Sturgeon in starker Position

In Schottland gehen die Unabhängigkeitsbefürworter trotz Negativschlagzeilen als Favorit in die Wahlen

  • Ian King, London
  • Lesedauer: 3 Min.

Nicola Sturgeon, Schottlands Erste Ministerin und Vorsitzende der unabhängigkeitsbefürwortenden SNP, kann sich der neuesten Umfrage zufolge auf eine knappe absolute Mehrheit bei den Wahlen zum Edinburgher Parlament am 5. Mai freuen. Damit wird für Premier Boris Johnson »Indyref 2«, eine zweite Unabhängigkeitsabstimmung nach dem Scheitern 2014, akut - mit der Möglichkeit der Zerschlagung Britanniens.

Das hat Johnson sich selbst zuzuschreiben. Mit der von seinen Konservativen durchgepeitschten, von 62 Prozent der Schotten abgelehnten harten Brexit-Politik kam der Zögling der Eliteschule Eton nördlich des Tweed denkbar schlecht an. Die nach der Unabhängigkeitsniederlage - laut SNP-Führern eine Chance, die in einer Generation nur einmal vorkommt - desillusionierte Partei bemerkte ständig steigende Umfragezahlen der Trennungsbefürworter, bis auf 58 Prozent. Chefin Sturgeons Werte stiegen parallel.

Teller und Rand - der Podcast zu internationaler Politik

Teller und Rand ist der neue ndPodcast zu internationaler Politik. Andreas Krämer und Rob Wessel servieren jeden Monat aktuelle politische Ereignisse aus der ganzen Welt und tischen dabei auf, was sich abseits der medialen Aufmerksamkeit abspielt. Links, kritisch, antikolonialistisch.

Dann kam ein von Johnson, aber auch von den Labour- und Liberalenchefs höchst erwünschter Dämpfer für die SNP-Hoffnungen. Nein, nicht dass ihre schlechte Sozial- und Gesundheitspolitik wirklich ins Rampenlicht getreten wäre. Schließlich betrug die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer in Glasgows Arbeitervierteln vor der Coronakrise gerade einmal 57 Jahre. Die SNP regiert in Edinburgh seit 14 Jahren, kann sich nicht mit Fehlern von Labour und den Tories herausreden. Sturgeon entließ zwar ihre Gesundheitsministerin, macht aber munter weiter, obwohl sie selbst einen Glasgower Arbeiterwahlkreis vertritt. Aber das Publikum gab sich zufrieden, auch der neue Labour-Chef Anas Sarwar kommt trotz klarer Regierungsfehler nicht durch, der Tory-Chef Douglas Ross, in seiner Freizeit Fußballschiedsrichter, pfeift vergeblich.

Doch schimmerte Menschliches, in Form von Intrigen, bei der SNP durch. Sturgeons Vorgänger Alex Salmond, einer der umstrittensten schottischen Politiker, bekam einen Prozess wegen Frauenbelästigung und versuchter Vergewaltigung im Edinburgher Amt. Er hoffte vergebens auf Unterstützung durch seinen früheren Schützling Sturgeon. Eine Jury sprach Salmond frei, aber ein Geschmäckle blieb an ihm hängen. Sturgeon hat sich als Verteidigerin der Frauenrechte erwiesen, aber einen Todfeind gewonnen. Salmond wies ihr wenigstens unbeabsichtigte Lügen sowie eine - an den Haaren herbeigezogene - Hetzkampagne gegen ihn nach. Ein unabhängiger Untersuchungsrichter entschied in Sturgeons Sinne, sie durfte im Amt bleiben. Die Zahl der Unabhängigkeitsbefürworter sank um fünf Prozent, blieb jedoch über der 50-Prozent-Marke.

Der nächste Schachzug von Salmond war die Gründung einer neuen Partei, denn wie in den Western-Filmen war die SNP nicht groß genug für beide Kontrahenten. Alba, das gälische Wort für Schottland, wurde bei einem Zoom-Meeting aus der Taufe gehoben. Laut Salmond sollte sie eine »Supermehrheit« der Unabhängigkeitsbefürworter im neuen Parlament garantieren, indem sie die der SNP durch zu viele gewonnene Wahlkreise entgehenden Zweitstimmensitze aufsaugen würde. Jeder Schotte kapierte: Salmond wollte eigentlich seine Feindin Sturgeon von ihm im Parlament abhängig machen und sie vorführen.

Die neue Umfrage sieht diesen Ausgang sogar als möglich an: 65 der 129 Sitze würden demnach Sturgeons SNP zufallen, sechs bekäme Alba und acht entfielen auf die Trennungsbefürwortenden Grünen. Die Konservativen kämen auf 24, Labour auf 22, die Liberalen auf ganze fünf Parlamentssitze. Damit könnte die SNP ihre Volksabstimmung durchs Parlament bringen. Dies würde dann den Londoner Premier Boris Johnson vot große Probleme stellen, der bisher eine solche Abstimmung ablehnt, sich jedoch gegen den durch ein solch klares schottisches Wahlergebnis legitimierten Akt nur schwer durchsetzen könnte. Fazit: Wie im altchinesischen Fluch leben die Briten in interessanten Zeiten.

#ndbleibt – Aktiv werden und Aktionspaket bestellen
Egal ob Kneipen, Cafés, Festivals oder andere Versammlungsorte – wir wollen sichtbarer werden und alle erreichen, denen unabhängiger Journalismus mit Haltung wichtig ist. Wir haben ein Aktionspaket mit Stickern, Flyern, Plakaten und Buttons zusammengestellt, mit dem du losziehen kannst um selbst für deine Zeitung aktiv zu werden und sie zu unterstützen.
Zum Aktionspaket

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal