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Von der Traurigkeit der Glühbirnen

António Lobo Antunes: »Ich gehe wie ein Haus in Flammen« - ein Psychogramm der portugiesischen Gesellschaft

  • Alfons Huckebrink
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Haus in Flammen» - mit der prägenden Haus-Metapher stellt António Lobo Antunes (A.L.A.) seinen jüngsten Roman in den Zusammenhang einer großen literarischen Tradition, zu der auch Paul Nizons Werk «Im Hause enden die Geschichten» (1971) beigetragen hat. Gerne möchte man vermuten, der portugiesische Schriftsteller habe Nizons Titel wörtlich genommen und konsequent zu Ende gedacht.

Wird das Haus bei Nizon zum Abnormitätenkabinett, zur Metapher für dumpfe Eingeschlossenheit - «Da gehörst du hin. Deine Gerüche, dein Zwielicht, deine Umstände. Hinein ins Haus, das dich erwartet» -, so überdehnt Antunes den imperativen Gestus dieser Einweisung auf schmerzhafte Weise, indem er die narrative Substanz der Schicksale auflöst zugunsten eines Kompositionsprinzips reiner Stimmen.

Ein Haus in Lissabon, Chiffre der Hoffnungslosigkeit, des Überlebtseins, der enttäuschten Lebenshoffnungen - «… der Traum eine leere Schaukel, die am Ast der Akazie hin- und herschwang». Ein grandios eingestimmter Chor der Lebensversager, gleichzeitig ein schillernd schlüssiges Porträt der späten Salazar-Gesellschaft und ihrer Überlebenden.

«Wer hat das Sagen? - Salazar Salazar Salazar» lautet eins der stets variierten Leitmotive, die das polyphone Werk grundieren und strukturieren. Und immer wieder flackert die mehrdeutige Titel-Aussage: «Ich gehe wie ein Haus in Flammen» (auf). Radikale Rezitative, verzehrende Bekenntnisse, die in ihrem verstörenden Wagemut an die Virtuosität eines Opernlibrettos von Hans Werner Henze erinnern.

Die Bewohner des Hauses bleiben trotz ihrer konkret aufscheinenden und manisch beschworenen Hintergründe merkwürdig rollenverhaftet, eine Wirkung, die durch die Durchnummerierung der Kapitel verstärkt wird. Da gibt es die Richterin (Zweiter Links), den Trinker (Erster Links), die Schauspielerin (Dritter Rechts), den Offizier aus Angola (Dritter Links), die aus der Ukraine geflohenen Juden (Erdgeschoss Rechts), den zu Kreuze gekrochenen Kommunisten (Erdgeschoss Links). Alleingelassen mit ihren Erinnerungen an Orte, an Personen, die wiederum selbst in Rede stehen … Den Schlussakkord bestreitet der geheimnisvolle Bewohner des Dachbodens, kein Mensch, «sondern die matte Gegenwart einer erloschenen Autorität».

Antunes schafft ein großartiges, durch die stimmliche Versponnenheit äußerst komplexes Psychogramm der portugiesischen Gesellschaft und ihrer andauernden Deformationen, in dem vor allem die völlige Abwesenheit von Zukunft den Leser schockiert. Kein Funke der Hoffnung entzündet die schrecklichen Stockwerke, in denen sich die Bewohner mit ihren verpfuschten Leben verschanzt haben. Was grassiert, sind hingegen Ängste, und hier vor allem jene weit vorausgreifenden, unausweichlichen vor dem Tod, die nicht nur den lusitanischen Horizont verdunkelt: «… aber ich gehe in sechs Jahren in Rente und habe Angst davor, allein krank zu werden, Angst davor zu sterben, allein die Vorstellung, zu erleben, und wenn es nur aus der Ferne war, wie die Besucher in die Krankenhäuser kamen und Körbchen voller Obst mitbrachten, das niemand isst, erfüllt mich mit Schrecken, klagt die Angestellte (Erster Rechts), bevor sie sich ihrem ehemaligen Abteilungsleiter hingibt. Und so glimmen sie weiter, und »die Länge der Sonntage nahm im Herbst zu, und ab fünf brennende Lampen, die Traurigkeit der Glühbirnen machte die Möbel bitter«, aber so lange sie glimmen, scheint auch die Sehnsucht nach Liebe, Wärme und Mitmenschlichkeit matt auf. Nach einem Haus in Flammen.

António Lobo Antunes, 75 inzwischen, hat als Militärarzt in Angola gearbeitet. Lange Jahre war er Chefarzt einer psychiatrischen Klinik in Lissabon. Schon oft wurde der portugiesische Schriftsteller zum Kreis der Aspiranten auf den Literaturnobelpreis gezählt. Mit diesem Buch wird dem Komitee in Stockholm ein weiteres, kaum übergehbares Argument an die Hand gegeben.

António Lobo Antunes: Ich gehe wie ein Haus in Flammen. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Luchterhand, 448 S., geb., 24 €.

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