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»Mit Neopren wäre es ja zu einfach«

Teil 2 der nd-Serie: Die Leipzigerin Alisa Fatum schwimmt schneller im Eis als der Rest der Welt

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 5 Min.

Wie kommt man dazu, bei Eiseskälte schwimmen zu gehen?

Ich bin seit mehr als 15 Jahren Beckenschwimmerin und hab irgendwann die Liebe für längere Strecken entdeckt. Also ging ich ins Freiwasser. Dafür trainiere ich im Kulkwitzer See in Leipzig. Im Herbst 2018 hab ich einfach weitergemacht und erfahren, dass es in der kalten Jahreszeit auch Wettkämpfe im Eisschwimmen gibt. Also konnte ich das ganze Jahr über im See trainieren. So bin ich irgendwie in die Sache reingeschlittert.

Was waren Ihre größten Erfolge?

Im Eisschwimmen bin ich im Januar 2019 in Veitsbronn Weltrekord über 1000 Meter Freistil geschwommen und drei Monate später wurde ich über die selbe Distanz auch Weltmeisterin in Murmansk. Ich hab dort mit der 4x250-Meter-Staffel ebenfalls Gold gewonnen. Vor einem halben Jahr bin ich in Slowenien auch im Winterschwimmen Weltmeisterin geworden. Da bin ich gleichzeitig noch ein paar Weltrekorde geschwommen.

Moment mal, Sie sagten doch gerade, Sie hätten erst im Herbst 2018 angefangen.

Sie haben sich nicht verhört. Den Weltrekord hab ich in meinem ersten Rennen aufgestellt.

Sind Sie die einzige Deutsche, die das auf Leistungssportniveau betreibt?

Nein, ich bin nicht die einzige, die so was Verrücktes macht. Die WM-Staffel bin ich aber mit drei Männern geschwommen. Da muss von jedem Geschlecht mindestens einer dabei sein.

Wie sieht so ein Becken aus?

In Murmansk haben Helfer ein 25-Meter-Becken ins Eis gehauen. Wir haben keine Startblöcke, ein Startsprung wäre bei den Temperaturen fatal. Alle steigen gleichzeitig über Leitern ein und haben wie im Becken ihre durch Leinen abgetrennte Bahn. Von der Leiter aus wird dann auf Kommando gestartet.

Kann man in Deutschland Eisschwimmen trainieren? Die Seen frieren nur selten zu.

Ein See muss nicht zugefroren sein. Prinzipiell kann man das überall machen, so lange die Wassertemperatur unter fünf Grad liegt. In Veitsbronn bin ich in einem Edelstahlbecken geschwommen, das nach eisigen Nächten die Kälte speichert. Das Wasser hatte damals nur 1,2 Grad. Das war schon richtig frisch.

Dürfen Sie im Neoprenanzug ins Wasser?

Na das wäre dann ja zu einfach. Wir tragen ganz normale Badebekleidung.

Ist ihnen jetzt im Sommer der Kulkwitzer See zu warm?

Nein, ich genieße das auch. Bei wärmeren Temperaturen kann ich mal längere Strecken schwimmen. Im Eis schafft man kaum mehr als die 1000 Meter.

Auch Sie frieren also irgendwann?

Ja, mir wird auch kalt. Ich bereite mich aber mental und körperlich darauf vor und trainiere das vor einem Wettkampf regelmäßig. Ich weiß, was auf mich zukommt. Wenn ich die 1000 Meter im Training schaffe, ist klar, dass es auch im Wettkampf klappt. Aber ich friere genauso wie alle anderen.

Muss man sich eine Fettschicht zulegen?

Einige futtern sich was an. Das nennen wir dann Biopren statt Neopren. Ich mache das aber nicht. Mir reicht der Tee, der mich danach von innen wieder aufwärmt.

Es heißt, schon eine kalte Dusche härtet ab. Können Sie das bestätigen?

Ich war auch vorher selten krank. Aber die letzten zwei Jahre habe ich mich tatsächlich nicht erkältet. Wir Eisschwimmer wissen aber auch, worauf es ankommt. Uns sieht man nie ohne Mütze mit nassen Haaren draußen. Wenn wir aus dem Wasser kommen, ziehen wir uns sofort warm an.

Wie finanzieren Sie ihr Hobby?

Ich studiere derzeit und mache meinen Master der Sportwissenschaft im Bereich Prävention und Rehabilitation. Nebenbei arbeite ich aber noch zwei Tage die Woche als Physiotherapeutin. Davon bezahle ich manche Reisen, die Eltern unterstützen mich aber auch sehr. Mein Verein SSV Leutzsch bezahlt zudem die Startgelder, und seit den WM-Siegen habe ich auch zwei Sponsoren, die mir die Materialien und Hotels in Trainingslagern zur Verfügung stellen. Das hat vieles einfacher gemacht.

Sind denn auch Eisschwimm-Wettkämpfe in der Coronakrise gefährdet?

Ja, die nächste WM sollte eigentlich Anfang 2021 in Katowice in Polen stattfinden. Da wäre die Anreise diesmal nicht so weit gewesen. Aber sie wurde letzte Woche abgesagt und auf 2022 verschoben.

Aber zumindest ihr Training mussten Sie nicht unterbrechen?

Leider doch. Ich gehe fünfmal die Woche ins Becken, weil ich dort besser meine Schnelligkeit trainieren kann, das ist grundlegend. Da schwimme ich auch in einer Gruppe, die mich extrem fordert. Im See ist nur meine Mutti dabei. Als wir ein paar Monate lang nicht in die Halle durften, war das schon einschneidend. Ich hab versucht, dann jeden Tag im See zu schwimmen, aber das war ein deutlicher Unterschied. Zum Glück konnten wir jetzt wieder ins Becken zurück.

Die Mama schwimmt auch mit?

Ja, sie hat das schon als Kind getan, dann aber berufsbedingt aufgehört. Sie hat jetzt zum Schwimmen zurückgefunden, als sie es kaum ertragen konnte, dass ich immer alleine im kalten Wasser schwimme. Jetzt schwimmt sie sogar selbst Wettkämpfe, auch im Eisschwimmen.

Dann bleiben bald WM-Gold und -Silber in der Familie? Kann Sie sie sogar schlagen?

Ich glaube, das ist im Moment noch unrealistisch, aber damit könnte ich eher leben als wenn es jemand anderes wäre.

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