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Vernunft-Diktatur

Leo Fischer erklärt die neuen Corona-Verordnungen der Bundesregierung

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Fallzahlen steigen wieder, Gott sei’s geklagt! Besinnungslos Feierwütige und hoffnungslos Unvorsichtige, die zum Beispiel die Schulpflicht wieder wahrnehmen, haben wieder für Neuinfektionen gesorgt, wie wir sie zuletzt im Mai hatten - im Mai 1349, dem Zeitalter des Schwarzen Tods. Denn einerseits sind natürlich alle tief besorgt, andererseits will gleichzeitig niemand auch nur ein Iota an seinem gewohnten Lebensstil ändern. Um diesem Umstand sowie der Armee der Clowns Rechnung zu tragen, die in diesen Tagen auf Geheiß eines porschefahrenden Kochs und eines frömmelnden Schnulzensängers durch Berlin kaspern, haben am Donnerstag Kanzlerin und Länderchefs über neue Corona-Regeln beraten.

Und Potzblitz: Die haben es sich in sich, diese neuen Regeln! Veranstaltungen mit über 100 000 Personen bleiben verboten, private Feiern mit mehr als 50 000 Personen ebenfalls. Pech für die Gastro-Branche: In Restaurants und Kneipen muss weiterhin ein Mindestabstand von anderthalb Zentimetern herrschen. In Innenräumen, die nicht belüftet werden können, wie etwa Bunkern oder Kühlschränken, gilt eine strenge Maskenpflicht, die jetzt in Extremfällen sogar mit einem Bußgeld von bis zu 5 Euro durchgesetzt werden kann. (Große Ausnahme ist hier das Bundesland Sachsen-Anhalt; Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) möchte damit gegen die »korrupte CDU-Corona-Diktatur des Satanisten-Reptils Merkel« protestieren.)

Auch andere Auflagen werden verstärkt: Reiserückkehrer aus Landstrichen, die aus Extremrisiko-Gebieten stammen, sollen ihre Personalien freiwillig in eine Excel-Tabelle schreiben, die eine einzelne Mitarbeiterin im Büro von Markus Söder auswertet. Auf Partys sollen aus Gründen des Jugendschutzes alkoholhaltige Mischgetränke an Minderjährige nur mehr bis zwei Uhr nachts ausgeschenkt werden - »mehr passt in so Halbstarke auch gar nicht rein«, so Söder feixend. Opern dürfen nur mehr zu einer Maximallänge von zweieinhalb Stunden auf die Bühnen, danach ist für jede Arie ein Bußgeld von 50 Euro fällig.

In zuletzt stark kritisierten Betrieben wie dem Schweineschlachter Tönnies müssen die als Werkswohnungen deklarierten Menschensilos mit gut sichtbaren Warn-Banderolen von der Außenwelt abgeschirmt werden. In anderen Betrieben, etwa der Logistikbranche, ist weiter Kurzarbeit angesagt; sollten sich in den Gängen die Leichen von Mitarbeitenden in Höhe von mehr als 50 Zentimetern stapeln, verlangt eine neue Verordnung kontinuierliches Lüften.

Diese drakonischen Maßnahmen sind für Corona-Leugner bzw. Menschen, die sich für die Rechte von Verschwörungs-Demos einsetzen (Bild, FAZ, SZ usf.), Kennzeichen einer heraufdämmernden Diktatur; sie dürften demnach bald wieder gelockert oder mit einem anderen, gleichermaßen sinnlosen Maßnahmenkatalog ersetzt werden. Auf keinen Fall, so Merkel und die Ministerpräsidentenrunde einhellig, dürfe am derzeitigen Wirtschafts- und Beschäftigungssystem irgendwas geändert werden. »Die Leute haben ja schon vorher gearbeitet bis zum Umfallen«, so ein Teilnehmer, »wenn sie wegen Corona umfallen, haben sie dabei wenigstens was für den Standort getan«.

Die »Stimme der Vernunft« plädiert dafür, diesen Rhythmus aus Lockerungen und Neuverkrampfungen noch einige Jahre durchzuhalten. Er wird die Leute bis zur Entwicklung eines Impfstoffs auf Trab halten, die Wirtschaft ankurbeln und eine wahrscheinlich insgesamt noch gut verkraftbare Anzahl von Betroffenen einen elendigen Tod oder Spätfolgen leiden lassen - deren Ent- bzw. Versorgung ja auch wiederum der Wirtschaft nutzt. Denn die Wirtschaft, die muss laufen! Bis zum letzten röchelnden Atemzug.

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