Sportler rebellieren in Belarus

Spitzenathleten, sonst eine Stütze des Regimes, wenden sich vom System Lukaschenka ab

  • Von Ingo Petz
  • Lesedauer: 4 Min.

»Bin ich es wert, die Ehre des Landes zu verteidigen, wenn ich meine eigene nicht verteidigen kann?« Diese Frage stellte Aljaksandra Herassimenja in einem kurzen Video, das zu einer Solidäritätsaktion von vielen bekannten belarussischen Sportlern und Sportlerinnen gehört. Wie die hochdekorierte Schwimmerin sprechen sich alle gegen die exzessive Gewalt und brutalen Repressionen aus, mit denen das Regime des Autokraten Aljaksandr Lukaschenka seit Wochen gegen friedliche Demonstranten vorgeht. Zudem versuchen sie Sportlerkollegen, die noch zweifeln, zu motivieren, sich ihnen anzuschließen.

In einem aktuellen Bericht haben die Vereinten Nationen 450 Fälle von Folter, Misshandlung und Vergewaltigung in Belarus dokumentiert. Kein Wunder also, dass viele Sportler und Funktionäre dem Regime in den vergangenen Wochen ihre Loyalität aufgekündigt haben. Zu den Kritikern gehören beispielsweise Freestyle-Olympiasiegerin Anna Guskowa, Wassily Khomutowski, ehemaliger Torhüter der Fußballnationalelf und jetziger Torwarttrainer von Dinamo Brest, Stefan Popow, Welt- und Europameister im Sambo, Basketballer Jegor Mescherjakow, die viermalige Biathlon-Olympiasiegerin Darja Domratschawa oder Elwira German, eine der besten Hürdenläuferinnen Europas. Der Generaldirektor des Fußallrekordmeisters BATE Baryssau, Michail Zalewsky, warf erst demonstrativ seine Militäruniform in den Mülleimer - und kündigte dann. Nationalspieler Ilja Schurin verkündete, er werde nicht mehr in der Nationalmannschaft spielen, solange Lukaschenka im Amt sei. Der 21-Jährige steht bei ZSKA Moskau unter Vertrag und ist eines der größten Talente des Landes.

Zahlreiche Sportler wurden zuvor selbst verhaftet oder Opfer der Gewalt. Wie die beiden Fußballer Pawel Rassolko und Sergej Kazeka, die für den Zweitligisten Krumkachy spielen. Aus Solidarität trugen ihre Mitspieler in dieser Woche beim Pokalspiel gegen Dinamo Minsk T-Shirts mit der Aufschrift »Wir sind gegen Gewalt«. Und kurz vor dem Anpfiff applaudierten alle Spieler zwei Minuten lang - als Zeichen der Unterstützung. Der Verein Krumkachy ist als Privatinitiative allerdings eine der wenigen Ausnahmeerscheinungen im belarussischen Fußball, der größtenteils durch staatliche Betriebe und damit aus dem Staatshaushalt finanziert wird. Wie fast der gesamte Spitzensport. Entsprechend ist bei den Sportlern die Angst groß, finanzielle Unterstützung oder die Anstellung zu verlieren. Denn der Staat ist nicht zimperlich. Abtrünnige werden zu Gesprächen bestellt, um sie mürbe zu machen. Schließlich hat der Sport, insbesondere Leichtathletik und Eishockey, schon immer eine große Rolle für die Propaganda des Regimes gespielt.

Lukaschenka selbst präsentiert sich gern als passionierter Eishockeyspieler. 2014 fand die WM in Belarus statt. Aus diesem Anlass wurden die Städte Babrujsk und Zhlobin mit neuen Arenen ausgestattet. Dass die Leichtathletik eine wichtige Rolle spielt, konnte man zuletzt bei den Europaspielen sehen, die 2019 mit großem Pomp in Minsk aufgezogen wurden. Dem Fußball kommt dagegen eine untergeordnete Rolle zu. Lukaschenka ist kein großer Fan. Dieses Feld überlässt der Autokrat anderen im Dunstkreis seines Regimes, etwa dem Geschäftsmann Aljaksandr Zajcew. Ihm gehört der Verein Dinamo Brest, der 2018 Diego Maradona als Aushängeschild angeworben hatte. Heute ist der Argentinier dort zumindest noch formell Präsident.

Auch bei der Großdemonstration am vergangenen Sonntag in Minsk, an der rund 200 000 Menschen teilgenommen hatten, zeigten sich bekannte Sportler in einem Block mit einem großen Banner: »Wir sind mit dem Volk.« In dieser Woche wurde die Gründung einer unabhängigen Sportlervereinigung verkündet. Zudem hat Aljaksandr Apeikin einen Solidaritätsfonds ins Leben gerufen. Der Manager des Minsker Handballvereins Witjaz hatte bereits in der ersten Woche nach dem Tag der sogenannten Präsidentschaftswahl einen Unterstützerbrief initiiert, den mehr als 450 namhafte Personen aus dem Sport unterzeichnet haben. Der Brief enthält zahlreiche Forderungen, beispielsweise: ein Ende der Gewalt, Freilassung aller politischen Häftlinge oder Neuwahlen. Apeikin hat mittlerweile das Land aus Sicherheitsgründen verlassen. »Sportler sind sehr wichtig für die Staatsideologie, aber auch für die freie Gesellschaft«, sagte er. »Deswegen stehen sie unter besonderer Kontrolle von Lukaschenka. Er weiß, wie viel die Sportler für die Meinung der Öffentlichkeit bedeuten.« Man wolle eine alternative Struktur für Sportler schaffen, damit sie unabhängiger agieren könnten. Er hoffe dabei auch auf internationale Hilfe.

Ob sich das Internationale Olympische Komitee oder andere große Vereinigungen solidarisch zeigen, darf aber bezweifelt werden. Schließlich zieht man sich dort gerne auf den Leitsatz zurück, dass Politik nichts im Sport verloren habe. Übrigens ein Leitsatz, der in diesen Tagen auch von Seiten der offiziellen Verbände in Belarus missbraucht wird. So wie beim nationalen Fußballverband: »Der ABFF macht darauf aufmerksam, dass Fußball als olympischer Sport in politischen, religiösen, ethnischen, rassischen und anderen Fragen neutral bleiben muss.« Allerdings ist der ABFF anscheinend selbst alles andere als eine politisch neutrale Organisation. Nur wenige Tage vor der sogenannten Präsidentschaftswahl hatte der Verband Teile einer Propagandarede Lukaschenkas auf seiner Internetseite veröffentlicht.

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