Das Kind auf der Buchenwald-Liste

Annette Leo hat die Geschichte des Sinti-Jungen Willy Blum recherchiert

  • Sabine Neubert
  • Lesedauer: 4 Min.

Dieses Buch über Willy Blum und seine Familie ist nicht nur berührend, sondern auch in mehrfacher Weise einzigartig. Es ist ein wichtiges Buch.

Im Mittelpunkt steht die Geschichte des 16-jährigen Willy, der in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde, »nur weil er als Sinto geboren worden war«, wie Romani Rose im Vorwort schreibt. Zugleich erfährt man sehr viel über die Geschichte und das Schicksal der Puppenspielerfamilie Blum, die einer Verfolgten-Gruppe angehörte, deren Schicksal noch immer viel zu wenig bekannt ist und lange Zeit mit Vorurteilen und böswilligen Urteilen belastet war.

Und schließlich, was dem Buch auch eine helle Seite gibt, wird am Beispiel der weit verzweigten Puppenspielerfamilien Blum/Richter die - leider untergegangene - jahrhundertealte Tradition wandernder Marionettentheater in Deutschland als große und fröhliche Kulturleistung noch einmal lebendig.

Annette Leos Recherche über Willy Blum und seine Familie begann zunächst ganz anders, nämlich mit der Suche nach der wahren Geschichte des »Buchenwald-Kindes« aus Bruno Apitz’ weltberühmtem Roman »Nackt unter Wölfen«, den Frank Beyer eindrucksvoll verfilmt hat. Wir erinnern uns: Das Schicksal eines Kindes, des dreijährigen Jungen Stefan Jerzy Zweig, der durch den Schutz deutscher Häftlinge im Jahr 1944 der Deportation von Buchenwald nach Auschwitz entkam und so gerettet wurde, bildete die Vorlage für den Roman von Bruno Apitz, der Realität mit Fiktionalem zu einem eindrücklichen Dokument des Triumphs der Menschlichkeit über die SS-Verbrechen gestaltete.

Welches Schicksal verband nun aber beide Kinder, das dreijährige polnisch-jüdische Kind Stefan Jerzy Zweig und den sechzehnjährigen Sinti-Jungen Willy Blum? Beide waren Häftlinge in Buchenwald, wenn auch in verschiedenen Blöcken. Im September 1944 sollten 200 Kinder und Jugendliche nach Auschwitz deportiert werden, als Allerletzter auf der Transportliste war Jerzy Zweig vermerkt. Der wurde aber von einem Kapo in den Krankenblock gebracht und damit dem Transport entzogen. Akribisch suchten die Täter nach Ersatz für den »Zweihundertsten«. Der sechzehnjährige Willy Blum meldete sich »freiwillig« für den Transport. Er wollte seinen zehnjährigen Bruder Rudolf nicht allein lassen. Beide wurden zusammen nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Dies ist also »die reale Geschichte hinter der Fiktion«, wie die Autorin schreibt. Für sie wurde sie zum Anlass einer Spurensuche nach dem Sinto Willy Blum und seiner Familie.

Annette Leo hat alle verfügbaren Dokumente und Dokumentationen herangezogen und ausgewertet. Besonders eindrücklich sind die eingeflossenen Berichte zweier Frauen der Familie, die verständlicherweise lange Zeit sehr zurückhaltend und verschwiegen gewesen sind. Die über 90-jährige Elli Schopper, geborene Blum, eine Auschwitz-Überlebende und die letzte noch lebende Schwester Willys, hat in einem Interview (im Dokumentationszentrum in Heidelberg) von dem unsäglichen Leiden der Sinti- und Romakinder berichtet, an denen Mengele seine mörderischen Versuche unternahm. Ihre Tochter Ella Braun, geborene Schopper, eine Nichte Willys, spricht von der Diskriminierung und Ausgrenzung in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft. Der ist sie noch als Heranwachsende ausgesetzt gewesen. Vorurteile, Kälte und Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Sinti und Roma und ihren Leiden auch nach 1945 sind ein besonderes Kapitel, für das die Autorin zu Recht die Begriffe »Entschädigung« und »Wiedergutmachung« für unzureichend hält.

Jahrelang mussten sich die Überlebenden, unter ihnen die Eltern von Willy, Aloys und Toni Blum, mit ihren beiden Töchtern in peinlichen Prozeduren mit den »Dienststellen für Zigeunerfragen« auseinandersetzen, sich Untersuchungen von Ärzten unterziehen, bevor sie geringe »Entschädigungen« oder kleine Renten erhielten.

Was ist geblieben? Die Stele von Dani Karawan für die ermordeten Sinti und Roma im Berliner Tiergarten. Erinnert wird im Buch auch an den Schriftsteller Reimar Gilsenbach, Umwelt- und Menschenrechtsaktivist in der DDR, einer der wenigen Fürsprecher der Sinti und Roma. Und ein letztes Kapitel berichtet über die Suche nach den Marionetten der Puppenspieler aus der weit verzweigten Familie Blum/Richter, selbstgefertigte Kunstwerke, von denen einige noch existieren, im Theaterfigurenmuseum in Lübeck.

Annette Leo: Das Kind auf der Liste. Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie. Mit einem Vorwort von Romani Rose. Aufbau Taschenbuch Verlag, 190 S., 24 Abbildungen, br., 10 €.

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