Das Ende des Hipstertums

Schluss, aus und vorbei: Die »Zeit« beerdigt die Hipster, die Städte sind durchgentrifiziert

Die Wochenzeitung »Zeit« heilt alle Wunden. In der aktuellen Ausgabe erklärt Ijoma Mangold die Hipster für überholt. Jene Subkultur der Jungerwachsenen, die die westlichen Metropolen durchgentrifizieren, verteuern und vereinheitlichen in Richtung eines ziemlich austauschbaren sogenannten guten Geschmacks mit altertümlichen Bärten (Männer), alten Sonnenbrillen (Frauen), alten Frisuren (Männer und Frauen), viel Körperpflege und »Emo-Talk«, wie Mangold das nennt. Sie waren es, die die Biomärkte als Supermärkte durchsetzten, wie auch das Fixie-Fahrrad, das Craft Beer und die Rückkehr des Filterkaffees - in teuer. Auf Geld kam es ihnen nicht an, sie hatten genug, von Haus aus, und hielten deshalb ein WG-Zimmer für 500 Euro in Berlin-Neukölln für einen fairen Deal. Das kostete ja nur soviel wie ein Kulturwissenschaftsstudium im Monat auf einer der halbprivaten Berliner Hochschulen. Kein Ding, denn die Hipster fanden alles irgendwie ironisch und lustig.

Sie waren ein neuer Typus, rebellische Verbraucher, die sich in der Masse nonkonformistisch fühlen möchten. »Der Hipster ist eine Person, die Konsumentscheidungen - das richtige T-Shirt, die richtige Jeans, das richtige Essen - als eine Kunstform versteht. Er bewegt sich dabei zwar innerhalb der Grenzen des Massenkommerzes, sucht aber dennoch nach Distinktion und Exklusivität«, schrieb der US-Kulturtheoretiker Marc Greif im Jahre 2012. Und über ihr Gerede machten sich die Goldenen Zitronen schon vor 25 Jahren in dem Lied »0:30, gleiches Ambiente« lustig: »Was machst du so? / Ich bin in der Werbung. / Oh wow, das ist stark. / Ja, ich mag Menschen. / Ich auch, ich liebe Menschen (…) Hast du den neuen Quentin Tarantino schon gesehen? / Ja, ich mag Filme. / Ernsthaft? Ich auch, ich leihe mir oft Filme aus. / Wow, ich auch«.

Kann sein, dass die Hipster weg vom Fenster sind, wenn die Männer sich nun in ihren überteuerten Eigentumswohnungen ihre langen Bärte wieder abnehmen und die Frauen ihre Retro-Sonnenbrillen. Für Mangold wird es jetzt wieder inhaltlich: »Nach hip kam ›woke‹ - das erhöhte Bewusstsein für patriarchale Strukturen und weiße Privilegien«. Das gefällt ihm nicht besonders, zu politisch irgendwie, denn wer »woke« ist, lebe nicht ironisch, wirft er ein, »sondern im Ernstfall (der Klimakatastrophe) und ist auch sonst nie im Zweifel darüber, was gut und was böse, was links und was rechts ist.« Politische Entschiedenheit ist für Mangold entschieden übertrieben, ist die Welt denn etwa nicht mehr lustig? Bestimmt mag er auch Menschen und den neuen Quentin Tarantino.

Was er nicht schreibt: Früher war Hipster noch kein Schimpfwort. Da gab es den Hipster, aber nicht die Hipster. Das war eine coole Ausnahmefigur, keine uncoole Konsumentenbewegung. Entstanden in der Jazz-Szene der USA, im Bebop der 40er Jahre. Typ stylisher Durchblicker und magischer Realist. Hipstertum war auch eine Form der künstlerischen, proletarischen und schwarzen Selbstermächtigung. Also durchaus »woke«.

Vom Hipster wurde angenommen, dass er stets mehr als man selbst wusste. Kann man sich vorstellen, das es hip sein könnte, sich die »Zeit« zu kaufen, das Blatt der meist etwas betulich-akademischen Verwandtschaft, oft Lehrkräfte? Vielleicht, wenn man in die fünfte oder sechste Klasse geht und mit dieser dicken Zeitung durch die Gegend läuft. Bis irgendjemand sagt: »Oh wow, das ist stark« - »Ja, ich mag Zeitungen.«

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