Morphologie der Jagdszene

Professor will »Beweise« für Hetzjagden in Chemnitz

  • Velten Schäfer
  • Lesedauer: 2 Min.

Noch vor fünf Jahren war der Dresdner Politologe Werner J. Patzelt ein unspektakulärer Professor, der sich mit trockenen Themen wie parlamentarischer Praxis befasste. Seither aber hat sich seine Persona vor allem politisch rasant verschoben. Die erste Wegmarke war Pegida, die zweite ist nun »Chemnitz«.

Pegida hatte Patzelt mit dem Ergebnis untersucht, die Bewegung sei im Kern »besorgt gutwillig« und gegen Rassismusvorwürfe in Schutz zu nehmen. Daran konnte man unscharfe Begriffe und eine rechtfertigende Haltung kritisieren, es handelte sich aber noch um Wissenschaft. Doch nun macht sich Patzelt zum Stichwortgeber radikaler Trolle.

Das hauptsächlich mit der Diffamierung von Geschlechtersoziologie befasste Portal »ScienceFiles« ist Multiplikator einer von Patzelt initiierten Unterschriftenliste. Von der Bundesregierung fordert diese »Beweise«, dass es in Chemnitz tatsächlich zu jenen »Hetzjagden« kam, die Kanzlerin und Regierungssprecher verurteilt hatten. Denn hätten, so Patzelt, nicht »der Chefredakteur der ›Freien Presse‹ in Chemnitz, dessen Journalisten vor Ort waren, die sächsische Generalstaatsanwaltschaft sowie die sächsische Polizei« erklärt, dass »derlei Hetzjagden gar nicht« stattfanden?

Polizei und Staatsanwaltschaft sind hier ein Thema für sich. Doch zeigt schon ein Blick auf jene Einlassung des Chefs der »Freien Presse«, wohin sich Patzelt hat tragen lassen. Torsten Kleditzsch bestreitet nämlich nicht, dass es »aus der Demonstration heraus Angriffe auf Migranten, Linke und Polizisten« gab. Es sei »Menschen über kurze Distanz nachgestellt« worden, sodass »der Begriff ›Jagdszene‹ noch gerechtfertigt« sei - nicht aber »›Hetzjagd‹ in dem Sinne, dass Menschen andere Menschen über längere Zeit und Distanz vor sich hertreiben«.

Das ist schon bei einem Journalisten zynisch. Was aber will im Anschluss daran der Wissenschaftler? Eine sozio-morphologische Debatte über die Frage, was nun bloß »Nachstellung« sei, was »Jagdszene« und was »Hetzjagd«? Wie will man das messen? An der Verfolgerzahl und der zurückgelegten Distanz im Verhältnis zur Fluchtfähigkeit des Gejagten?

Aus dem Aufruf, der im rechten Netz durch die Decke geht, spricht nacktes Ressentiment. Als beleidigte Frage verklausuliert er den Vorwurf, die Regierung lege an die Chemnitzer im Vergleich zu den »Hamburger Ereignissen anlässlich des G-20-Gipfels« nicht »die gleichen Beurteilungsmaßstäbe« an. Kann wirklich davon die Rede sein, dass »Hamburg« politisch nicht ausreichend skandalisiert wurde?

Patzelts Rhetorik ist auf dem Weg in eine Opferparanoia, die selbst in »eigenen« Untaten noch ihre Bestätigung findet. Dabei droht in ihm der normative Konsens zu verblassen, auf den sich seit 1945 die bundesdeutsche Politologie gründet: Dass nämlich die Definition von »Hetzjagd« oder »Jagdszene« nie ihr Problem sein kann, sondern jede solche »Nachstellung« nicht nur zu verstehen, sondern zurückzudrängen ist.

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