Ein kritischer Imperativ

Noam Chomskys Vision eines freiheitlichen Sozialismus

Er ist der wohl berühmteste intellektuelle Außenseiter der USA: Noam Chomsky. In den 80er Jahren war er - folgt man einem bekannten Index - die Person, die weltweit am meisten zitiert wurde. Seit seiner vehementen Auseinandersetzung mit dem Krieg der USA gegen Vietnam in den 60er Jahren ist er einer der einflussreichsten linken Kritiker des Kapitalismus und Imperialismus überhaupt.

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Noam Chomsky: Über Anarchismus. Beiträge aus vier Jahrzehnten.
Verlag Graswurzelrevolution, 246 S., br., 17,90 €. •

Im Zusammenhang mit der Wahl von Donald Trump 2016 bezeichnete er die Republikanische Partei als die aktuell »gefährlichste Organisation der Weltgeschichte«, unter anderem auch deshalb, weil sie den Klimawandel leugnet. Im September 2020 hielt der damals 91-jährige Chomsky das Eröffnungsreferat auf der Gründungskonferenz der Progressiven Internationale in Reykjavik unter dem Titel »Rebellion oder Untergang«. Ein Buch unter diesem Titel ist gerade erst erschienen (Westend-Verlag). Chomsky machte deutlich: Seit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima am 6. August 1945 sei klar, dass die Menschheit fähig sei, sich selbst zu vernichten, und dass dieser Gefahr nur mit gemeinsamen Anstrengungen begegnet werden könne.

Der Literaturwissenschaftler Rainer Barbey hat jetzt dankenswerterweise Schriften und Interviews des US-amerikanischen Sprachforschers und sozialistischen Intellektuellen Noam Chomsky herausgegeben. In diesen Texten wird dessen anarchistische Vision skizziert. Die von Barbey publizierten Schriften Chomskys geben tiefe Einblicke in dessen sozial-philosophisches Denken und politisch-strategischen Ansätze. Beeindruckend ist vor allem die offene, völlig undogmatische Herangehensweise, die Chomsky pflegt. Sein anarchistisches Credo ist sehr schlicht. Es ist der »Gedanke, dass jede Form von Autorität und Herrschaft und Hierarchie, jede autoritäre Ordnung, nachweisen muss, dass sie begründet ist. (…) Und wenn man das nicht begründen kann, handelt es sich um unrechtmäßige Autorität, die zerstört werden sollte.« Chomsky fügt dem offenherzig hinzu: »Um die Wahrheit zu sagen: Viel mehr verstehe ich eigentlich nicht unter Anarchismus.« Dies könnte man als den kritischen Imperativ des Anarchismus von Chomsky sehen. Ich allerdings würde behaupten, dass - folgt man diesem Imperativ - viel Autorität gebraucht wird, gerade um die globale Erwärmung und Zerstörung der Vielfalt des Lebens auf der Erde zu stoppen.

Immer wieder kommt Chomsky darauf zu sprechen, dass es eines Konzepts der menschlichen Natur bedarf: Unter der Voraussetzung, dass die »wichtigste menschliche Fähigkeit, die Fähigkeit zu und der Wunsch nach kreativer Selbstäußerung, nach freier Kontrolle aller Aspekte unseres Lebens und Denkens ist«, fasst Chomsky seine Vision positiv dann auch als Aufgabe, »Formen gesellschaftlicher Organisationen zu konzipieren, die die freieste und vollständigste Entwicklung des Einzelnen, der Möglichkeiten jedes Einzelnen, in welche Richtung es auch sei, erlauben würden«. Chomskys Kritik von Kapitalismus, autoritären oder sogar totalitären Konzernstrukturen und bürokratischer, Experten- oder Parteiherrschaft speist sich aus dieser Vision einer Assoziation der Freien.

Chomskys Ansatz ist dort stark, wo er sich den Widersprüchen zwischen dieser großen Vision und den konkreten Zielen stellt, die dann für einen Anarchisten entstehen, wenn er fordern muss, dass unter den gegebenen Bedingungen bestimmte staatliche Strukturen der sozialen Wohlfahrt und der Konzernkontrolle gestärkt werden müssen. Er ist auch dort stark, wo der experimentelle Charakter von konkreten Reformschritten betont wird, denn immer handele es sich um komplexe Systeme, »die niemand so richtig versteht«. Die aufgeklärte Skepsis eines großen Sprachwissenschaftlers gegenüber zu einfachen Lösungen macht sich geltend.

Liest man das Buch genauer, werden einem aber auch die Probleme des von Chomsky verfolgten Ansatzes deutlich. So stark seine Kritik von Kapitalismus oder Staatssozialismus ist, so widersprüchlich sind die positiven Orientierungen. Was ist, wenn die konkreten Ziele, wie oben deutlich geworden sein sollte, nicht zum Abbau, sondern zur Stärkung von Staatlichkeit (als sozialer Schutzinstanz gegenüber dem entfesselten Kapitalismus) führt? Was ist daran dann noch Anarchismus? In einem im Buch abgedruckten Interview verweist Chomsky positiv auf die Kibbuzim, »die für einen langen Zeitraum wirklich auf anarchistischen Prinzipien gegründet waren«, um an anderer Stelle von seinen eigenen Erfahrungen zu berichten, dass die »libertäre Ordnung des Kibbuz (…) etwas sehr Autoritäres an sich« habe. Der Konformitätsdruck sei enorm, und nicht zufällig würden viele Führungsoffiziere der Eliteeinheiten Israels aus den Kibbuzim stammen.

Es ist auch eigentümlich, dass sich Chomsky nicht den Widersprüchen zwischen der negativen Freiheit (Freiheit wovon?) und der positiven Freiheit gemeinsam verbindlicher Entscheidungen (Freiheit wodurch?) stellt. Jean-Jacques Rousseau wird teils ins autoritäre Lager verbannt, teils mit Bakunin als Bourgeois-Liberaler gesehen. Dessen fundamentale Unterscheidung zwischen dem Willen der vielen als Einzelne und dem Willen aller zusammen als Glieder der Gesellschaft bleibt ungenannt. Auch der Konflikt zwischen Bakunin und Marx wird nicht kritisch analysiert.

Chomsky macht selbst auf einen schreienden Widerspruch aufmerksam: »(…) es ist richtig, dass die anarchistische Weltsicht (…) immer danach gestrebt hat, staatliche Macht abzubauen - und ich persönlich teile diese Weltsicht. Momentan jedoch läuft dies meinen politischen Zielen direkt zuwider.« Wie er daran anfügen kann, dass er »darin keinen Widerspruch - wirklich überhaupt keinen« sehe, ist (mir zumindest) völlig unverständlich. Welche linke Vision auch gewählt wird - Anarchismus, Sozialismus, Kommunismus und so weiter -, sie alle müssen in der Lage sein, sich relativ logisch konsistent den Widersprüchen der realen emanzipatorischen Bewegungen zu stellen - oder sie erweisen sich als Opium der Linken. Dies sollte mit dem Anarchismus nicht passieren, wenn er Zukunft haben soll.

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