Drehscheibe des Virus

Ecuador fungiert als das Italien Lateinamerikas

  • Von Knut Henkel
  • Lesedauer: 3 Min.

3300 Militärs und Polizisten sind derzeit in und um Ecuadors Hafenstadt Guayaquil im Einsatz, um die Vorgaben der Zentralregierung in Quito durchzusetzen: Ausgangssperre ab 16 Uhr und der sanitäre Notzustand in der Provinz Guayas. Die gilt als ökonomische Drehscheibe - allein in der Guayaquil gab es am Mittwoch knapp 600 Infektionsfälle, in der Provinz 859. Landesweit waren am Mittwoch 1173 Infektionsfälle registriert.

»Bisher konzentriert sich die Pandemie auf eine relativ kleine Region Ecuadors und nun tut die Regierung alles, um die Ausweitung zu unterbinden«, erklärt der Gesundheitsexperte Juan Cuvi. Für den Direktor der Gesundheitsorganisation Donum sind die Maßnahmen alternativlos; er kritisiert die Uneinsichtigkeit der örtlichen Verantwortlichen: »Sie haben den Weisungen der Zentralregierung in Quito nur zögerlich Folge geleistet. In Guayaquil gingen noch Flugzeuge raus, als das offiziell längst verboten war. Es gibt einen traditionellen Zwist zwischen Küste und Hochland«, sagt Cuvi.

Er weißt zudem darauf hin, dass die Bürgermeisterin Cynthia Viteri Jiménez dem Druck der einflussreichen Unternehmer der Region nachgab. »Das ist ein zentraler Grund, weshalb Guayaquil zur Drehscheibe des Corona-Virus mutiert ist«, kritisiert Cuvi. Das Gesundheitssystem der Millionenstadt steht kurz vor dem Kollaps steht. Nur 1183 Betten für Intensivmedizin hat Ecuador offiziellen Zahlen zufolge landesweit. »Das ist eine Parallele zu vielen Ländern in der Nachbarschaft, aber auch zu Italien und Spanien. Wir sind nicht vorbereitet, sind durch Korruption im Gesundheitssystem gebeutelt und durch einen falschen Ansatz«, so Cuvi. Prävention und die flächendeckende Versorgung seien zugunsten eines kurativen Ansatzes und der fortschreitenden Privatisierung von Gesundheitseinrichtungen zurückgedrängt worden, kritisiert auch Alberto Acosta, Ökonom und Kritiker des neoliberalen Kurswechsels der Regierung von Präsident Lenín Moreno. Mit 1,4 Krankenhausbetten pro 1000 Einwohner liegt Ecuador unter der Empfehlung der Weltgesundheitsbehörde, auch bei den Ärzten pro Tausend Einwohner rangiert das Land nur knapp über dem WHO-Mindeststandard.

Unter Moreno, seit Mai 2017 im Amt, wurden die Ausgaben drastisch gekürzt. Ein Grund dafür sind die Vorgaben vom Internationalen Währungsfonds (IWF) den öffentlichen Sektor personell auszudünnen. Da blieb auch das Gesundheitssystem nicht verschont. Das und eine wenig kohärente Gesundheitspolitik in der Vergangenheit rächen sich nun. Zu den Notmaßnahmen der Regierung gehören auch die Erweiterung der Klinikkapazitäten in Guayaquil und der Bau neuer Einrichtungen. »Das können wir aber wie in China nicht in 10 Tagen realisieren - es ist ein Wettlauf mit der Zeit«, so Cuvi. Derzeit gilt es zu verhindern, dass der Virus sich von Guayaquil aus in die Nachbarprovinzen vorarbeitet.

Die heißen Los Ríos, Manabi und Santa Elena und sind eng vernetzt mit dem Hafen von Guayaquil, wo das Gros der Bananen- und Kakaoernte aus diesen Provinzen umgeschlagen wird. Gegen die Uneinsichtigkeit regionaler Wirtschaftsunternehmen lässt Präsident Moreno die Armee aufmarschieren. Die hat in Guayaquil alle Hände voll zu tun, um Zusammenkünfte von Gruppen von mehr als zehn Menschen an Stränden und Plätzen in der Sonne aufzulösen und lokale Märkte zu kontrollieren. Dort stehen die Menschen Schlange - ohne den nötigen Sicherheitsabstand. »In Guayaquil arbeiten mindestens 50 Prozent der Bevölkerung im informellen Sektor. Leben von der Hand in den Mund, ihre Existenzgrundlage steht auf dem Spiel. Nicht alle Maßnahmen treffen daher auf Verständnis«, erklärt Cuvi.

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