Die Tomatenpflücker von Foggia

In Süditalien haben sich Arbeitsmigranten gewerkschaftlich organisiert und ihre Leben dadurch verbessert

  • Florian Horn und Federico Tomasone
  • Lesedauer: 5 Min.

Billige Tomaten aus Süditalien sind heutzutage überall in Europa im Angebot von Supermärkten und Wochenmärkten. Die Herkunftsbezeichnung auf den Gemüsekisten und Tomatenkonserven sagt jedoch nichts über die Lebens- und Arbeitsbedingungen auf den Feldern und in den Gewächshäusern Süditaliens aus. Der Preis dagegen schon, der kommt durch Preisdruck auf Produzent*innen zustande und basiert auf harter Arbeit von ausgebeuteten Menschen, die oft wie Sklaven leben und arbeiten.

In Italien hat insbesondere vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Krise das Problem der Einwanderung in industrielle und landwirtschaftliche Regionen in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Die Krise trifft große Teile der Bevölkerung hart und hat zu neuen Konflikten in der Arbeitswelt geführt, wo Sorgen über eine Verschlechterung der Lebensbedingungen sich mit Feindseligkeit gegenüber Arbeitsmigrant*innen vermischen, angeheizt durch politische Stimmungsmache.

Denn viele der Arbeiter*innen auf den Tomatenfeldern kommen aus Subsahara-Afrika, ein Teil auch aus Osteuropa und Asien. Im besten Fall rackern sie von frühmorgens bis zum Abend unter oft gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen, unterbezahlt und meist ohne gewerkschaftliche und soziale Rechte. Im schlimmsten Fall hausen sie in »Ghettos« auf den Feldern in Kalabrien oder Apulien, in informellen Siedlungen ohne Strom, sanitäre Einrichtungen und ohne Zugang zu sauberem Wasser und medizinischer Versorgung.

So zum Beispiel im Ghetto von Foggia in der Region Apulien. Dort leben in der Hochsaison bis zu 2000 Menschen mitten in der Pampa, viele Kilometer entfernt von der Stadt Foggia, unter Bedingungen, die eher an die Slums von Nairobi oder Mumbai erinnern als an Wohnsiedlungen in Europa. Wie lange genau es dieses Ghetto mitten in Europa schon gibt, das weiß niemand genau. 15 bis 20 Jahre schätzt der für die Tomatenpflücker zuständige Gewerkschaftssekretär der Union Sindicale de Base (USB), der sich der scheinbar unmöglichen Aufgabe widmet, die Arbeitenden vor Ort zu organisieren.

In der Ansammlung von Wellblechhütten und Wohnwagen hat sich eine informelle Infrastruktur gebildet, um einige Grundbedürfnisse der dort lebenden Arbeiter*innen zu bedienen. Es gibt Lebensmittelgeschäfte, einen Klamottenladen, Bars und Restaurants. Denn nach einem Arbeitstag, der um vier Uhr in der Frühe beginnt und oft weit über zehn Stunden dauert, haben die Menschen keine Kraft mehr, in die 15 Kilometer entfernte Stadt zu fahren, um einzukaufen. Zudem gibt es zwar ein paar alte Autos im Ghetto, aber die Versicherung dafür ist bei dem niedrigen Gehalt zu teuer. Während sich im Ghetto also eine informelle Wirtschaftsstruktur gebildet hat, fehlt staatliche Infrastruktur komplett. Strom gibt es aus ein paar Solarzellen oder Generatoren, fließendes Wasser überhaupt nicht, und besonders die Ghettobewohner*innen beklagen das Fehlen von sanitären Einrichtungen. Die Sicherheitslage ist katastrophal, ein Großbrand hatte vor einiger Zeit Teile des Ghettos zerstört, zudem war die Siedlung ständig von Räumung bedroht und wurde zuletzt umgesiedelt.

Mitten in dieser Misere weht die Fahne der Gewerkschaft USB auf dem Dach einer der Wellblechhütten. Das Gewerkschaftshaus im Ghetto gibt es seit drei Jahren. Es ist das Ergebnis harter Arbeit von Gewerkschaftsfunktionär*innen und -aktivist*innen der nationalen und regionalen Strukturen der USB, die gemeinsam mit einigen Bewohner*innen des Ghettos die Organisationsarbeit vorangetrieben haben. Das Gewerkschaftshaus ist ihr Versammlungsort für Diskussionen und Strategieentscheidungen. Dort wurde, bis dato undenkbar, der erste Streik im Ghetto organisiert.

Mitten in der Hochsaison 2017 traten alle Ghettobewohner*innen in den Ausstand. Gefordert wurde zum einen, akute Missstände anzugehen: der Zugang zu Trinkwasser und menschenwürdiges Wohnen ebenso wie Arbeitsschutz, Beitragszahlungen zur Krankenversicherung sowie die Einhaltung der regionalen Tarifverträge. Dazu kamen aber auch politische Forderungen, wie Verbindung von Respekt und sozialen Standards sowie der Zugriff auf Fördermittel aus dem Topf der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union. Mit diesem Arbeitskampf erreichten die Arbeiter*innen, dass die Region Apulien die ständigen Räumungsdrohungen zurücknahm und durch regelmäßige Lieferung von Wassertanks die Versorgung mit Trinkwasser sichergestellt wurde. Darüber hinaus wurden sie in der Gesellschaft sichtbar und konnten mit ihren Forderungen auch komplexere soziale und politische Debatten anstoßen.

Das sind zwar nur kleine Erfolge, aber der positive Effekt dieser konkret erkämpften Verbesserungen der Lebensbedingungen in der Siedlung darf nicht unterschätzt werden. Für die Arbeiter*innen hat sich gezeigt, dass es sich lohnt, gemeinsam zu kämpfen. In der Vergangenheit, erzählten die Bewohner*innen, seien zwar immer mal wieder Hilfsorganisationen vorbeigekommen, um die Bewohner*innen mit Lebensmitteln und Kleidung zu versorgen. Allerdings hatten sich so ihre Lebensbedingungen nie wirklich dauerhaft verbessert. Es blieb stets im Rahmen der »karitativen Hilfe für Migrant*innen«. Erst Dank der Selbstorganisierung ging es tatsächlich in ihrem täglichen Leben aufwärts.

Besonders wichtig ist es den Menschen daher, nicht als hilfsbedürftige Migrant*innen wahrgenommen zu werden, sondern als Gruppe, die für ihre eigenen Interessen kämpft. Eine für sie sehr wichtige Botschaft, die sie auch bei einer Demonstration Mitte April auf das Fronttransparent geschrieben hatten: »Liberiamoci dallo sfruttamento e dall’ assistenzalismo« (etwa: Befreien wir uns von Ausbeutung und Armenfürsorge). Eine Botschaft für die Selbstbefreiung aus Ausbeutung, weg davon, lediglich zur Hilfe von außen verdammt zu sein.

Die Autoren arbeiten für das Brüsseler Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Im Frühjahr besuchten sie die Tomatenpflücker von Foggia.

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