Die Gefahr in der guten Stube

Laut einer Studie der TU Berlin treibt vor allem der private Bereich das Infektionsgeschehen. Mangels Teststrategien gibt es kaum Aussicht auf Besserung

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 3 Min.

Einzelne Corona-Cluster in Schlachtereien auf der einen Seite, vielfältige Homeoffice-Regelungen auf der anderen Seite - beim Infektionsgeschehen gibt der Bereich der Unternehmen ein uneinheitliches Bild ab. Und er gleicht fast einer Black Box, da kaum belastbare Daten oder gar Studien vorliegen. Ein paar Hinweise gaben lediglich zwei Krankenkassen, die bei der Auswertung von Krankschreibungen ihrer Versicherten zu dem Ergebnis kamen: Höhere Covid-19-Fallzahlen gab es nur beim systemrelevanten Gesundheits-, Pflege-, Schul- und Kitapersonal. Allerdings sagen Krankschreibungen nichts darüber aus, wo sich die Leute infiziert haben.

Ist es richtig, dass der private Bereich streng reguliert wird, in der Wirschaft einzelne Branchen komplett dichtgemacht werden, während andere außen vor bleiben? In dieser Frage bringt eine neue Studie etwas Licht ins Dunkel. Wissenschaftler*innen aus dem Fachgebiet Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik der Technischen Universität Berlin haben untersucht, wie hoch das Infektionsrisiko in einzelnen Bereichen ist. Ergebnis: »Private Besuche treiben das Infektionsgeschehen.« Vor allem Bereiche, in denen ungeschützte Kontakte in Innenräumen weiterhin möglich seien, würden die Reproduktionszahl deutlich über 1 treiben.

Der sogenannte R-Wert ist die Anzahl der Menschen, die im Durchschnitt von einer infizierten Person angesteckt werden. Bei einem Wert unter 1 flaut die Epidemie ab, wovon wir laut der Studie weit entfernt sind. Bei gegenseitigen Besuchen, die in der Regel ohne Masken und Schnelltests stattfinden, liegt der R-Wert am höchsten: bei 0,6. Bei Kontakten im eigenen Haushalt beträgt er 0,5. Kontakte bei der Arbeit tragen 0,2 zum R-Wert bei, wenn es sich nicht um Einzelbüros handelt und wenn ohne Maske gearbeitet wird. Dieselbe Zahl ergibt sich in den Schulen bei vollständiger Öffnung. »In der Summe führen die einzelnen Beiträge zu einem R-Wert deutlich über 1 und damit zu höheren Inzidenzen und einer stärkeren Krankenhausbelastung als im Dezember 2020«, fasst Institutsleiter Kai Nagel die Ergebnisse zusammen.

Das Team der TU nutzt seine Daten aus der Verkehrsplanung für ein neu entwickeltes Modell zur Ausbreitung des Coronavirus unter verschiedenen Annahmen. Die Simulationen, die auch das Auftreten der ansteckenderen Mutation B117 berücksichtigen, zeigen deutlich: Infektionen finden praktisch nur in Innenräumen in den Bereichen eigener Haushalt, privater Besuche, Arbeit und Schule statt, wenn es dort zu länger andauernden Kontakten ohne Maske kommt. »Unsere Berechnungen ergeben, dass es effektiver ist, alle Bereiche zu beteiligen, als in einem einzelnen Bereich weitere Schutzmaßnahmen hinzuzufügen«, heißt es in der Studie. So habe die vollständige Schließung nicht-essenzieller Geschäfte »kaum zusätzliche Wirkung« gehabt, nachdem zuvor bereits die Maskenpflicht eingeführt war.

Allerdings haben die Berliner Wissenschaftler*innen auch eine positive Perspektive: »Sollte es möglich sein, eine Teststrategie durchzusetzen, die die Bereiche Bildung, Arbeit und Freizeit im großen Umfang abdeckt, könnten die Fallzahlen der dritten Welle effektiv abgesenkt werden.« Allein für Berlin würde das die Durchführung von rund 3,4 Millionen Tests pro Woche bedeuten. Ob solche Mengen zur Verfügung stehen, bleibt aber bislang unklar. Ein ganz schlechtes Zeichen ist, dass diese Frage beim Bund-Länder-Treffen im Gegensatz zu den Osterbesuchen kaum eine Rolle gespielt hat.

Das Impfprogramm wird laut der Studie auch nicht weiterhelfen: Bei Fortsetzung des derzeitigen Impftempos werden Mitte April knapp 15 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Erstimpfung haben. Das senke den R-Wert ungefähr um 15 Prozent und sei deutlich zu wenig, um die durch die Virusvariante B117 verursachte Erhöhung des R-Wertes auszugleichen. Selbst eine 50-prozentige Erhöhung des Impftempos ab 1. April würde nichts mehr ändern, so die Autor*innen.

Und so bleibt nach den langen Monaten des Lockdowns nur die vage Hoffnung auf eine Wiederholung von 2020: dass die warme Jahreszeit, in der sich alle vermehrt im Freien aufhalten, für Entspannung sorgen wird.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung