Mit Mundschutz und Magengrummeln

Die Touristenmetropole Barcelona versucht, sich in der Coronakrise neu zu erfinden

  • Von Julia Macher, Barcelona
  • Lesedauer: 7 Min.

Am Donnerstagabend befindet sich die Stadt für Martí Cusó im perfekten Gleichgewicht. Die Abendsonne lässt den Springbrunnen auf der Plaça Reial nahe der Rambles glitzern. Eine Puppenspielerin hat ein Theater aufgebaut. In den Straßencafés um den arkadengesäumten Platz haben sich ein paar Anwohner*innen zum Aperitif niedergelassen. Ein bisschen Kleinkunst, ein bisschen Kommerz, alles in schönster Balance. Keine mit Regenschirm bewaffneten Tourguides, die Kreuzfahrtschiff-Passagiere über den Platz scheuchen, keine Junggesell*innen, die sich mit mitgebrachtem Flachmann in Partylaune versetzen. »So wie jetzt sollte es hier immer sein«, sagt der Umwelterzieher und zupft den Mundschutz zurecht.

Seit sieben Wochen, seit in Spanien die strenge Ausgangssperre gelockert wurde und Barcelona Schritt für Schritt wieder den Normalzustand probt, trifft sich Cusó mit Anwohner*innen und Nachbar*innen auf dem Platz, der in Reiseführern normalerweise als »der schönste der Stadt« beworben wird. Mal stellen sie Bänke und Tische auf, um gemeinsam zu Abend zu essen. Mal baden Kinder im Brunnen. Mal gibt es, so wie heute, Puppentheater. Es ist ein Versuch, sich langfristig den öffentlichen Raum wieder anzueignen, nach dem er, so sagt Cusó, »jahrelang von der Privatwirtschaft ausgebeutet wurde«. Ermöglicht hat den Versuch die Pandemie.

Wenn es eine Stadt in Spanien gibt, an der sich die Licht- und Schattenseiten der Covidkrise besonders gut ablesen lassen, dann ist das Barcelona. Seit Jahren klagen Anwohner*innen über die Folgen des Overtourism, der touristischen Ausbeutung der Stadt: Über 800 Kreuzfahrtschiffe jährlich verpesten die Luft. Reisegruppen verstopfen die Straßen. Legale und illegale Ferienappartements treiben die Preise in die Höhe. In den vergangenen 20 Jahren haben sich die Mieten in der Altstadt verdreifacht. Seit Jahren versucht die linksalternative Stadtregierung, gegen diese Probleme anzukämpfen. Jetzt hat die Pandemie sie hinweggefegt. Zwar sind die Grenzen seit Ende Juni wieder geöffnet, doch die Tourist*innen kommen einfach nicht. Und Cusó ist glücklich darüber.

Zugleich ist die Mittelmeermetropole von der Krise aber besonders gebeutelt. Zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung und 90 000 Jobs hängen am Tourismus. Allein im Altstadtdistrikt ist die Arbeitslosigkeit um 56 Prozent gestiegen. Und nun droht auch schon die nächste Gesundheitskrise: In Barcelona haben sich die Fallzahlen innerhalb einer Woche verdreifacht, über 1800 Fälle gibt es derzeit.

Das Früherkennungssystem ist gescheitert: Die katalanische Regionalregierung hatte ohne Ausschreibung zunächst eine Privatfirma mit der Verfolgung der Kontaktpersonen von Infizierten beauftragt, nach Protesten den Vertrag wieder aufgelöst, aber viel zu wenig Personal eingestellt. Lediglich 200 Personen haben die Daten von Freund*innen und Bekannten Neuinfizierter erfasst und abtelefoniert, zu Tests einbestellt und Quarantäne verordnet: 200 Personen für eine Gesamtbevölkerung von 7,5 Millionen Menschen. Das ist - legt man die in Deutschland gültige Relation von 20 »Trackern« pro 100 000 Einwohnern zugrunde - etwa 15 Prozent des Bedarfs. Zwar hat die Regionalregierung inzwischen angekündigt, 500 weitere »rastreadores« einzustellen. Aber die Infektionsherde lassen sich nicht mehr isolieren.

Um eine zweite Welle zu verhindern, gilt daher - wie in fast allen Regionen Spaniens - eine absolute Maskenpflicht, auch draußen, auch wenn man niemandem näher als zwei Meter kommt. Inzwischen hat die Regionalregierung die Maßnahmen verschärft, Versammlungen von über zehn Menschen sind verboten, die Bewohnerinnen und Bewohner sollen, soweit möglich, Zuhause bleiben.

Nur mit Mund-Nasen-Schutz vor die Tür: Das mag anderswo für erhitzte Debatten sorgen, in Barcelona nimmt man es gelassen hin. Fast jede*r trägt Maske. Die Bürgerhelfer*innen, die an diesem Sommertag in orangefarbener Schutzweste am Stadtstrand entlang spazieren und über die Einhaltung der Anweisungen wachen sollen, müssen kaum eingreifen. »Wenn man das tun muss, dann tue ich das eben«, sagt Amaia, eine junge Frau Anfang 30, die den pinken Mundschutz farblich auf die Sommershorts abgestimmt hat. Ihre Begleiterin mit Piratenkopfmundschutz nickt und ergänzt: »Hauptsache, es wird nicht mehr so schlimm wie im Frühjahr, als man in der Stadt außer Vogelzwitschern nur Sirenen hörte.« Über 12 600 Menschen starben in Katalonien bisher an Covid-19. Für viele ist es unmöglich, die Bilder von den auch in Barcelona kurz vor dem Kollaps stehenden Intensivstationen, den dramatischen Zuständen in den Altersheimen zu vergessen.

Die Bilder aus dem Frühjahr schieben sich auch an diesem Sommertag immer wieder dazwischen. In der Erinnerung - und ganz real, ins Straßenbild. Während an der Barceloneta Kinder im Wasser toben, sich andere träge in der Sonne räkeln, schieben oben, auf der Strandpromenade vier Pfleger*innen ein Krankenbett bis zur Brüstung. Der Patient, ein ergrauter älterer Mann, lag mehrere Wochen in der Intensivstation im Hospital del Mar. Jetzt sieht er zum ersten Mal wieder die Sonne und das Meer. Es ist ein Ritual, mit dem im Krankenhaus an der Promenade die Genesung der besonders schweren Fälle gefeiert wird. Den Angehörigen um ihn herum stehen die Tränen in den Augen, einem Pfleger auch. Die beiden Skater, die die Promenade entlang cruisen, machen einen respektvollen Bogen um die Szene.

Natürlich gibt es auch in Barcelona Kritik an der Maskenpflicht. Hoteliers haben sie als »geschäftsschädigend« bezeichnet. Zu ihnen gehört auch José Maria Trenor. Der Hotelier, der auf Fotos gern in Polohemd und jung-dynamisch mit übereinander geschlagenen Beinen posiert, ist Inhaber des Luxushotels Cotton House und Generaldirektor von Praktik Hotels, einer Kette kleiner Stadthotels. Während der ersten Corona-Welle hat Trenor sein Fünf-Sterne-Haus als Erholungszentrum für aus dem Krankenhaus entlassene Covid-19-Patienten zur Verfügung gestellt. Seitdem gilt er als Menschenfreund und »solidarischer Unternehmer«. Doch jetzt ist er vergrätzt. »Bis zur Maskenpflicht liefen die Buchungen besser als gedacht. Aber nun stornieren die Kunden, wir müssen vielleicht wieder ein Haus schließen und die Mitarbeiter erneut in Kurzarbeit schicken.« Ein Ärgernis, findet Trenor. Gerade jetzt, als die Dinge endlich wieder normal zu werden schienen.

Martí Cusó, der 30-jährige Aktivist aus dem Nachbarschaftsverein in der Altstadt, lacht über solche Sorgen kurz und hart auf. Für ihn ist Barcelonas Abhängigkeit vom Tourismus das Grundübel der Stadt. Die Krise zeige nun, welche fatalen Folgen diese »Monokultur« habe: Die Kellner*innen in den Restaurants und »Zimmermädchen« in den Hotels verloren von einem Tag auf den anderen den Job. Den Souvenirshops fehlten die Kunden. Und die Anwohner*innen vermissten mehr denn je eine vernünftige Infrastruktur aus Lebensmittelläden und Handwerksbetrieben. »Tourismus ist nur dann ein lohnendes Geschäft, wenn die Arbeitsbedingungen prekär sind«, sagt Cusó. »Wir brauchen einfach ein anderes Wirtschaftsmodell.« Wenn man das jetzt nicht ändere, sei man dazu verdammt, in ein paar Jahren erneut vor Ruinen zu stehen, durch eine weitere Pandemie oder die Klimakatastrophe.

Auf der Plaça Reial hängen drei seiner Mitstreiter*innen Fotos an eine quer über den Platz gespannte Leine. Sie zeigen die vergangenen Aktionen des Nachbarschaftsvereins, Kinder, die Hüpfspiele auf Straßenkreuzungen malen, Anwohner*innen, die Brachen in Gemüsegärten verwandeln, Momentaufnahmen von der Stadt, die Martí Cusó sich wünscht. Ein französisch sprechendes Paar flaniert vorbei, betrachtet einen Moment die Ausstellung und setzt sich dann doch lieber vor den Springbrunnen, fürs Selfie.

Bietet die Krise tatsächlich eine Chance? Für einen Umbau des Systems außerhalb der Institutionen? Cusó wiegt nachdenklich den Kopf. Die Einschränkung des Massentourismus steht seit Jahren auf der Agenda der linksalternativen Stadtverwaltung der Bürgermeisterin Ada Colau. Mit einem Stopp der Lizenzvergabe für Hotels und Pensionen in der Innenstadt hat sie versucht, das Problem anzugehen. Mit mäßigem Erfolg. Zwölf Millionen Touristen besuchten die Mittelmeermetropole im vergangenen Jahr. Das ist immer noch viel zu viel. Funktionieren wird der Systemwandel nur mit radikalem Rückbau, glaubt Cusó. Die Coronakrise hat zumindest dazu geführt, dass sich in der ganzen Stadt Basiskollektive zusammengeschlossen haben, um eine gemeinsame Agenda für ein anderes Wirtschaftsmodell zu entwickeln - mit garantiertem Grundeinkommen, einem funktionierenden Mietendeckel, vernünftigem Arbeitsschutz. Zu den Initiator*innen gehören auch Gruppen, die besonders unter dem Tourismus-Modell leiden: Die Kellys, die Basisgewerkschaft der Hotel-Reinigungskräfte etwa oder AGUICAT, der Verein der staatlich geprüften Fremdenführer*innen.

Er fordert seit langem das Verbot der sogenannten »Free Tours«, bei denen die Guides nur ein Trinkgeld erhalten und eine gesetzliche Beschränkung von Gruppengrößen. »Es geht nicht darum, das Reisen zu verbieten«, sagt Cusó, »Aber wir müssen den Tourismus so gestalten, dass er verträglich für uns Anwohner ist.« So einen Satz würde auch der oberste Tourismus-Beauftragte der Stadt unterschreiben, vermutlich fände er auch im Hotelgremium Befürworter*innen. Aber umgesetzt werden, kann er nur von unten, sagt Cusó. »Andernfalls bleibt er eine Utopie.«

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