Ehrenmord - eine unscharfe Kategorie

Mythen und Fakten zu einem unehrenhaften Phänomen

  • Von Fabian Goldmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Nur wenige Gewalttaten in Deutschland dürften eine so nachhaltige Debatte ausgelöst haben wie der Mord an Hatun Sürücü am 7. Februar 2005. Vor allem ein Begriff dominierte damals die Berichterstattung und macht auch heute noch Schlagzeilen: »Ehrenmord«. Aber auch 15 Jahre später bleibt häufig unklar, was sich eigentlich hinter dem Phänomen verbirgt: Eine aus der islamischen Welt importierte Form der Gewalt gegen Frauen, vor der viele aus falschverstandener kultureller Toleranz - angeblich - die Augen verschließen? Oder doch ein »Familiendrama« mit Migrationshintergrund?

Die Unwissenheit zeigt sich häufig schon bei der bloßen Erwähnung des Begriffs. Denn die meisten »Ehrenmorde«, die in Medien auftauchen, sind gar keine. Das sagt die Rechtswissenschaftlerin Julia Kasselt: »Wenn ein Ausländer der Täter ist, wird das schnell als Ehrenmord kategorisiert, obwohl es oft ein klassischer Fall von Partnertötung ist.«

Kasselt hat im Jahr 2011 die bisher einzige quantitative Studie zu Ehrenmorden in Deutschland durchgeführt. Im Auftrag des Bundeskriminalamtes analysierte sie Tausende Prozessakten und Agenturmeldungen. Für den Zeitraum 1996 bis 2005 kam sie - je nach Definition - auf drei bis acht Ehrenmorde jährlich. Zum Vergleich: Im Jahr 2018 wurden in Deutschland 122 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet.

Was Ehrenmorde von klassischen Partnertötungen unterscheidet: Nicht individuelle Kränkung oder Wut steht als Tatmotiv im Vordergrund. Stattdessen diene die Tat der Wiederherstellung der »Ehre« einer ganzen Familie. Von »Tötungsdelikten, die als Tatmotiv die Wiederherstellung der Familienehre haben, die infolge des als unehrenhaft beurteilten Verhaltens des Opfers verletzt wurde«, schreibt die Hamburger Soziologin Ayfer Yazgan in ihrer Untersuchung »Morde ohne Ehre«.

Der Entschluss zur Tat wird häufig im Familienkreis gefasst. Sie wird durch mehrere Angehörige gemeinsam geplant. Auch im Fall von Hatun Sürücü gab es Hinweise, dass der Bruder, der die Schüsse abgab, nicht allein handelte. Polizei und Staatsanwaltschaft verdächtigten zwei weitere Brüder, den Mord in Auftrag gegeben, und andere Familienmitglieder, die Tat gedeckt zu haben. Verurteilt wurde vom Berliner Landgericht im April 2006 jedoch nur der jüngste Bruder zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten. Die mitangeklagten älteren Brüder wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Typisch ist der Fall auch, was die Herkunft der Familie angeht: 63 Prozent aller »Ehrenmörder« in Deutschland haben laut Kasselts Studie Wurzeln in der Türkei. Einen deutschen Täter ohne Migrationshintergrund fand sie nur in einem Fall: Der Auftragskiller war von einer jesidischen Familie angeheuert worden.

Auch wenn die meisten Täter in Deutschland Muslime sind: Ein islamisches Phänomen sind Ehrenmorde nicht. Zahlen der Vereinten Nationen zeigen, dass solche Taten nicht nur in islamischen Ländern wie der Türkei oder Pakistan verbreitet sind, sondern auch in Indien und Lateinamerika. In seiner Untersuchung »Die Gewalt der Ehre« schreibt der Kulturwissenschaftler Werner Schiffauer, das Phänomen Ehrenmord komme besonders häufig dort vor, wo bäuerliche Gesellschaften und fehlende staatliche Strukturen aufeinandertreffen. Wo es an staatlicher Ordnung mangele, werde die Familie zur wichtigsten politischen Einheit und deren Ehre zum wichtigsten Kapital. Die Beseitigung einer »Ehrverletzung« diene oftmals der Absicherung der eigenen Position im sozialen Gefüge.

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Auch Julia Kasselts Untersuchung widerspricht dem Klischee vom muslimischen Ehrenmörder. So finden sich unter den deutschen Tätern neben Muslimen auch Christen, die in Ländern mit entsprechender Kultur groß geworden sind. »Viele Täter sind Einwanderer der ersten Generation. Die Generationen, die schon in Deutschland geboren sind, vertreten diese Ehrkultur meist nicht mehr«, sagt Kasselt.

Und noch einem Vorurteil widerspricht die Wissenschaftlerin. Für eine zweite Studie hat sie im Jahr 2014 untersucht, zu welchen Strafen Ehrenmörder in Deutschland verurteilt werden. Ihr Ergebnis: Einen »Kulturrabatt« für diese Täter gibt es, anders als von manchen Medien behauptet, nicht. Im Gegenteil: Ehrenmörder erhalten im Durchschnitt nicht geringere, sondern deutlich höhere Freiheitsstrafen als etwa Männer, die ihre Partnerin oder Ex-Partnerin umgebracht haben. Dafür, dass solche Behauptungen trotzdem durch die Medien geistern, hat Kasselt eine andere Erklärung: »Letztlich geht es um die Angst vor dem Fremden.« Medien würden auf der Jagd nach hohen Klickzahlen vielfach Vorurteile ihrer Leser bestätigen.

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