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Ohne Berührungsängste

Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann ärgert beim 1:1 in Leipzig seinen künftigen Chef

  • Von Ullrich Kroemer
  • Lesedauer: 4 Min.

Als alle taktischen Kniffe zwischen Julian Nagelsmann und Ralf Rangnick ausgetauscht waren, da gab der Noch-Hoffenheimer und zukünftige Leipziger Cheftrainer erstaunlich viel über seine Gefühlslage preis. Zuvor hatte sich der 31-Jährige stets geweigert, öffentlich über seinen künftigen Job bei RB zu sprechen - nachvollziehbar. Nun aber, da der letzte von drei Vergleichen zwischen seinem aktuellen und seinem baldigen Arbeitgeber mit einem 1:1 über die Bühne gegangen war und die Saison nur noch elf Spieltage hat, ließ Nagelsmann seine Emotionen doch raus. »Das kommt natürlich hoch. Da braucht man nicht zu lügen«, sagte er am Montagabend. Komisch sei es etwa gewesen, »wenn man vor dem Spiel hier sitzt und nicht weiß: Begrüßt man jetzt jeden oder nicht?«

Nagelsmann hatte am Spieltag sogar Zeit gefunden, im wahrsten Sinne des Wortes auf seine nächste Station in Leipzig vorauszublicken. »Wenn man aus einem hohen Stockwerk seines Hotels auf die Stadt schaut, in der man in drei, vier Monaten lebt, geht einem das schon durch den Kopf. Das ist normal und menschlich«, bekannte er. Offen berichtete er, dass er die »sehr, sehr schöne Stadt« Leipzig »schon relativ lange« kenne, da ihn »der Ralf« bereits mehrfach eingeladen habe. Und eine Wohnung in bester Lage hat der Jungstar der Trainerbranche auch schon in der Messestadt gefunden.

Auch sportlich soll der neue Karriereabschnitt »hoffentlich sehr erfolgreich« werden, so Nagelsmann. »Das ist der Grund, warum ich herkomme und wir zusammenarbeiten.« Einen ersten Eindruck, dass die Chemie zwischen den beiden klugen, ungeduldigen, macht- und selbstbewussten Trainern stimmt, konnte man beim Gespräch zwischen den künftigen Kollegen bekommen. Der 60-Jährige Rangnick und sein knapp halb so alter Nachfolger spielten sich die Bälle ohne Berührungsängste zu. Launig unterhielten sie sich über ihre Zettelwirtschaft, mit der die beiden Taktikvordenker ihrem Personal die zahlreichen Umstellungen während des Spiels kommunizierten. »Sie kennen das berühmte Spiel Flüsterpost, bei dem am Ende in den seltensten Fällen das herauskommt, was am Anfang gesagt wurde«, sagte Nagelsmann. Deswegen seien Zettel manchmal ganz ratsam. Rangnick merkte schmunzelnd an: »Flüsterpost kannte ich bisher noch nicht, wir haben früher immer Stille Post dazu gesagt.« Keine Frage: Hier demonstrierten zwei Fußballlehrer glaubhaft, dass sie trotz der Altersdifferenz auf einer Wellenlänge sind und künftig gut zusammenarbeiten können.

Rangnick räumte sogar uneitel ein, dass er besser nicht mit einer Fünferkette begonnen hätte: »Darüber ärgere ich mich ein kleines bisschen. Wenn ich die Uhr zurückdrehen könnte, hätten wir von Beginn an in der uns vertrauten 4-2-2-2-Grundordnung gespielt und Tyler Adams von Anfang an gebracht.« Darin steckte auch Lob für Nagelsmann, der Leipzig mit seiner 4-1-2-1-2-Grundformation überrascht und zur mehrfachen Umstellung gezwungen hatte.

Angesichts der Fülle an taktischen Rätseln, die sich beide Fußballlehrer aufgegeben hatten - wie bei einem Schachduell zwei, drei Züge vorausdenkend -, darf man einerseits gespannt sein, welches Potenzial sich entfaltet, wenn beide ihre Schlachtpläne künftig gemeinsam aushecken. Andererseits wird es für beide eine Herausforderung, ihre Kompetenzen klar abzustecken, für den Fall dass es mal unterschiedliche strategische Auffassungen gibt. Die ehemaligen RB-Trainer Alexander Zorniger und Ralph Hasenhüttl wissen, wovon die Rede ist. Interessant wurde es in der Vergangenheit immer an jenen Punkten, an denen sich die Trainer von Rangnick emanzipierten und den gemeinsam eingeschlagenen Weg verließen. Das aber sind Abnutzungserscheinungen, die zwischen Rangnick und seinen Trainern bislang nach anderthalb bis zweieinhalb Jahren auftraten. Zu Beginn dürfte die Zusammenarbeit des Duos Rangnick/Nagelsmann also höchst fruchtbar sein.

Dass der Trainer und sein Sportdirektor dann gemeinsam in der Champions League an den Start gehen, ist das Antrittsgeschenk, das Rangnick Nagelsmann machen möchte. Zwar haben die Leipziger in der Rückrunde Probleme im Offensiv- und Kreativspiel gegen die Topteams. Doch die beste Defensive der Liga ist dank des perfekt austarierten Pressingverhaltens tragfähig genug, um mittlerweile auswärts zuverlässig zu punkten. Bereits am kommenden Wochenende hat RB in Nürnberg die erneute Gelegenheit, mit einem Sieg auf Rang drei zu klettern. Der Rückstand auf Borussia Mönchengladbach ist auf ein Pünktchen geschmolzen - und die »Fohlen« müssen gegen den FC Bayern München antreten. Julian Nagelsmann könnte derweil seinem künftigen Klub RB schon einmal helfen. Die TSG ist bei Leipzigs Konkurrent Eintracht Frankfurt zu Gast.

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