Mit Herz, Kreuz und Anker

Franz Bischof und Jan Kuchenbecker porträtierten in einem Bildband (fast) alle Ostseefischer zwischen Flensburg und Ueckermünde

  • Von Silvia Ottow
  • Lesedauer: 5 Min.

Fischen ist ein bisschen wie Lotterie, sagt der Sassnitzer Fischer Eric Hagspiel. Man kämpfe, gebe sein Bestes, wisse aber bis zum Schluss nie, wie viel Fisch man mit nach Hause bringe. Laufe man dann aber mit einem guten Hol Hering in den Hafen ein, und der Kutter liege tief und schwer beladen im Wasser, dann sei das pure Glückseligkeit. Einmal, so erzählt er weiter, sei seiner Crew auf der Nordsee ein riesengroßer Heilbutt ins Netz gegangen. Der passte nicht durch die Fischluke, und im Hafen brauchte es vier starke Männer, um das zwei Meter lange und eineinhalb Meter breite Tier von Deck zu hieven. Anglerlatein? Der junge Hagspiel sieht nicht aus, als pflegte er diese kauzige Angewohnheit.

Auf der Abbildung im Bildband »Seesucht« blickt er direkt in die Kamera von Franz Bischof. Neugierig und offen, fast ein wenig verschmitzt - als hätte er den Fotografen fragen wollen: Ist es so gut, schaue ich in die richtige Richtung? Der Fischer von der größten Ostseeinsel ist einer von Hunderten, die Bischof ins Bild setzte und Kuchenbecker interviewte. Ihre Geschichten bringen uns einen Berufsstand nahe, den wir wohl selten realistisch wahrnehmen. Eher romantisch verklärt, denken wir nur an alte Gemälde mit der Nussschale auf dem Wellenbrecher, an Netze flickende, wettergegerbte Männer am Strand oder an den Ostseeurlaub, der ohne eine Begegnung mit dieser besonderen Spezies von Menschen unvollkommen bleibt. Sie haben unsere Bewunderung, weil sie sich Stürmen und Gefahren aussetzen, wenn sie den begehrten Hering aus den Meerestiefen holen. Und sie bleiben meistens geheimnisvoll, weil sie nicht zu den Plaudertaschen dieser Welt gehören.

Einige Geheimnisse werden auf den 272 Seiten dieses Bild- und Reportagebandes gelüftet. Jan Kuchenbecker hat es offenbar hervorragend verstanden, zu fragen. Die kleinen Geschichten, die er seinem jeweiligen Gegenüber entlockte, sind nur auf den ersten Blick beiläufig. Auf den zweiten schildern sie stets einen bedeutsamen Ausschnitt aus der Fischerei. Klaus Pinkis aus Rerik erzählt, wie sein kleiner Kutter im dichten Nebel von einem achtmal so großen Stahlriesen gerammt wurde, und er sich nur durch einen beherzten Sprung ins Wasser retten konnte. Seemannsgarn? Die Wasserschutzpolizei glaubte das zunächst und ließ ihn pusten. Da war es wieder, das Vorurteil des Trunkenboldes auf hoher See. Doch Pinkis schaut nicht nur so vertrauenswürdig und rechtschaffen aus wie der Anwalt der Herzen aus einer Nachmittagsfernsehserie, er hatte auch die Wahrheit erzählt.

Bischof hat die Fischer - einer heißt übrigens ganz selbstverständlich Fisch mit Nachnamen - vor einen schlichten Hintergrund gestellt, und ihnen ins Gesicht geschaut, »so direkt und unverstellt wie möglich«, wie er sagt. Nur die Posen und die Blickrichtung ändern sich immer mal ein klein wenig, reichen von unschuldiger oder aufrichtiger Miene bis hin zum diabolischen Blick von Hartmut Dieckmann aus Ueckermünde. Der Mann mit dem Salvador-Dali-Bärtchen identifizierte eines Tages im Metallschrott, den die Kollegen oft in den Netzen fanden, den Schleudersitz eines MIG-15-Piloten. Halluzination? Nein, es verhielt sich tatsächlich so. Die beiden Piloten hatten sich aus dem Armeeflugzeug retten können, welches ins Haff gestürzt war. Der Sitz kam später ins Museum.

Kuchenbeckers Geschichten und Bischofs Bilder verschmelzen in »Seesucht« zu einem historischen Ganzen. Die Fotos der porträtierten Männer mit den hervorgehobenen Konturen und der nahezu schwarz-weißen Färbung erinnern in dem einen Fall an historische Ikonenmalerei und in dem anderen an die Fotos von Gesuchten auf Polizeiplakaten. Nichts Überflüssiges lenkt vom Gesicht ab, das den Betrachter möglichst direkt anschaut. Gesucht werden sie übrigens wirklich, die Küstenfischer. Während viele von ihnen mit ihrer Berufswahl einer unstillbaren Sehnsucht nach der See folgen, die dem Werk auch seinen Titel verlieh, können immer weniger von ihrer Arbeit leben. Sie versuchen es mit Verkauf oder Vertrieb, sie widmen sich den Touristen oder sie steigen ganz aus. Eine Innung schrumpft. Wird sie eines Tages ganz verschwinden?

Nur ein paar Zahlen: 1959 zählte man in Freest, dem malerischen Dorf in der Nähe von Wolgast, 462 Einwohner, davon waren 111 Fischer. Heute sind es noch 24 mit 50 Kuttern, einige davon altersschwach. Ihre Hauptfeinde sind die fischfressenden Kormorane und die fischerruinierenden Bürokraten in Brüssel. So sehen sie es jedenfalls. Den Fischern fehle das Geld für Modernisierungen oder Neukäufe, sagt der Geschäftsführer der Freester Fischereigenossenschaft »Peenemündung«, Michael Schütt. Er verstehe nicht, wie man glauben könne, eine solche Flotte fische die Meere leer.

Das Verdienst des Bildbandes besteht auch darin, die Geschichte der Küstenfischer zu erzählen. Sie beginnt bei der ältesten deutschen Fischerinnung, dem Neustädter Fischeramt an der westlichen Ostsee, reicht über den Rückblick auf die hervorgehobene Stellung der Holmer Fischer in Schleswig. Sie lebten in einem eigenen Stadtteil, dem Holm. In dessen Zentrum befindet sich noch heute der Friedhof mit den alten Seemannsgräbern, auf deren Steinen Kreuz, Herz und Anker als Symbole für Glaube, Liebe und Hoffnung stehen.

Der unterschiedlichen Entwicklung der Küstenfischerei in der Bundesrepublik und der DDR wird ebenso Raum gegeben wie der industrialisierten Hochseefischerei und nicht zuletzt den Fischfangquoten der EU. So liefern die Autoren eine Dokumentation von großem Wert und künstlerischer Aussagekraft, der man zahlreiche Leser wünscht. Eine zweite Auflage gibt es bereits, für eine dritte wäre es wünschenswert, Rechtschreibung und Grammatik in den Texten zu berichtigen. Sie enthalten einfach zu viele Fehler für ein so schönes Buch.

Franz Bischof, Jan Kuchenbecker: Seesucht. Portraits (fast) aller Ostseefischer. 272 S., hardcover, 34 Euro.

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