Die Literatur sei zwar immer langsamer als der Journalismus, sie könne aber auch den genaueren Blick auf die Tatsachen werfen und diese in ihren Zusammenhängen erhellen.

An der anschließenden Diskussion nahmen neben Kullmann die Schriftstellerin Annett Gröschner, die Lyrikerin Simone Kornappel, der Politikwissenschaftler David Salomon und der Schriftsteller Enno Stahl teil. Wie kann der Griff nach der Welt mit den Mitteln der Kunst gelingen? Über die biographisch verbürgte Erzählung? Das entwickelte sich zur Streitfrage. Immerhin sei in Zeiten neoliberaler Subjektivierung die narzisstische Selbstperformance schon eine ideologische Form, wandte Stahl zunächst ein. Anhand von Didier Eribons autobiographischem Essay »Rückkehr nach Reims« wurde die Frage vertieft. Das Ergebnis: Auf den Zusammenhang komme es an. Eribon sei mit seinem Buch im Medium der Selbsterkundung schließlich auch eine Beschreibung der Gesellschaft gelungen.

Letztlich führte die Frage, ob nur das Partikulare oder das Allgemeine die Welthaltigkeit der Literatur garantieren könne, etwas in die Irre. Denn für die Kunst ist ja das gerade Besondere, das einzelne gelungene Kunstwerk, das Universale. Kurz verlor sich das Gespräch in den Wirrungen einer literarischen Benennungspolitik. Was sei mit Recht Roman, was Sachbuch zu nennen? Und müsse man sich nicht auch für Hybride, für eine Art drittes Geschlecht der Literatur, einsetzen? Das war von der Frage der Dialektik von Form und Inhalt doch etwas entfernt. Und woher die Sehnsucht nach dem Hybriden, vielleicht auch das Unbehagen in der Fiktion und das Begehren nach dem Realen herrühren könnten, blieb leider unerörtert.

Dass es letztlich weder im Journalismus noch in der Literatur um ein rein positivistisches Verständnis von Faktizität gehen könne, warf zum Ende David Salomon ein. Denn gerade der Streit in der Wertung, in der Interpretation von Wirklichkeit, sei Merkmal demokratischer Öffentlichkeit. Mit Wertfreiheit und Neutralitätsidealen komme man nicht weit. Denn Desinformation sei nicht nur mit Fake herzustellen, und auch mit der Wahrheit lasse sich lügen. Zu überprüfen sei vielmehr, wie bestimmte Erzählungen und Deutungen von der Welt mit bestehenden Vorannahmen und Interessen korrespondierten. Man müsse verstehen, wie sich Ideologie herstellt. Wirklich interessant sei nämlich, wie sich sowohl Fake wie Fakt in gegebene soziale Zusammenhänge einbetten. Und in der Kunst könne die Treue zur Wahrheit eben auch in der Lüge, der Fiktionalisierung, aufscheinen.

Der Abend hat mehr Fragen aufwerfen als beantwortet. Das ist ganz im Sinne der Reihe »Richtige Literatur im Falschen«, die auf schon zwei Symposien in Berlin und eines in Graz zurückblicken kann - und in deren Rahmen auch dieser Abend stattfand. Welche Literatur der Wirklichkeit heute beikommen könne? Einer Wirklichkeit, die sich jeder vernünftigen Begründung entzieht? Einer Wirklichkeit, die derart irreal erscheint, dass das ästhetische Verfahren der Übertreibung, das Maxim Gorki noch empfahl, nahezu harmlos erscheint? Braucht man schnelle Eingreifliteratur? Oder doch die große Metapher? Diese Fragen harren weiter ihrer Beantwortung - umso besser, dass sie gestellt werden.

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