Who dunnit?

Editorial der Leseprobenbeilage »TatPolortzeiRufSoKo 110«

  • Von Mario Pschera
  • Lesedauer: 3 Min.

Falls Sie von der Langeweile geplagt werden, machen Sie doch einfach ein kleines Experiment: Schauen Sie an einem beliebigen Freitagabend ab 20.15 Uhr drei, vier, fünf Krimis hintereinander an und notieren Sie dann, welcher Mörder noch mal der Gärtner war. Es wird lustig.

Wer war’s? Würde sich die Kriminalliteratur auf diese Frage reduzieren, wäre das Genre schon längst so tot wie die Leiche, deretwegen die Frage überhaupt gestellt werden kann. Oder wie die Bildtafeln der Moritatensänger, die einst auf den Märkten dem geneigten Publikum schaurige Mären von schlimmen Verbrechen kundtaten. Edgar Allan Poe und Arthur Conan Doyle brachten die Lust am Kombinieren ins Metier, Agatha Christie das Sublime, das gleichzeitig ein ironisches Lächeln über Borniertheiten war. Dreckig und düster wurde es ab den 1930er Jahren, als Autoren wie Dashiel Hammett den Privatdetektiv als düsteren Antihelden etablierten, der sich gleichermaßen gegen Verbrechen und staatliche Autoritäten behaupten muss und sich nicht für das Gute, sondern seine Büromiete in tödliche Gefahren begibt.

Bertolt Brecht war nicht nur Krimifan, sondern hat sich beim »Dreigroschenroman« und den »Geschäften des Herrn Julius Caesar« ordentlich bei den Kollegen bedient. Stanislaw Lem, Philosoph und Schöpfer utopischer und dystopischer Figuren, Religionen und Paradigmen - die er gleichzeitig dekonstruierte -, hat mit »Der Schnupfen« 1976 einen Kriminalplot als Tat ohne Täter geschrieben, der Verschwörungstheoretikern ein Graus sein dürfte. Philip K. Dick beschreibt 1956 in »The Minority Report« ein Amerika, in dem künftige Verbrechen schon im Vorfeld durch Festsetzung oder Eliminierung des Täters in spe verhindert werden sollen.

Waren es bei Dick noch sensitive Fähigkeiten Einzelner, arbeiten heute forensische Informatiker seit Jahren an Verbrechensvorhersagen durch Auswertung von Big Data und Wahrscheinlichkeitsmodellen, an einem »Pre-Policing«. Es ist wenig überraschend, dass in den USA die prognostizierten Täter in der Regel schwarz sind und aus den unteren sozialen Schichten kommen. Das ist alles gar nicht so weit weg von unseren Verhältnissen, wenn »kriminalitätsbelastete Orte« stigmatisiert, »Racial Profiles« erstellt werden und Tracking als die Wunderwaffe der Stunde ausgerufen wird. Politische Aktivisten können ein Lied von der »Kontaktschuld« singen. Das dahinterliegende Denkmuster beschrieb Heinrich Böll 1974 in »Die verlorene Ehre der Katharina Blum«. Der gut geschriebene Krimi ist immer auch ein Seismograf gesellschaftlicher Stimmungen, im besten Falle ein Motor für Erkenntnis und Bewusstseinsbildung.

Die Graphic Novel, die diese Beilage illustriert, stammt von Posy Simmonds, die ich sehr schätze. Nicht nur, weil sie als Cartoonistin des »Guardian« quasi eine Kollegin ist, sondern weil sie als genaue Beobachterin die britische Klassengesellschaft in ihren Absurditäten trefflich widerspiegelt. Ganz in der dezenten und detailverliebten Art der BBC-Verfilmungen der Miss Marple- und Hercule-Poirot-Storys ab den 1980er Jahren. Aber das ist schon wieder eine andere Kriminalgeschichte.

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