Jenseits der Komfortzone

Wussten Sie schon? Morgen ist der »Welttag der Poesie«. Gute Gelegenheit, Uwe Kolbe zu lesen

  • Von Björn Hayer
  • Lesedauer: 5 Min.

Vielleicht war sie noch nie so souverän und strahlkräftig wie heute: die Lyrik. Doch wenn sie sich mitunter formal am ambitioniertesten mit virulenten Mega-Themen wie Klimawandel und Migration auseinandersetzt, führt sie auf paradoxe Weise ein Nischendasein im gesellschaftlichen Leben: Viele Poeten leben trotz ihrer kulturell wertvollen Zeugnisse am Rande des Existenzminimums.

Selbst die Proklamationen eines Kongresses mit namhaften Dichtern, Verlegern und Kritikern im vergangenen Jahr in Frankfurt, die auf ein Mehr an finanzieller, politischer und redaktioneller Unterstützung für Lyriker*innen insistierten, verpufften nahezu vollständig. Woher rührt das von Desinteresse bis Ignoranz reichende Verhalten der Leserschaft und Entscheidungsträger?

Vor allem scheinen noch immer Vorurteile, entstanden etwa durch missglückte Erfahrungen mit Lyrik in der Schule (Königsinterpretation!), die Köpfe zu dominieren. Dass Poesie schwer, rätselhaft, hermetisch sei, hört man allenthalben.

Nun mag dies zwar ohne jeden Zweifel für eine bestimmte Strömung in der Gegenwartsdichtung zutreffen, die sich insbesondere im Dienst diskursanalytischer und ideologiekritischer Sprachkritik sieht, zutreffen. Doch erstens trifft dieses Klischee nicht auf die Mehrheit zu und zweitens darf man zurecht die Gegenfrage stellen: Ist es nicht legitim oder sogar erstrebenswert, wenn Literatur für Überraschung und im besten Fall eine ganz neue Sicht auf die Welt sorgen kann?

Da Gedichte, wenn sie denn gute sind, immer über einen künstlerischen Anspruch verfügen, können sie auf den ersten Blick einem zeitgenössischen Konsumdenken entgegenstehen. Weder Nico Bleutge noch Marion Poschmann oder Nadja Küchenmeister, um nur einige avancierte Stimmen zu nennen, würde man zur leichten Strandlektüre empfehlen. Bei näherer Betrachtung vermögen deren Texte aber auch ein Bedürfnis heutiger Leser besonders zu stillen, nämlich dem nach Kürze, Prägnanz und Konzentration.

Zeit erweist sich in der beschleunigten Moderne als ein hohes Gut. In der Lyrik wird sie verdichtet und - noch wichtiger - zur intensiven, augenblicklichen Erfahrung. Gedichte sprechen an, berühren, verärgern oder euphorisieren. Es geht nicht um richtige oder falsche Interpretationen, sondern um Erweiterung unseres Denkens und unserer Wahrnehmung von Wirklichkeit und Möglichkeit.

Studieren lässt sich dieses Potenzial an dem neuen Band »Imago« des 1957 in Berlin geborenen und heute in Dresden lebenden Autors Uwe Kolbe, einen begnadeten Virtuosen. Neben klassischen Motiven wie Glück, Liebe und Alter ringen seine neuen Gedichte vor allem mit der nicht minder traditionellen Bewegung des Wanderns. Mal reflektiert sein lyrisches Ich, warum es so emphatisch auf Vorgänge der Natur reagiert, mal kommen ihm im Wind die Tränen, die, denkt man beispielsweise an den Umherziehenden aus Wilhelm Müllers romantischem Winterreise-Zyklus, möglicherweise von Heimatverlust und Einsamkeit herrühren. Die Suche reicht dabei längst über jene nach dem Selbst in der (Seelen-)Landschaft hinaus. Denn Kolbes Verse greifen ins Metaphysische aus, indem sie im Rauschen den »uralte[n] Gott« zu erkennen glauben und uns alle als Werk »großer Gärtnerinnen« begreifen.

Die Leistung dieser Miniaturen mag man kaum überschätzen, denn sie zeigen Poesie als Kunst des Machbaren, als Sprache des Tuns - gegen alle Limitierungen der Realität. So besteht die Logik des »Traumland[s]« darin, »feste[n] Grund in dem Himmel« zu sehen. Nicht die Erde, das Sphärische entpuppt sich als das stabile Konstrukt. Warum? Weil dichtende Sprache neue Welten erschaffen kann. Sie macht uns empfänglich für Entlegenes, Fernes und ungekannte Höhen. Dass sich Kolbe dazu nicht einer liederlichen, postmodernen Ironie bedient, die sich eigentlich längst überholt haben sollte, muss man begrüßen. Umso ehrlicher fällt sein begründeter Rat aus: »Hör ich, so viel hohen Ton/ solltest du verweigern, / sag ich, mancher Sängerlohn / fordert, sich zu steigern.« Wer sich heute nach Transzendenz und Tiefe sehnt, wird in »Imago« mehr als fündig. Obgleich manche Texte ein wenig unter Kitschverdacht stehen und beispielsweise platitüdenhaft Selbstvertrauen im Kontrast zu den »Vorschriftenmacher[n]« besingen, beschäftigen sie sich beherzt mit Grundüberlegungen der Conditio Humana. Die Nähe und Leichtigkeit in Kolbes Poesie sind Resultat einer gelungenen Artistik, der man - und darin äußert sich der Coup - kaum anmerkt, welch genaue Arbeit an Wort, Rhythmus und Ton sich dahinter verbirgt.

Wie der Band dokumentiert, ist also Lyrik in besonderem Maße dazu geeignet, Antworten auf die Sinnkrisen unserer Epoche zu geben. Sie besetzt allerdings nicht nur auf inhaltlicher Ebene spirituelle und weltanschauliche Leerstellen. Ihr spezifisches Kapital liegt vielmehr in der Form begründet. Verse als Ausdruck gebundener Sprache geben den oftmals chaotischen und zerstörerischen Umständen unserer Existenz eine Struktur. Dichten heißt, Ordnungen auszuloten und zu finden oder eben dem noch Ungegenständlichen zu adäquaten Bildern zu verhelfen. Dies ist der Moment, in dem Ästhetik in Ethik umschlägt und umgekehrt. Nirgendwo sonst macht sich deren enge Verschwisterung so markant bemerkbar wie in der Dichtung.

Lyrisches Schreiben kommt einer Lebensbewältigung gleich. Unklares wird zum Beispiel sichtbar, Dunkles lichtet sich und was verloren zu gehen droht, erhält sich im Gerüst der Worte. Die Prosa schildert Szenen der Erinnerung und kann uns ermahnen, das Vergangene nicht zu vergessen. Aber Lyrik bewahrt sie als Impres᠆sion, als atmosphärisches Momentum, das sich uns einschreibt. Man denke nur an das Werk des von den Traumata des Holocaust gezeichneten Schriftstellers Paul Celan. Ohne seine bildgewaltigen, melancholischen, von Dissonanzen und Schräglagen durchdrungenen Annäherungen an Flucht, Vertreibung und Auslöschung würden die Schrecken des 20. Jahrhunderts bloße Daten bleiben. Geben sie vom Tod von Millionen Kunde, halten sie deren Stimmen wach. Selbst in der Agonie dieser Lyrik offenbart sich das Bekenntnis zum Leben.

Nein, als einfach sollte man Dichtung nicht bezeichnen. Aber dem Bequemen entspricht eben auch die Welt mit all ihren Ambivalenzen und Widersprüchen nicht. Auf sie reagiert die Lyrik häufig mit maximaler Offenheit. Sie wirft uns nicht selten ins Bodenlose, lässt uns schweben und bisweilen straucheln. Doch erst ihre Zentrifugalkräfte halten uns dazu an, die Komfortzone fixer Standpunkte zu verlassen. Und ist das nicht der Beginn von Freiheit?

Uwe Kolbe: Imago. S. Fischer. 110 S., geb., 21 €.

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